Arbeitertum

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Neulinkes Spießertum

Spießertum und Linke passen nicht zusammen, will man meinen, aber da haben wir wohl alle eine ganze Zeit lang völlig falsch gedacht. Seit dem die Moralisten-Revolte von ’68 geglückt war und die Institutionen neu befüllt wurden mit vollbärtigen Rollkragenträgern, Gewänder und Schleier tragenden Altdiven, männlichen Weibern und weiblichen Männern, macht sich ein neuer Moralkodex breit, der in seiner Penetranz und Dreistheit wohlmöglich die Antispaß-Mentalität der BRD-Altkonservativen um Längen übersteigt. Man stellt fest, daß die Linke des Jahres 2010 nach wie vor gegen „alte Strukturen“ polemisiert und sogar offen und offensiv gegen den Konservativismus antritt, eben genau aus dem Grunde weil er spießig sei. Keine Frage – das Bild vom gestriegelten Lütten, der mit Herrn Vater und Frau Mutter zu Tische sitzt und das Tischgebet spricht, ist hoch steril und keiner Lebensfreude imstande. Der Konservativismus wurde insbesondere in der Nachkriegszeit als vehemente Verteidigung des eigenen kleinen Biedermeiers aufgefasst, ein für die Deutschen typisches Verhalten. Und genauso, wie sich diese Personen im Rentenalter keinen Funken Trieb mehr im Leben erlauben wollten, so wenig erlaubt es unsere Linke, sich außerhalb ihres selbstgeschaffenen Moralismus zu bewegen.

Ein Moralismus, das ist immer die Abart der eigentlichen Moral. Zuerst kommt das natürliche Werteempfinden, welches selbst die Tiere haben. Denn ohne dies Empfinden wäre jegliches Zusammenleben mehrer Individuen völlig unmöglich. Diesem Werteempfinden entspringt mit wachsender Reflexion – und auch mit dem Wachsen der Aufgaben, die sich stellen – die Moral. Regeln kristallieren sich mit der darauffolgenden Ethik heraus, man beginnt, das menschliche Verhalten – um nichts anderes geht es bei der Moral – zu analyisieren und zu bewerten. Das Wertesystem bekommt Kategorien und wird zu einer Art inoffiziellem Rechtssystem, was unter dem Kollektiv vorherrscht, welches der gleichen moralischen Vorstellung folgt. Die Ethik mag zu den großen Errungenschafen der europäischen Philosophie gehören, ist jedoch – wie die meisten wohlgeschmiedeten Klingen – zweischneidig.

Irgendwann ist jede Ethik dazu verdammt, instrumentalisiert und von einer höheren Instanz aufgesogen zu werden. Sie verliert ihren Glanz, weil sie nun nicht mehr Sinn, sondern Zweck geworden ist. Der Moral folgte die Ethik, und aus der Ethik wurde der Moralismus. Das Gesetz ist nun nicht mehr inoffiziell, sondern höchstes Gebot – jeder hat sich danach zu richten, oder er macht sich verdächtig. Die Instrumentalisierung der Moral durch den Moralismus ist heute allgegenwärtig und in verschiedensten Facetten aufzufinden. Eine davon ist die neue Linke.

Die Linke – vor allem die Antifaschisten – glauben, sie seien moralisch auf dem Gipfel des überhaupt möglichen angelangt. Mittlerweile haben sie es geschafft, sogut wie alles in seine abstrakten Einzelteile zu zerlegen, was der menschliche Verstand gemeinhin so erlaubt. Es begann – schon relativ früh, sogar noch vor dem 2. Weltkrieg – mit der gedanklichen(!) Vereinheitlichung des Menschen. Die Rassenunterschiede seien unerheblich oder unexistent, die Völker sind nur abstrakte Kollektive (ein abstraktes Gebilde erklärt einen realen Zustand zum abstrakten Gebilde?), die Grenzen und Lebensräume seien nur staatlicher Natur.

