Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Ernst Niekisch – Die neue Haltung

Ernst Niekisch
Ernst Niekisch

Aus: Entscheidung, Berlin: Widerstand 1930, S. 157-162

“Männer machen die Geschichte“: wie viel Vorbehalte, Einschränkungen, Ergänzungen man diesem Wort gegenüber immerhin zur Geltung bringen mag, sicher ist das eine, dass neuschöpferische Taten eine neue menschliche Haltung voraussetzen.

Eine ungewöhnliche menschliche Art, die Dinge zu sehen und anzupacken muss vorhanden sein, bevor neue folgenschwere Entwicklungen in Fluss kommen und Gestalt gewinnen können. Jede große Aufgabe, die die Geschichte stellt, bedarf einer ihr gemäßen menschlichen Seelenform; wer am Werk der Zukunft entscheidend und bahnbrechend mitarbeitet, muss bereits vom Geiste dieser Zukunft ergriffen sein.

Man spürt sinnfällig, wie sehr der Träger und Vorkämpfer der deutschen Freiheitspolitik, der deutsche „Nationalist“ ein abweichender, rätselvoll ausgerichteter Menschentypus ist! Noch steht er inmitten des deutschen Volkes als ein Mensch aus einer andern Welt, als ein unheimlicher Gast, mit seltsam glühenden Augen, mit einer beunruhigenden Gehaltenheit des Wesens, einer geheimnisvollen Kühle, einer nur dumpf zu ahnenden Sprungbereitschaft, einer unter Deutschen merkwürdigen Unsentimentalität, einer schneidenden Gleichgültigkeit für überkommene Zustände, einer harten Geschmeidigkeit, die nie zu fassen, nie festzuhalten ist, einer jeglichen Tat fähigen Entschlossenheit. Dieser Mensch wurde durch ein Grunderlebnis geformt, das ihn aus dem Zusammenhang seiner Gegenwart ein für allemal herausgerissen hat: er hat das deutsche Schicksal in dessen schaurigster Nacktheit und entsetzlichster Ausweglosigkeit geschaut; ihn berührte der Eiswind deutscher Hoffnungslosigkeit und er hing schon über dem Abgrund lichtloser Verzweiflung. Dabei gewann er den empfindlichen Blick für das Notwendige und die mitleidslose Verachtung alles Zufälligen, Überflüssigen, Nebensächlichen. Es entwickelte sich in ihm jene Wesenshärte, die sich unerschrocken aufmacht, das geschaute Notwendige auch zu tun und die erbarmungslos den Hammer schwingt, um selbst Pyramiden trauten, herzwarmen Menschenglücks zu zertrümmern, wenn sie den Weg der deutschen Freiheitssehnsucht verlegen.

Den Weg verlegt gegenwärtig aber das meiste dessen, was aus der Zeit vor 1914 stammt. Jenes Deutschland, das der Prüfung des Weltkrieges entgegentaumelte und dann die Prüfung nicht bestand: jenes Deutschland hat kein Recht mehr da zu sein – auch in seinen Überbleibseln nicht mehr. Seine Ordnungen und Zustände waren gewogen und zu leicht befunden worden. Die Reste, die sich über 1918 hinweggerettet hatten, sind keine Bausteine mehr, sondern sind Ballast, Abfall, Wust, Leben erstickender Schutt. Noch hängen die Herzen Tausender daran. Es war doch alles einst ihre Seligkeit gewesen und nunmehr ist es das letzte, was sie noch in Händen halten: schöne Erinnerung, Strohhalm, der allein sie noch vor dem Ertrinken bewahrt. Aber indem sie krampfhaft die Ruinen verteidigen, haben sie weder Arme noch Kraft, um das Werk zu vollbringen, das unserm Volke aufgebürdet ist.

Daher setzt der Nationalist den Spaten an, damit „aufgeräumt“ werde. Er achtet nicht politische Formen, soziale Ordnungen, wirtschaftliche Einrichtungen; er wirft auch die Mauern um, hinter denen Anspruchslose, Verängstigte und Verschüchterte seit 1918 immer noch etwas Wärme und Schutz vor Regen und Wind gefunden hatten. Er scheint Nihilist zu sein, ein unterirdischer Maulwurf, ein Bombenwerfer vielleicht und ein Verschwörer gegen alles, was noch im Geruche der Heiligkeit steht. Sein Lebensgefühl, seine Wertmaßstäbe fallen gänzlich aus der Zeit; sie sind in einem unverständlichen und erregenden Maße „unzeitgemäß“.

