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Gaddafi – Eine ambivalente Betrachtung

Mummar al Gaddafi – Für mich schon der Mann des Jahres. Nicht weil ich seine derzeitige Politik gut finde, nein, ich verurteile seine Gewalttätigkeiten. Dennoch muss bei aller Kritik auch das Positive des Gaddafi-Regimes aufgezeigt werden.
Man kann Gaddafi nicht mit Despoten wie Mubarak gleichsetzen. In Libyen herrscht mit Gaddafi zwar ein wirklicher Diktator mit all seinen Allüren, dennoch ist der Revolutionsführer auch ein passabler Sozialist und auf keinen Fall ein Macho oder Islamist.
Vor dem Putsch gegen die monarchistische US-Marionette Sidi Muhammad Idris al-Mahdi as-Sanussi 1969 durch Gaddafi war Libyen ein bitterarmes Land. Alle Reichtümer des Mittelmeerstaates wurden an multinationale Konzerne verscherbelt. Für die Bevölkerung blieb nicht einmal Krümel zum Leben.

Heute ist (bzw. war vor dem Aufstand) das libysche Pro-Kopf-Einkommen das höchste in gesamt Afrika. Der Liter Benzin kostete durch staatliche Subventionen nur 6 Cent, die Lebensmittelpreise in Libyen sind durch die Wirtschaftskrise zwar gestiegen, jedoch sind sie, im Vergleich zu den Nachbarländern, ebenfalls durch Subventionen verschwindend gering geblieben. Auch Immobilien bekommt man zum Spottpreis. Die Schulbildung und das Studium sind in Libyen ebenfalls kostenlos – generell kann man in Gaddafi ein Mann sehen, der Bildung ganz groß schreibt. Vor 1969 waren nahezu 100 % der libyschen Frauen Analphabetinnen – heute sind sie zu über 90 % alphabetisiert. In Libyen herrscht generell die Gleichstellung der Geschlechter, Frauen können studieren, hohe Posten besetzen, in die Armee eintreten und haben ein Mitbestimmungsrecht in den (leider bis jetzt recht machtlosen) Volkskomitees, die den Schein der Demokratie von unten symbolisieren sollen.

All dies soll keine Vereidigung dafür sein, dass ein Mann seine eigene Bevölkerung bombardieren darf, dennoch zeigt sich, dass die Regierung Gaddafi in Libyen ambivalent zu betrachten ist. Auch seine Gegner sollten unter die Lupe genommen werde.
Besonders Abweichungen in der Geschlechterfrage und die moderate Auslegung des Koran haben den Hass der östlichen Beduinen auf Gaddafi angefeuert. Um den Islamisten im Land – schon aus Eigennutz – Herr zu werden, schloss sich Gaddafi nach dem 11. September dem Antiterror Kampf der USA an. Das tat er, obwohl er nach dem US-Bombardement 1986 auf sein Anwesen, bei dem seine geliebte Adoptivtochter starb, von Wut getrieben den antiamerikanischen Terrorismus unterstützte.

Durch diese Zusammenarbeit im Antiterrorkampfes war Gaddafi jedoch in der Lage, die Islamisten in seinem Land (zumindest im Westen) unschädlich zu machen. Dass dennoch gewisse Konflikte mit den Extremisten im östlichen Beduinen-Gebiet rund um Benghazi, wo Gaddafi schon vor dem Aufstand kaum Einfluss hatte, existierten, zeigte sich vor einigen Jahren, als fünf christliche Krankenschwestern in Benghazi zum Tode wegen angeblicher Missionierung verurteilt worden. Damals setzte Gaddafi alle Hebel in Bewegung, um das Leben der fünf Frauen zu retten und diese fanatischen Wirrköpfe ruhig zu stellen – was ihm zum Glück auch gelang.

Diese Islamisten sind es, die nun den Aufstand proben. Während in vielen arabischen Ländern die Demonstrationen klein geredet und die Generation Facebook zu Islamisten und zu Anhängern der Muslimbruderschaft verklärt werden und die französische Außenministerin sogar Polizeikräfte zur Unterstützung des Regimes in Tunesien schicken wollte, werden in Libyen die vielleicht richtigen Islamisten zu ehrbaren Bürgern gemacht. Man könnte sich dabei auch fragen, warum man auf den spärlichen Bildern und Videos (im Gegensatz zu Tunesien und Ägypten, wo auch geschossen wurde) kaum bis keine Frauen sieht.