Über die Vereinheitlichung der menschlichung Gattung hinweg arbeiteten sich – nach einer Durststrecke in der Adenauerzeit – die selbstverliebten Monaden bis hin zur Vereinheitlichung des Menschen überhaupt vor. Nun ist alles sozial konstruiert, ja selbst das Geschlecht. Biologische Grundlagen gibt es nicht mehr. Man sagte, als logische Konsequenz, allen gesellschaftlichen Institutionen, die in den Augen der Propheten des „wahren Menschen“ den „illusorischen Zustand“ aufrechterhalten, den Kampf an. In der ’68er Revolte entblähte sich – mit der Hilfe zahlreicher nützlicher Idioten – der Ungeist des Einheitsmenschen mit ganzer Wucht; seit dem eigentlich hat man das Einstehen für Volk und Vaterland – für die eigene Art, sein Leben zu leben – zu einer amoralischen Sache erklärt. Und nicht nur das. Weil die neue Linke ihr Wahnkonstrukt des „One Human“ bis hin zur Geschlechtersprengung arg obskur und reichlich pseudowissenschaftlich ausgebaut hat, durchzieht ihr Moralismus – der ja, wie wir in der ’68er-Revolte gesehen haben, unmittelbar aus den Institutionen kommt – mittlerweile nicht nur den politischen Staats- und Gesellschaftsdiskurs, sondern auch den privaten Bereich des Individuellen Verhaltens untereinander in zunehmendem Maße.

Daher gibt es mittlerweile alles mögliche. Die Antirassisten und Antifaschisten gehören zu den Klassikern. Es gab schon damals genügend Schlaumeier, die glaubten, die moralische Überlegenheit für sich gepachtet zu haben. Die ersteren meistern tagtäglich aufs Neue den Kunstgriff, die Realität zu ignorieren und haben sich schon lange in einer recht quirligen Ideologie eingebettet, die ihnen zwar im Leben nichts bringt, sie aber immerhin ruhig einschlafen lässt. Die Zweiteren haben sich schon lang damit zufrieden gegeben, gar keine politische Gruppe zu sein und stilisieren sich eigentlich nur noch als „Volkszorn der Moral“, der dann auf den Plan tritt, wenn wieder irgendwer oder irgendetwas aus dem vorgeschriebenen moralistischen Rahmen getreten ist. Das nennen sie dann Faschismus und pinkeln gleichzeitig auf alle Philosophen, Historiker und Politikwissenschaftler, die sich ernsthaft und gewinnbringend mit dem wirklichen Faschismus befasst haben. Moralismus und Pöbelei sind eben zwei Seiten der selben Medaille.

Aber es geht sogar noch schlimmer. Unter diesen Großgruppen von linkem Paranoia tummeln sich auch allerhand weitere Moralapostel, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, besonders „anti“ zu sein. Der Antisexist zum Beispiel ist so eine Figur sonderlichen Ausmaßes. Er möchte antreten gegen die Ungleichheit zwischen Mann und Frau – doch besonderes Augenmerk legt er auf den Umgang untereinander. Der Antisexist möchte den Menschen entsexualisieren, das heißt von seiner oberflächlichen Wertigkeit befreien. Unflätiges Anbaggern, Hinterherpfeifen, Bekunden, daß jemand „geil aussehe“, und dergleichen stehen ab sofort unter Strafe. Der Moralismus sagt, daß dies diskrimierend sei. Der Sex als Trieb wird zum Feind erklärt – er soll in Zukunft moralisch-einverständlicher Akt der absoluten Gleichberichtigung (die von der Linken klar definiert ist) sein. Es ist moralischer Sex. Damals sagte der Christ, Sex dürfe nur nach der Heirat und für die Fortpflanzung praktiziert werden. Heute sagt die Linke, Sex dürfe nicht diskriminierend sein. Doch was diskrimierend ist, bestimmen sie. Und wann eine Anmache unflätig ist, bestimmen ebenfalls sie. Und nicht nur das: Der Antisexist bestimmt, ab wann man sich moralisch über das Aussehen einer Frau (der Mann ist bei diesen Gedankenkonstrukten meist völlig egal) geäußert hat oder nicht; selbst Beleidigungen gegenüber dem anderen Geschlecht werden nunmehr nicht mehr bloß als Beleidigung (die ja schließlich beleidigen soll) aufgegriffen, sondern als offene Diskriminierung. Wer also seinen weiblichen Gegenüber als „Schlampe“ betitelt, ist nicht nur ein Arschloch, sondern auch noch Sexist obendrein, was ihn in Kreisen dieser Argumenation zur persona non grata erklärt. Dieses Spießertum – diese Tabuisierung der absolut natürlichen Sexualität – ist im Endeffekt deckungsgleich mit dem alten theologisch-konservativem Spießertum. Es rollt die Dinge nur von einer anderen Seite auf – das Kopftuch soll nicht auf dem Kopf, sondern gleich im Kopf getragen werden – disqualifiziert sich letztlich aber aus den gleichen Gründen, wie es die Sex-Regeln der Bibel schon tun: Sie scheitern an der wirklichen Natur des Menschen.