Es folgt aus der Besonderheit der modernen gesellschaftlichen Struktur, dass der Nationalist insbesondere betont unbürgerlich und gegenbürgerlich sein muss. Das Bürgerliche hat Deutschland verdorben; das Bürgerliche verabscheut er wie einen Aussatz, und gegen das Bürgerliche inmitten des allgemeinen deutschen Daseins zieht er zu Felde, wie man es einer Seuche gegenüber tun muss. Er ist zu wagemutig, zu entschieden, zu kämpferisch, zu unbedingt, um noch bürgerlich in irgendeinem Sinne sein zu können; er weiß, dass im deutschen Volke der gleiche Wagemut und Kampfeswille, die gleiche Entschiedenheit und Unbedingtheit aufflammen müssen, wenn es sich je noch seines Tributjochs entledigen soll. Eben dieses Ausweichen vor Entscheidungen, diese
Geneigtheit zu schimpflichem Verhandeln und entehrendem Vergleich, dieser Hang zu befriedetem Behagen und zu dumpfer Sicherheit: sie sind es, die Deutschland in seiner Schmach und Ohnmacht festhalten. Keine Sicherheit lockt die Nationalisten; Abenteurer sind sie aus nationaler Hingabe, gefährlich ist ihr Tagewerk, gefährlich zu leben ihre Leidenschaft.

Das „Antibürgerliche“ wurde bisher mit dem „Marxistischen“ gleichgesetzt. Vom Standort jener neuen nationalistischen Haltung aus erscheint das Bürgerliche und Marxistische als untrennbare Einheit. Das
Bürgerliche und Marxistische stimmen in Lebensgefühl und Werthaltung überein; den wirtschaftlichen Gütern wird die oberste Rangstufe zuerkannt. Zweck des Daseins überhaupt seien Wohlstand und Wohlfahrt, Lebensgenuss und Lebenssicherung, Reichtum und Geborgenheit. Der gesellschaftlich-wirtschaftliche Blickpunkt beherrscht das gesamte Weltbild; der Staat, an sich ein rein politisches Phänomen, gerät in den Prozess der Aufweichung seines strengen unerbittlichen
Herrschaftscharakters; er verflüchtigt sich hier zum liberalen Rechtsstaat, dem schließlich nur noch Wachhundfunktionen übrigbleiben. Er wird dort, nachdem er zwischendurch zum Wohlfahrtsstaat degeneriert war, am Ende in die „Rumpelkammer“ geworfen. Die Außenpolitik wird zum Inbegriff des Feilschens um Absatzmärkte, der Jagd nach Rohstoffgebieten, der Regelung des internationalen Handelsverkehrs; die Innenpolitik erschöpft sich in Klassenkämpfen, – wenn es gut geht, in
Klassenkompromissen.

