Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Anfang oder Ende der Deutschen Revolution?

Von: Fritz Wolffheim
Aus: „Das Junge Volk“, Plauen, XI, 2. November 1929

Die deutsche Revolution von 1848 war der erste Versuch, mit revolutionären Mitteln die Deutsche Frage zu lösen, die sich vor der Nation erhob, als das revolutionäre Frankreich sich in der „grande nation“ die staatliche Form der bürgerlichen Gesellschaft gegeben und unter Napoleons Fahnen die endgültige Auflösung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ gewaltsam vollzogen hatte. Der Tag des verdämmerten Römischen Reiches war erloschen; unter dem Schleier der heraufziehenden Nacht barg sich die Morgenröte des kommenden deutschen Tages.

Was sind 100 Jahre Geschichte im urewigen Ablauf eines Geschehens, das Weltsysteme und Erden entstehen läßt, das Völker emporführt und wieder versinken läßt im Urmeer zukunftsträchtiger Gestaltung? Die Krone Preußen und die Krone Österreich suchten die Trümmer eines Reiches zu galvanisieren, das vergangen war, aber unter dem Schutt und Moder verstaubter Institutionen regte sich kräftig neues Leben, das aus dem Zukunft gestaltenden Werke königlich preußischer Philosophen und Professoren ebenso ewig-junge Kräfte sog, wie aus dem Wissen von der Größe einer deutschen Vergangenheit, die sich zwei Jahrtausende wider die römische Weltmacht mehr oder weniger ursprünglich erhalten hatte, und die nicht ausgelöscht war, als der letzte hohle Schatten cäsarischen Purpurs in deutschen Landen in Nacht versank. Übergangszeit, in ein Zwielicht des reflektierenden Gestern und des heraufdämmernden Morgen getaucht, war das Jahrhundert, das nach der in ihren wesentlichen Zielen gescheiterten Revolution von 1848 in drei gewaltigen Kriegen das Bismarcksche Reich erstehen ließ – und neben ihm Haus Österreich mit den letzten Fetzen alten römischen Kaiserpurpurs. Zwischenspiel: die Zeit des Liberalismus mit der Libertinage des entfesselten Individuums; Auflösung aller Bindungen überkommener Autorität, der die universalistische Verwurzelung entschwunden war, und schon dröhnten die ersten Weckrufe neu aufkommender Verpflichtung an die Gemeinschaft durch die Welt, und das wundervolle Instrument der deutschen Philosophie eines Kant, Fichte und Hegel, ins Deutsche ausgeweitete Idee lebendiger Praxis aus der Großzeit preußischer Staatsgestaltung fand seine universellen Miester in den großen Erweckern verdämmernder Menschheit: Karl Marx und Friedrich Engels; Ferdinand Lassalle und Joseph Dietzgen. Schon jubelten des Sieges Signale die frohe Botschaft vom kommenden Tage der freien Völker in die aufhorchende Welt. Da läuteten des Weltkriegs Geschütze die Weltwende ein – und siehe, die große Zeit fand ein kleines Geschlecht. Und zum Spottwort arrivierter Libertiner, die sich über das Volk erhoben, von dessen Tat die neue Gestaltung der Erde abhängt, wurde das Wort: Weltrevolution.

Es ist ein billiges Vergnügen, die Männer zu preisen, die im August 1914 ihr deutsches Herz entdeckten und „das Vaterland in der Stunde der Not nicht im Stich ließen“. O wie billig ist doch im Weltkrieg die patriotische Geste! Jawohl, sie bewilligten die Kriegskredite, sie opferten mit Begeisterung Gut und Blut, sie schlossen sich hinter der Kaiserlichen Regierung wie eine eherne Mauer zusammen, sie riefen zum „Durchhalten“ auf, noch im September 1918 „bis zum letzten Hauch von Roß und Mann“ – und blieben siegesgewiß zu Hause in den sicheren Sesseln ihrer Parlamente, von lebenden Mauern geschützt. Sie waren ihres Sieges gewiß so oder so. Denn eine der einander verbissenen Parteien mußte ja schließlich den Sieg erringen, und welche auch immer Sieger war, sie hatten Vorsorge getroffen, dazu zu gehören. Kehrte der Kaiser siegreich heim, wem verdankte er den Sieg in höherem Grade als „seinen getreuen Sozialdemokraten“, und brach im Weltsturm, gezwungen durch technische Übermacht von außen und geistige Ohnmacht von innen die deutsche Front zusammen, nun so verkündete eben der sozialdemokratische Kaiserliche Staatssekretär „Das Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt“.