Neben den Islamisten könnte noch eine andere Kraft ihre Finger im Spiel haben: Es mehren sich gewisse Hinweise darauf, dass die Aufständischen in Libyen von der CIA trainierte Islamisten oder gar nationalistische Monarchisten sein könnten. Für letzteres könnte auch die “neue” Fahne in Ost-Libyen sprechen, die ident mit der Fahne der königlichen US Marionietenregierung ist, die durch Gaddafi weggeputsch wurde. Dabei giltes auch zu bedenken, dass die USA gerade wegen der Unruhen in Libyen zwei Landungsschiffe und Hunderte Marineinfanteristen ins Mittelmeer verlegen. Auch wenn ein direktes Eingreifen unwahrscheinlich scheint, so ist es dennoch nicht ganz auszuschließen.

Als Appell an Libyen und die Welt kann ich mich nur Jorge Valero, Venezuelas Botschafter bei den Vereinten Nationen, anschließen: „Die Invasionspläne gegen Libyen müssen gestoppt werden. Das libysche Volk muss sich selbst befreien und sein eigenes Schicksal ohne ausländische Einmischung definieren. Keine fremde Kraft ist berechtigt, in die inneren Angelegenheiten des libyschen Volkes einzugreifen. Aufrufe zur kriegerischen Mobilisierung von Marine-und Luftstreitkräften der Vereinigten Staaten sind abzuehnen. Dies sollen nur den Einsatz militärischer Gewalt gegen Libyen fördern. Die USA wollen ein Protektorat errichten, so wie sie es immer machen wenn es um Öl und Energie in der Region des Nahen Ostens geht. Eine angebliche Verletzung der Menschenrechte in Libyen dient dabei nur als Vorwand. Dies ist eine Taktik der imperialen Mächte…“

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4 Antworten zu “Gaddafi – Eine ambivalente Betrachtung

  1. Nationalbolschewist März 3, 2011 um 8:02 am

    Das Grüne Buch Gaddafis im Volltext zum Download in englischer Sprache:

    http://www.mathaba.net/gci/theory/gb1.htm

    http://www.mathaba.net/gci/theory/gb2.htm

    http://www.mathaba.net/gci/theory/gb3.htm

  2. blacksun87 März 6, 2011 um 2:00 pm

    Hm gut die Vorgeschichte auch zu erfahren!
    Es zeigt sich wieder – das Volk ist vergesslich und undankbar!

    Zum Artikel passt auch

    http://antifo.wordpress.com/2011/03/06/russisches-militar-libysche-luftschlage-gegen-demonstranten-fanden-gar-nicht-statt/

  3. blacksun87 März 6, 2011 um 6:15 pm

    Noch etwas!

    http://www.welt.de/politik/ausland/article12715489/Angst-vor-Soeldnern-Hatz-auf-Schwarze.html

    „Gaddafi hat absichtlich viele Gastarbeiter nach Libyen geholt, um die Bevölkerung zu durchmischen – weil es viel schwieriger ist, ein Volk zu regieren, das einig ist“, sagt er. „Millionen von Ausländern haben hier eine Staatsbürgerschaft zweiter Klasse bekommen. Aber wenn jemand in dieses Land kommt und die gleichen Rechte bekommt wie ein Libyer und auch eine Waffe dazu, dann ist das etwas anderes. Söldner gibt es in verschiedener Form.“

  4. antifo März 15, 2011 um 12:13 pm

    Durch diese Zusammenarbeit im Antiterrorkampfes war Gaddafi jedoch in der Lage, die Islamisten in seinem Land (zumindest im Westen) unschädlich zu machen.

    Hierzu kann dieser Artikel der Carnegie-Stiftung empfohlen werden:
    http://antifo.wordpress.com/2011/03/12/der-gefahrliche-fallout-von-libyens-implosion/

    Gemäß dieses Artikels war die Libysche Islamische Kampfgruppe schon besiegt, als dieses Aussteiger-Programm in die Wege geleitet wurde.

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