Gleich weit vom Bürgerlichen wie vom Marxistischen entfernt steht der Nationalist; beide empfinden sie ihn als ihren Verneiner, als ihren unbestechlichen Todfeind. Er ist der Mensch, in dem der Lebenswille des deutschen Volkes unmittelbar nach Sprache und Ausdruck ringt, der Mensch, durch den hindurch das Wesensgesetz seines Volkes, das von Jahrtausenden her wirkt, seine Ansprüche anmeldet. In ihm und durch ihn gelangen Kern, Ursubstanz und Urgestein des völkischen Seins zu Wort und Tat. Seine Ehrfurchtslosigkeit gegen das Heutige und Gestrige entspringt in Wahrheit einer Ehrfurcht sondergleichen: der Ehrfurcht vor dem, was unter dem Heutigen und Gestrigen verschüttet ruht, was aber bloßgelegt werden muss. Nur dem Wesentlichen gegenüber fühlt er sich verpflichtet und sehr ernst und ausschließlich nimmt er diese Verpflichtung. Dem Bestehenden gegenüber scheint er erschreckend voraussetzungslos zu sein; weder der Monarchie noch der Republik, weder der Autokratie noch der Demokratie, weder dem Kapitalismus noch dem Sozialismus fühlt er sich verhaftet. Nichtsdestoweniger bindet ihn eine Voraussetzung: das Gebot der Lebensnotwendigkeiten seines Volkes. Dies Gebot ist der Maßstab, mittels dessen er sein Verhältnis zur Umwelt ordnet; den ganzen Umfang aller Erscheinungen und Einrichtungen lässt er nur insoweit gelten, als sie innerhalb der obwaltenden Zeitlage der Macht- und Selbstentfaltung seines Volkes zur Förderung gereichen – an sich bedeuten sie ihm insgesamt nichts. Unduldsam steht er allen Rechtsnormen, Ordnungen, Gebräuchen, Gütern, Werttafeln gegenüber, die etwas für sich zu sein begehren; indem sie auf einem ihnen innewohnenden Eigenrecht beharren, verzetteln und zersplittern sie die Kräfte des Volkes und lenken diese vom Kampf der völkischen Selbstbehauptung ab. So grenzenlos ist die Lebensnot des deutschen Volkes, dass der Umkreis aller Daseinsinhalte lediglich noch als eine Summe von Mitteln behandelt werden darf, dieser Not zu steuern: der Rang jedes Mittels wird durch den Grad der Brauchbarkeit für den völkischen Selbsterhaltungszweck bestimmt.

Unmittelbar und ursprünglich aus den Gründen des Lebenswillens, Geltungsstrebens und Selbsterhaltungsdranges eines Volkes heraus zu denken und zu wirken: das ist im eigentlichen und ungebrochenen Sinne Politik. Politik ist reines, zu Taten gerinnendes Schicksal; der Nationalist ist Vollstrecker des Schicksals, ist der schlechthin und vorbehaltlos politische Mensch.

Dass er sich als Vollstrecker des Schicksals weiß: das gibt ihm seine Unerschrockenheit und Unerschütterlichkeit, seine Ausdauer und Zähigkeit, seine Tapferkeit und Festigkeit, im gegebenen Augenblick auch seinen Mut zum Furchtbarsten. Das schenkt ihm seine Beweglichkeit, die sich jedes Schlupfwinkels und Hinterhalts, jedes Seitenpfads und Umwegs zu bedienen weiß und doch nie irre geht, sondern stets ihrer Richtung gewiss ist. Das verleiht ihm das gute Gewissen, auch in dem Augenblick, in dem er Götzenbilder zerschlägt und Tempel verbrennt: er hat die Sicherheit, dass das Göttliche seines Volkes bei dem allem unversehrt bleibt. Das legitimiert ihn auch: eben aus dem Urwillen seines Volkes heraus handelnd ist er zu allem befugt, ist ihm kurzweg alles erlaubt; insoweit er diesen Urwillen verkörpert, ist er unbeschränkt, ist er souverän.

Souverän, ohne Hass und ohne Liebe, fällt sein prüfendes Auge auf die bürgerliche Welt; seine Unheimlichkeit ist, dass er sie, die noch so tief in den Herzen der Massen wurzelt, kraft des höheren Rechtes der deutschen Lebensnotwendigkeiten verwirft, verwerfen muss. Der Kassenschrank ist ihm kein Heiligtum; er ist die Bundeslade einer fremden verruchten Religion, deren kultische Formen und göttliche Gestalten verderberisch und daher widerwärtig sind. Die Profitrate bringt ihn nicht von Sinnen; sie ist ihm ein unsauberes, stinkendes Bestechungsgeld, das das deutsche Volk verführen will, seine Sendung im Stich zu lassen. Der Patriotismus des privateigentumssüchtigen Bürgers enthüllt sich angesichts der strengen Forderung des Nationalisten als lächerlich; der Bürger will nur das nationale Lippenbekenntnis, nie aber das Opfer seiner schäbigen Habe. Dass der Nationalist den Bürger in seiner feigen, erbärmlichen Windigkeit entlarvt: das verletzt den Bürger am schmerzlichsten, das erfüllt ihn mit jener giftigen Gehässigkeit, die sich des unbequemen Mahners entledigen möchte, indem sie ihn von hinten her beschleicht, ihn den Verleumdungen einer geifernden Presse ausliefert und darauf sinnt, ihn in der humanitären Luft fortschrittlicher Gefängnisse vermodern zu lassen.

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