War es der Ausklang des Zwischenspiels ekler Libertinage einer Zeit, in der alle Werte in ihr Gegenteil verbogen wurden, alle Unwerte sich mit der Gloriole des Allerheiligsten spreizten? Die berufsmäßigen Demagogen, die durch die Kriegsanleihe das Geld der anderen mobilisierten, das sie später durch Inflation auf ihre Mühlen zu leiten verstanden – sie waren die Patrioten! Sie, sie kritiklos und verantwortungslos – denn die Verantwortung trug vor der Weltgeschichte ein anderer Mann – das Blut der halben Kinder und der halben Krüppel einsetzten, sie waren „unabkömmlich“ zu Hause oder in ziviler Mission oder als Gäste im Kaiserlichen Hauptquatier von dem Mann empfangen, der naiv in ihnen das arme Volk zu ehren glaubte. Und während sie den Burgfrieden beschworen, um uns jede Kritik an ihnen unmöglich zu machen mit Hilfe der kaiserlichen Generäle im Lande, zu konspirieren mit der Libertinage der ganzen Welt. Was Wunder schon, daß am Ende des ersten Weltkrieges nicht der offene Durchbruch stand zur Weltrevolution, sondern dass die Libertiner aller Länder sich vereinigten gegen die Revolutionäre aller Völker, und daß der Versuch, in revolutionärer Erhebung das Steuer zum revolutionären Abwehrkrieg herumzureißen, im Dreck und Schlamm des Lügensumpfes erstickte, der die Front zerriß, den Bruder wider den Bruder stellte, und mit der Lüge von der vollzogenen Revolution die aufflammende Revolution erdrückte und erstickte? War es ein Ausklang des Zwischenspiels, oder soll das, was damals geschah, für unabsehbare Zeiten das Bewegungsgesetz des deutschen Volkes entscheidend bestimmen?

Man hat das „alte System“ vernichtet, man hat „die Republik“ geschaffen, man führt jetzt Deutschland auf eigene Weise herrlichen Zeiten entgegen. Nun wohl: das alte System war das System der preußischen Könige; es war ein Panzerkleid, dem Leibe der Nation zu eng geworden, die in den Feuern des Weltkrieges heranreifte, zum ersten Male sich aus Preußen, Bayern, Sachsen, Hanseaten, Österreichern als Deutsches Volk erlebte, das Volk in Waffen, das frei war, wenn es sich von denen befreite, die es zu Cliquen- und Klüngelinteressen schamlos zu mißbrauchen trachteten. Das war nicht mehr das „alte System“, das da in der Etappe und im Lande vor den Augen einer erwachenden Nation stand, die in den Schützengräben zwischen Offizier und Mann den letzten Bissen verschimmelten Brotes, die letzte Zigarette als „Kippe“ teilte. Das alte System war auf Zwang aufgebaut, auf Zwang zu harter Pflicht im Dienste der Idee einer Gemeinschaft, die durch die Totalität der Weltzusammenhänge gebundene Schicksalsgemeinschaft war. Was sich da spreizte als „altes System“ – das war der Bodensatz, der emporstieg, als die Kraft des Landes außerhalb des Landes war, auf den Schlachtfeldern der halben Erde kämpfte, blutete und starb. Das „alte System“, das in den ersten Novembertagen die Flut zu meistern suchte, die sich, um Ordnung zu schaffen, ins Land zu ergießen drohte, das war die negative Kehrseite des kaiserlichen Deutschland. Jene schlemmende und schmarotzende Schicht von Kriegsverdienern und Kriegsverderbern, die sich hinter den kommandierenden Generälen im Lande vor der Wut des Volkes zu bergen trachtete, die sich zusammenballend alle Dämme von Gesetz und Gewohnheit zu überfluten drohte. Und gegen dieses System und gegen diese Schicht hat sich die Volksrevolution und der Soldatenaufstand vom ersten Tage an gerichtet. Gegen diese Schicht und gegen alle, die sich schützen, die Gewehre umzudrehen, war millionenfaches Gelöbnis in der verbissenen Wut einsamer Nächte, war heiligstes Vermächtnis eines jeden, der gefallen war, war leidenschaftlichstes Entflammen in den wenigen Tagen des Aufschwungs und des Glücks vom 6. – 9. November 1918, als endlich nach dem Zusammenbruch des Hauses Habsburg die Zeit gekommen schien, wo die Gnade des Geschicks den Frontkämpfern des Weltkrieges gestattete, unter Vernichtung aller Volksverderber dem ganzen deutschen Volke das Gesetz aufzuerlegen, das sich als Lebensgesetz des Volkes in Waffen herausgebildet hatte. Alle für Alle – Alles für die Gemeinschaft!