Das Hauptproblem, was all diese Figuren der moralischen Instanz haben, ist ganz einfach: Daß sie sich immer mehr und mehr in Dinge einmischen, die sie – auf gutem Deutsch gesagt – einen Scheißdreck angehen. Sie sind sich gar nicht im Klaren darüber, wie sehr diese miese Kopie eines weichen Hippies jenen Menschen auf den kostbaren Nerv fallen, die ihr Leben im ohnehin schon kapitalistischen Käfig einigermaßen unbefangen leben möchten. Dadurch, daß sie das menschliche Verhalten untereinander mit ihrer Poesie und ihrer Romantik des neuen Menschen nicht verstehen können, entfremden sie sich von ihm. Sie versuchen, „alternativ“ zu leben und verkörpern mit ganzer Kraft das, was die anderen auch sein sollen. Dabei wirken sie weniger missionarisch, denn despotisch: Sie verurteilen und verleumden, anstatt denn endlich argumenativ und deutlich klarzulegen, weshalb alle Menschen, die jemals auf diesem Erdball ihre Runden gingen, bisher in einer großen konstruierten Lüge gelebt haben. Das können sie nicht. Ihr Moralismus ist zum Selbstzweck, zum Spießertum geworden. Sie sind priesterhafte Renegaten und wollen es sein.

 

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2 Antworten zu “Neulinkes Spießertum

  1. genova68 Januar 7, 2011 um 12:18 pm

    „auf gutem Deutsch gesagt“ – sic

  2. Spade Januar 7, 2011 um 5:14 pm

    Solch Moralismus ist aber nicht ausschließlich bei der neuen Linke vertreten, sondern in allen gesellschaftlichen und politischen Kreisen gegenwärtig. Denn genauso wie linke Gruppen und Individuen sich gegen (teilweise scheinbar) konservative Denkweisen aussprechen, so mischen sich auch Vertreter der anderen Lager (auch der Mitte und des apolitischen Spektrums) in die persönlichen Belange des Einzelnen ein. Von der Mehrheitsgesellschaft werden Angehörige von Subkulturen wie deren der Emos oder der Hardcore-WoW-Spieler genauso angefeindet wie die von dir benannten Linken gegen alles wettern, was nicht ihren Vorstellungen entspricht. Der Unterschied macht wohl lediglich die politische Komponente, die aber in der Regel dennoch nicht die erhoffte Wirkung erzeugt (linke antisexistische Stimmen sind in der Populärkultur sicher noch nicht angekommen, ganz im Gegenteil; dummes Parolenschwingen à la Mario Barth wird auch heute vom Mainstreamer favorisiert).

    Gefährlich werden diese Einstellungen aber erst dann, wenn sie sich auf breiter politischer Ebene entfalten, wie es z. B. bei den Grünen in Österreich besonders stark der Fall ist (wobei man gleichzeitig sagen muss, dass die Österreicher im Moment wohl größere Sorgen haben als die Grünen, wenn man ihr Parteienspektrum betrachtet).

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