Arbeitertum

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Über den Begriff des Kleinbürgers

Rudolf Rocker gilt vollauf zu Recht als einer der bedeutendsten deutschen Theoretiker des Anarcho-Syndikalismus. Auch heute noch wird um ihn in den entsprechenden Kreisen ein regelrechter Personenkult betrieben. Weniger bekannt ist, dass Rocker im Gegensatz zur Mehrzahl seiner heutigen Epigonen den Begriff „Volk“ nicht von vornherein verteufelte. Im „Nationalen Einheitsphantom“ („Der Syndikalist“ Nr. 24/1919) schrieb er beispielsweise: „Ein Volk ist das natürliche Ergebnis gesellschaftlicher Organisation, ein Sich-Zusammen-Finden von Menschen, die durch die Verwandtschaftlichkeit der Abstammung, durch allgemeine Formen und Eigentümlichkeiten ihrer Kultur und die Gemeinschaftlichkeit der Sprache, Sitten, Traditionen usw. innerlich vorhanden sind. Dieser gemeinsame Zug lebt und wirkt in jedem einzelnen Gliede des Volksverbandes und bildet einen wichtigen Teil seiner individuellen und kollektiven Existenz. Er kann ebenso wenig künstlich gezüchtet als gewaltsam zerstört werden, es sei denn, dass man alle Glieder eines Volkes ausrotte. Ein Volk kann einer Fremdherrschaft unterworfen und in seiner natürlichen Entwicklung künstlich beeinträchtigt werden, nie aber gelingt es, seine psychologischen und kulturellen Eigentümlichkeiten und Veranlagungen zu ersticken. Im Gegenteil, gerade unter fremdem Joche treten dieselben umso deutlicher hervor und bilden vorzugsweise ein Schutzmittel für die Existenz des Volksganzen.“

Interessant mutet auch an, dass Rudolf Rocker sich als sehr stark durch Pierre Joseph Proudhon beeinflusst zeigte. Proudhon brachte das Kunststück fertig, sowohl als einer der wichtigsten Vorläufer des Anarchismus wie auch des Faschismus zu fungieren. Jedenfalls sehen ihn Historiker wie J. Salwyn Schapiro oder Zeev Sternhell als „Vorboten des Faschismus“, zeigte sich Proudhon doch neben seinen sozialrevolutionären Neigungen auch dem Antisemitismus und Nationalismus in nicht unbeträchtlichem Maße zugetan. Wir haben das Vergnügen, eine der Lobreden Rudolf Rockers auf eben diesen Theoretiker zu präsentieren.

Über den Begriff des Kleinbürgers

Rudolf Rocker, aus: „Die freie Gesellschaft“, 4. Jg. (1953), Nr. 38

Proudhon. Ich habe nicht nur alle seine Werke, sondern auch seine 14 Bände starke Korrespondenz mit großem Nutzen gelesen. Ich bin sogar heute noch im Besitz einer vollständigen Sammlung aller seiner Tageszeitungen, aus denen man erst ein richtiges Bild über ihn und seine Zeit gewinnen kann. Wer da glaubt, Proudhon einfach als Kleinbürger abtun zu können, hat sich nie die Mühe gegeben, ihn wirklich kennen zu lernen. Dies ist übrigens nur in Deutschland der Fall, wo unter dem Einfluss des Marxismus jede andere soziale Richtung verdrängt wurde oder nie richtig aufkommen konnte. Es war Marx selbst, der mit dem inhaltslosen Wort Kleinbürger Proudhon und jeden ihm nicht bequemen Gegner abzufertigen versuchte, und gerade bei uns in Deutschland hat man dieses wie eine Offenbarung aufgefasst, ohne sich auch nur die Mühe zu geben, sich die Frage zu stellen, was man eigentlich darunter verstehen soll.

Was ist ein Kleinbürger? Im besten Falle doch nur ein sehr unbestimmter sozialogischer Begriff. Man kann darunter einen Menschen verstehen, der unter behäbigen wirtschaftlichen Verhältnissen sein Leben fristet. Aber was ist damit gewonnen? Gar nichts. Wenn man beweisen könnte, dass ein Mensch, der wirtschaftlich einer bestimmten sozialen Schicht angehört, in seinem Denken und Handeln vollständig von dieser Zugehörigkeit abhängig ist, so wäre die Frage schnell gelöst. Aber gerade diesen Beweis konnte bisher niemand erbringen. Fast alle großen Pioniere des sozialistischen Gedankens kamen aus dem Lager des Kleinbürgertums, der Großbourgeoisie, der Aristokratie und der Intellektuellen. Nur Weitling, Proudhon und einige wenige mehr kamen aus dem Arbeiterstande. (Wohlverstanden! ich spreche hier nicht von der Gefolgschaft des Sozialismus, sondern von seinen theoretischen Begründern.) Wenn ich hier betone, dass Proudhon aus der Arbeiterschaft kam und manche Jahre seines Lebens sein Brot als Schriftsetzer verdienen musste, so betrachte ich dies keineswegs als seinen besonderen Vorzug und noch viel weniger als die Ursache seiner geistigen Entwicklung.