Man hat die Fronten des Krieges und der Revolution auseinandergelogen, man hat die Revolution totgelogen, man hat eine „Republik“ errichtet, man schilt uns „Feinde der Republik“. Ach, Kameraden, die Ihr glaubt, daß Ihr „Rechts“ ständet in dieser Republik und die ihr von uns vermeint, wir ständen „links“! Was haben wir, was habt Ihr mit dieser Republik zu schaffen? Wir stehen weder links noch rechts, wir stehen gar nicht in dieser Republik. Wir waren das stumme graue Heer, ob Offizier oder Mann, solange wir in den Schützengräben lagen; wir hatten keinen Anteil an der Führung des Krieges und an der Politik des Landes; wir hatten Befehle auszuführen, wir hatten zu kämpfen, zu leiden und zu sterben. Sind wir nicht wieder ein stummes graues Heer, ohne Anteil an der Führung des Krieges, der noch immer gegen uns geführt wird, ohne Verantwortung für die Politik dieses Landes, das uns als Parias behandelt, wenn wir parteilos sind? Laßt uns die Lage klären, laßt uns den Tatsachen klar und unerschrocken ins Auge sehen! Wir haben nie gegeneinander die Waffe erhoben, aber wir haben uns auch nie entscheidend verständigt. Im Kriege von 1914 – 1918 konnten wir es nicht; wir hatten Befehle auszuführen, jeder an seinem Platz. Und das hat sich geändert. Wir haben keine Befehle mehr auszuführen, wir sind frei, wir sind die Herren über unseren eigenen Willen geworden. Dies ist das Vermächtnis der Soldatenrevolution im Lande an ihre Brüder, die damals im Felde standen: Kameraden, Ihr seid frei geworden, und wir haben auf dem inneren Kriegsschauplatz unser Leben eingesetzt, um Euch frei zu machen. Frei, nicht durch die Republik, nein, frei außerhalb der Republik, unabhängig von diesem Gebilde, das uns nichts angeht, das wir nicht geschaffen haben, das gegen uns geschaffen wurde, gegen uns alle, gegen den Mann und sein Haus, den das Schicksal würdig befunden hat, in der Zeit der Weltwende an der Spitze des Volkes der Mitte und seines Heeres zu stehen; gegen die Generäle, die ihr Können mißbrauchen sollen gegen die Kräfte des Landes, aus denen sie erwachsen sind; gegen die Offiziere, wieder und immer wieder mißbraucht und schließlich davongejagt und angespien von den gleichen Männern, von denen sie sich mißbrauchen ließen; gegen die Soldaten in den Wehrverbänden, denen man es nie verzeihen wird, daß sie noch immer Soldaten sind – und gegen uns, die Soldaten der Revolution, denen man es nie vergessen wird, daß man drei Tage gezittert hat.

Kameraden, wir haben Euch frei machen wollen, und wir haben Euch frei gemacht. Keine Stimme des Gewissens bindet Euch an Machthaber, die reine Anmaßer sind. Keine physische Gewalt kann Euch zu einem Handeln und einer Haltung zwingen, die Ihr verweigern wollt. Es gibt keine Gehorsamsverweigerung mehr, es gibt nur noch eine Verpflichtung gegen die Stimme des Gewissens, die die Stimme des Universums ist. Im Namen dieser Freiheit, die wir Euch erobern konnten, weil wir durch die Schule des preußischen Heeres gehen durften; im Namen des Universums selbst, das im Feuer der Schlachten und in einsamen Nächten zu uns und Euch gesprochen hat mit dem gleichen Anhauch urfernster Geistersprache, mit dem gleichen Wehen des Windes, mit dem gleichen Raunen aus der Bäume Wipfel; im Namen alles dessen, was einstens war, und was werden will, aus urewiger Verknüpfung unendlicher Vergangenheit und Zukunft und ihrer Brechung im Bewußtsein der Gegenwart rufen wir Euch zu:

Durch eure innere Befreiung im Feuer der Schlachten und eure äußere Befreiung im Sturme der Soldatenrevolution ist die Freiheit deutscher Nation und die Befreiung der Erde in eure Hand gegeben. Gestaltet sie!

Quelle:

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