Arbeitertum

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Bodo Uhse: Die Revolution als literarische Angelegenheit. Ein Briefwechsel

(„Das Dritte Reich“ vom 15. Februar 1928)

Mein lieber Kamerad und Genosse, der Du bist, seit wir wissen, dass wir nicht nur zusammen marschieren einem Ziel entgegen, sondern, dass wir, Du und ich, ein Schicksal gemeinsam tragen und dass wir gemeinsam – gemeinsam mit den Millionen Unterdrückten – einmal gestaltende und schaffende Kräfte dieses Schicksals sein werden.

Darum darf ich Dich Kamerad nennen, weil wir beide die große Liebe in uns tragen, aus der die Bereitschaft wächst und der junge gewaltige Glaube und die Macht zur Hingabe – bis zum Opfertod.

Aber Genosse nenne ich Dich, weil wir das bittere Wissen um die Dinge gelernt haben, jenes schmerzliche, unendlich nüchterne Wissen, das nun die Hingabe fordert bis zum Opferleben. Was einst feurig aufflammende heiße Lohe unserer jungen Herzen war, das ist heute ernste, stumm wachsende, entschlossene Energie, die in den Kampf jedes einzelnen dieser hundert und tausend grauen Tage hineingeht mit der schmerzenden Erkenntnis, dass er nur einen ganz kleinen, geringfügigen Schritt bedeutet im dunklen Strom der Jahre, die zwischen uns und unserem Ziele stehen, und dass es doch ankommt auch auf diesen kleinen, geringfügigen Schritt.

Wie aber führen wir den Kampf um die deutsche Revolution?

Du beklagst Dich in Deinem letzten Brief – die Klage steht wohl zwischen den Worten – über die vielen Zeitschriften und Zeitungen, über Aufsätze und polemische Auseinandersetzungen, die die Dinge nicht vorwärts zu treiben scheinen, und fragst dann, warum?

Ist es denn so schwer, die Notwendigkeit dieser Dinge zu begreifen und vor allem die Notwendigkeit, dass gerade wir uns dieser Dinge sehr tatkräftig annehmen?

Unser Wollen ist die Revolution. Was aber ist die Revolution? Ich schäme mich nicht, mich zu dem Worte Karl Liebknechts zu bekennen, dass sie der Sieg einer Weltanschauung ist.

In diesem Sinne aber ist die Revolution eine literarische Angelegenheit. Denken wir an die große französische Revolution zu Ausgang des 18. Jahrhunderts, so müssen wir gestehen, dass die äußerlichen politischen Folgen, die sie zeitigte, rasch hinweggefegt wurden durch die mächtige Persönlichkeit des gewalttätigen Korsen. Aber bedenken wir ihre tiefergehenden Wirkungen, so wissen wir, dass die aus ihr geborene Gedankenwelt ein ganzes Jahrhundert zu beherrschen vermochte, dass sie in ihrer Entartung heute noch herrscht und unser Kampf der Kampf gegen diese Gedankenwelt ist. Ich sagte, diese Gedankenwelt wurde aus einer Revolution geboren. Aber wenn wir die Ursachen dieser Revolution suchen, so nennen wir den Namen Rousseaus.

Wir sind uns bewusst, dass die sozialen Verhältnisse in Paris zu jener Zeit nicht erfreulich waren, dass sie auf eine gewaltsame Entladung drängten, aber schmälert die – sehr notwendige – Tatsache eines äußeren Anlasses die Bedeutung der geistigen Ursache dieser Bewegung? Und ist diese geistige Ursache eben nicht – ein Stück Literatur?

Dabei handelt es sich gewiss nicht darum, dass irgendjemand kommt, eine Weltanschauung macht und dann später – so wie zufällig – die Revolution sich ereignet. Das Wesentliche an der Revolution ist nicht der äußere Ausbruch, sondern der jahrelange geistige Kampf, der diesem vorhergeht und der durchaus nicht nur ‚Vorbereitung‘ ist, sondern eben ihr Wesentliches, ja die eigentliche Revolution, die Umwälzung ist.

Eine Reihe Episoden solchen Kampfes zählt beispielsweise Sinowjew in seinem Buche ‚Die Geschichte der KPR‘ auf. Wenn er von den entscheidenden Entwicklungsstufen auf dem Wege zur russischen Revolution spricht, so spricht er von den Formulierungen die Lenin fand, von den literarischen Auseinandersetzungen, die er mit seinen Gegnern hatte, wobei bemerkenswert ist, dass von besonders einschneidender Bedeutung gerade jene Auseinandersetzungen wurden, die Lenin mit den ihm benachbarten Gruppen führte. So wurde die Spaltung der anfänglich allein gegen die Selbstherrschaft sich richtenden Gruppen. Ihr folgte die Auseinandersetzung mit den Menschewisten, die Absage an die Sozialdemokraten mit der Festlegung auf die entschiedene proletarische Diktatur.

So haben zahlreiche der ungeheuer blutigen gewaltigen Kämpfe im Verlauf des russischen Bürgerkrieges ihre Ursache in einer Broschüre, in einem Pamphlet, in einem kurzen Aufsatz des kommunistischen Theoretikers.

Dass Lenin dabei lange Zeit in der Minderheit war, dass er vom großen Chor der Mehrheit überschrien und als bedeutungslos hingestellt wurde, mag nur nebenbei betont werden, obwohl es sehr wichtig ist. Dabei konnte es seine weitschauende Zielsetzung vertragen, dass er auch in taktisch ungünstiger Situation focht. Als der Terror der russischen Selbstherrschaft die blutige Gegenbewegung des Anarchismus auslöste, da lehnte Lenin ab, ja er griff den Anarchismus geradezu leidenschaftlich an und verdammte ihn.