Über die inneren Ursachen der schöpferischen Begabung eines so genialen Menschen, wie Proudhon unbedingt gewesen ist, wissen wir vorläufig noch sehr wenig oder gar nichts. Sogar der schärfste Psychologe hat uns bis jetzt dieses Geheimnis der Natur nicht enträtseln können; sicher aber ist, dass dieser innere Schöpfertrieb gewiss nicht auf der Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Volksschicht erklärt werden kann. Auf Proudhon aber kann die Bezeichnung Kleinbürger, auch wenn wir sie rein soziologisch betrachten, schon deshalb keine Anwendung finden, weil er seiner Abstammung nach nie dem Kleinbürgertum angehörte, und auch später nicht, als er die Schriftsetzerei aufgegeben hatte und sich ganz der Schriftstellerei ergeben hatte.

Das wollte auch Marx darunter nicht verstanden wissen. Er benutzte dieses Wort in einem rein verächtlichen Sinn, weil er glaubte, seinen Gegner damit umso tiefer treffen zu können. Wäre ihm das Wort lediglich ein soziologisches Einteilungsmittel gewesen wie z.B. dem Geographen die Einteilung der Erde in Länge- und Breitegrade, so hätte er seinen intimsten und vielleicht einzigen wirklichen Freund, den reichen Fabrikanten Friedrich Engels, ähnlich beurteilen müssen, dessen wirtschaftliche Verhältnisse ja noch weit über die Lebenshaltung der Kleinbürgers hinausgingen.

Doch daran dachte er gar nicht. Das Wort hatte für ihn, trotz der materialistischen Geschichtsauffassung, eine rein psychologische Bedeutung mit einem höhnenden Beigeschmack. Was er darunter verstanden wissen wollte, war ein Kleingeist, der über die Niederungen des Denkens nicht hinauskommt oder, was man im gewöhnlichen Sprachgebrauch einen Philister nennt. Heute erfüllt das Wort „Konterrevolutionär“ dieselbe Aufgabe, und weil auch dieses Kompliment bereits bis zum Überdruss eintönig wurde, so beehrt man neuerdings jeden, der nicht auf die Weisheit des Kreml schwört, wohl auch als „Faschist“, da man gerade keinen anderen Patentausdruck auf Lager hat.

Wer aber Proudhon als Philister oder gar als Kleingeist betrachtet, der hat nie versucht, in sein Werk einzudringen oder ihm sogar nur als Mensch gerecht zu werden. Proudhon war, ohne Zweifel, einer der kühnsten Denker aller Zeiten und hat Probleme aufgeworfen, welche die Menschen noch auf Jahrhunderte hinaus beschäftigen werden. Dazu war er ein echter Kämpfer, der mit unbestechlicher Redlichkeit seiner inneren Überzeugung folgte und nie aus Bequemlichkeit oder persönlicher Berechnung Dinge verschwieg, die gesagt werden mussten. Kein Mann wurde von den Reaktionären aller Schattierungen so bitter gehasst wie er, was er häufig genug am eigenen Körper fühlen musste. Ein Mann, der jahrelang für seine Überzeugung im Gefängnis schmachten musste und sich später, bereits von Krankheiten geplagt, neuen Verfolgungen nur durch die Verbannung entziehen konnte, war sicher kein Philister. Wie immer man seine Anschauungen beurteilen mag, diesen Vorwurf kann ihm mit gutem Gewissen keiner machen.

Man hat Proudhon häufig den Vorwurf der Inkonsequenz gemacht, weil er in späteren Werken Dinge anders beurteilt hat als in seinen Erstlingsschriften. Aber gerade darin besteht ja seine ganze Größe. Er war ein Mensch, der unermüdlich mit sich selber rang und gerade deshalb stets im Werden begriffen war. Konsequenz beginnt bei den meisten erst dann, wenn die Gedanken eingefroren werden. Er selbst sagte einmal mit leiser Ironie: „ein konsequenter Mensch ist einer, der geistig fertig ist und nicht mehr über sich hinauskommt.“ Diese Worte sollten wir uns gerade heute, wenn durch die heillose Flut oder Schlagworte der Geist zu versanden beginnt, immer wieder ins Gedächtnis rufen. Erst wenn wir uns wieder von dem Propagandaunrat der heute so geschäftigen Rattenfänger von rechts und links endgültig befreien werden, um den großen Problemen, die unsere Zeit uns gestellt hat, wirklich näherzutreten, wird ein neuer geistiger Aufstieg beginnen können. Je schneller und gründlicher dies geschieht, desto besser.

 

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