Man klagte ihn an. ‚Während wir die Gefahr auf uns nehmen, den Kampf gegen die Selbstherrschaft mit blutigen Waffen führen und unser Leben einsetzen, sitzt du, du radikaler Arbeiterführer in deiner gesicherten Schreibstube und schlägst deine Schlachten auf dem Papier.‘ Lenin aber begnügte sich damit ein paar Aufsätze zu schreiben, in denen er aussprach, dass der Anarchismus ein Verbrechen an der Revolution sei, denn durch Vernichtung einzelner Persönlichkeiten werde nicht das System gebrochen.

Die Kräfte für den großen Kampf würden verzettelt. Es komme nicht darauf an, dass der Zar stirbt, sondern dass der Kommunismus siegt. Nachher – aber das schreibt Lenin nicht – nachher ist der Zar gestorben. Den Sieg errang der Mann, der die Aufsätze schrieb.

Du wirst mich nicht missverstehen, lieber Kamerad, wenn ich in diesem Zusammenhang an Episoden unseres Kampfes in den letzten Jahren denke. An Episoden unseres aktivistischen Wollens, von heimlicher Romantik umwittert. Es war sehr viel Schönes und Edles oft drin, Kühnheit und Mut und Bereitschaft. -Ich denke dabei auch an Stunden ernster Entschlossenheit zurück, die uns – nur uns beide in gemeinsamem Erleben verbanden. Was ist davon geblieben? Was bedeuten sie für das Schicksal der Nation? Was bedeuten sie für die große deutsche Revolution?

Für sie sind sie Episoden und keineswegs wichtige. Ich rühre nicht an die Dinge dabei, die in der Abwehr äußerer Unterdrückung, in der Verteidigung der Nation gegen die Vergewaltigung durch die Siegerstaaten lagen. Sie sind historische Tat und der Geist der Verteidigung gegen die Vergewaltigung von Volk und Staat ist eine Voraussetzung und liegt in der Linie der kommenden Revolution. Aber was sonst geschah? Es war belanglos.

Was ist geblieben vom Kampf der letzten Jahre? Was wird dauern? Ursache sein und Folgen zeitigen und weiter wirken, dem großen Ziele entgegen? Falsche Bescheidenheit ist nicht am Platze in dieser Stunde der Lauen und Halben. Es gilt den Mut zu haben, uns zu unserem Gedankenkreise zu bekennen, ob wir auch noch so sehr in der Minderheit sind. Nur das strenge Bekenntnis zu den klaren Erkenntnisse, die wir gewiss nicht leicht gefunden haben, und das entschiedene Weiterschreiten auf dem als richtig erkannten Wege, führt uns vorwärts als Stoßtrupp der kommenden Revolution.

Wir haben Sondermanns tiefes Wort von der ‚neuen Front‘. Wir haben Niekischs wahrhaft revolutionären Gedanken des ‚Widerstandes‘. Wir haben August Winnigs historische Erkenntnis der Überfremdung. Es wäre wohl noch manches zu nennen. Ich beschränke mich auf das Wesentliche. Denn diese lächerlichen, unscheinbaren Broschüren sind Wegemarken unserer revolutionären Entwicklung. Aus ihnen heraus wuchs das Bekenntnis zu etwas ganz Neuem, aus ihnen heraus die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Sozialismus, aus ihnen heraus das Bewusstsein unserer Gemeinsamkeit mit der aufstrebenden Schicht des Arbeitertums, aus ihnen heraus das Wissen, dass der nationale Freiheitskampf zusammenfällt mit dem Kampf gegen die kapitalistische Unterdrückung und die Klarheit darüber, dass die Träger dieses Kampfes auch die Träger des anderen Kampfes sein werden und sein müssen. Wir schicken uns an, dem Staate einen neuen Sinn zu geben und sind auf dem Wege unser Ziel, das Dritte Reich zu einem Ziel der Revolutionierung Mitteleuropas auszugestalten. Im Hintergrunde erhebt sich die weltgeschichtliche Sendung des deutschen Arbeitertums.

Ein paar kleine Broschüren und eine durchaus nicht geschlossene, kleine Gemeinschaft, das ist der Tatbestand. Und doch glaube ich an den Sieg unserer Bewegung, weil ich an ihre geistige Kraft glaube und an die Wahrheit unserer Erkenntnisse. Wahrheit – das heißt, dass unsere revolutionäre Literatur eben nicht ‚Literatur‘ ist, sondern das Leben und seine gesetzlose Gesetzmäßigkeit erkennt und seinen Sinn uns aufweist und deutet. Worauf es zur Stunde ankommt für unsere Gemeinschaft, ist nicht mehr als das, dass sie den Mut findet, sich zu diesen Erkenntnissen zu bekennen.

Aus diesem Glauben wird die Kraft wachsen, weiterzuschreiten. So ist für mich die Revolution eine im tiefsten Sinne literarische Angelegenheit.

Begreifst Du nun die Notwendigkeit, von Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren, lieber Kamerad.

Sieh, lieber Genosse, für unsere Literatur genügen ein paar kümmerliche Schnellpressen, in einem Zeitalter, da es Rotationsmaschinen gibt! Die müssen wir uns erobern.

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