Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Julius Evola: Unsere antibürgerliche Front

Quelle: Der Ring, 7. Jg., Nr. 27/1934, S. 426f.

Erst kürzlich hat Mussolini wieder gegen den „bürgerlichen Geist“ Stellung genommen, die in ihrer Entschiedenheit reich an bedeutsamem Gehalt ist. Mussolini hat erklärt, daß bürgerlicher Geist und faschistischer Geist, bürgerliche Ethik und heldische Ethik unvereinbare Gegensätze sind. Schon früher einmal hatte er geäußert: „Der Faschismus verschmäht das bequeme Leben“. All dem, was die Geschichte zu bürgerlicher Unbeweglichkeit verurteilen kann, hat Mussolini in der neuen Rede, auf die wir uns hier beziehen, das Prinzip einer „kontinuierlichen Revolution“ gegenübergestellt, also einer ununterbrochenen schöpferischen Spannung, die, verborgen und unsichtbar in der „grauen Mühe des täglichen Aufbauens“, doch in den „strahlenden Augenblicken des Opfers und des Ruhmes“ zu voller Offenbarung gelangen soll.

Wenn sich diese Äußerungen auch in erster Linie in der Ebene der gegenwärtigen faschistischen politischen Wirklichkeit Italiens bewegen, so sind sie doch einer weiteren Entwicklung fähig, im Sinne allgemeiner und ideeller gehaltener, nicht nur für Italien allein gültiger Orientierungen. Die bürgerliche Front zur Gänze und in allen ihren materiellen und intellektuellen, wirtschaftlichen und sentimentalen Verästelungen zu brechen, ist in der Tat die dringlichste Aufgabe unserer Epoche.

Die Bürgerlichkeit weist drei Grundaspekte auf: sozial der erste, moralisch der zweite, sentimentalisch der dritte. Wir wollen hier in aller Kürze ihre Einzelmerkmale festhalten.

Sozial gesprochen trägt die Bürgerlichkeit ihre eigene Definition bereits im Wort mit sich. „Bürgertum“ ist gleichbedeutend mit dem „dritten Stand“, genauer gesprochen mit der Klasse der in den mittelalterlichen Städten ansässigen Gewerbetreibenden und Handwerker. Nun liegt doch klar zutage, daß der „Fortschritt“ der Geschichte seit dem Mittelalter sich wesentlich in einer abnormen Entwicklung des bürgerlichen Elements und der nur ihm eigentümlichen Interessen und Betätigungen zusammenfassen läßt, während die anderen, höheren Elemente der mittelalterlichen Hierarchie außerhalb bleiben – eine Entwicklung, die ganz den Charakter einer Krebswucherung aufweist. Es ist der Bürger, der mit vollen Händen den Fluch der Lächerlichkeit über die Ideale des voraufgegangenen ritterlichen Zeitalters ausschüttet. Es ist der Bürger, der als erster, wie jene von Dante so sehr verachteten „neuen Leute“, das Signal zur antitraditionellen Empörung gegeben hat, indem er sich das Waffenrecht aneignete, die Zentren unreiner wirtschaftlicher Macht befestigte und seinem Banner zum Durchbruch verhalf, es ist der Bürger, der in den städtischen Kommunen einen anarchischen Autonomieanspruch der kaiserlichen Autorität entgegensetzte. Es ist der Bürger, der es allmählich dazu gebracht hat, daß heute ein Anspruch als das natürliche Ding von der Welt erscheint, der in anderen – normalen – Zeiten als absurde Häresie gegolten hätte: daß nämlich die Wirtschaft unser Schicksal ist, der Gewinn unser Lebenszweck, das Feilschen und Handeln ein „Tun“, die Umrechnung jedes Wertes in die Begriffe des „Rentierens“, der prosperity, des Komforts, in Werte der Spekulation, von Angebot und Nachfrage das Wesen unserer Zivilisation ausmacht.

Aus diesem Grunde ist der Anspruch, unsere moderne Zivilisation sei eine hebraisierte Zivilisation, alles eher denn unsinnig. Moderne Zivilisation und bürgerliche Zivilisation waren so fast gleichbedeutende Begriffe geworden. Der Heraufkunft des Bürgers zur Macht, der durch die Revolution zuerst und dann durch die demokratischen Verfassungen endgültig von den „mittelalterlichen“ Residuen losgelöst wurde, dankt das Abendland seine illusorische Größe, gleichzeitig aber auch die furchtbare geistige Zerstörung, deren Zeugen wir heute sind.

Der zweite Aspekt der Bürgerlichkeit ist ihr Moralismus. Es ist dies im Grunde ihr moderner Aspekt, der um so mehr unterstrichen werden muß, als ihr negativer Charakter den meisten Menschen entgeht, eben weil der Prozeß der Verbürgerlichung aller Werte schließlich eine einheitliche Formamentis über alle damit zusammenhängenden Lebensäußerungen gebreitet hat. In dem Text einer Überlieferung, der zweitausend Jahre vor Nietzsche niedergelegt wurde, steht zu lesen: „Wenn der Weg (d. h. der unmittelbare Anschluß an die reine Geistigkeit) verloren ist, bleibt die Tugend; wenn die Tugend verloren ist, bleibt die Ethik; wenn die Ethik verloren ist, bleibt der Moralismus. Der Moralismus ist nur die Veräußerlichung der Ethik und bezeichnet das Prinzip des Niederganges“. In diesem Ausspruch sind klar und deutlich die verschiedenen Etappen des Niedergangprozesses unterschieden, der bis zum bürgerlichen Idol hinabgeführt hat: zum Moralismus. Ein solches Idol war den großen traditionsgebundenen Kulturen ganz unbekannt geblieben: niemals hatten sie ein auf Konvention, Kompromiß, Scheinheiligkeit und Feigheit aufgebautes System der Dressur und Gleichmacherei gekannt, ein System, das seinen Geltungsanspruch auf einen minderwertigen vergesellschafteten Utilitarismus gründet, also auf ein System von „tabu“ zum Schutze ungestörten Fressens, Genießens und Geschäftemachens. Der Moralismus hat sich im gleichen Schritt entwickelt mit der parasitären Ausartung der bürgerlichen Zivilisation des Abendlandes, sodaß sich seine Haltung unschwer mit den charakteristischesten Äußerungen der wichtigsten ideologischen Exponenten dieser Zivilisation in Zusammenhang bringen läßt.

Übrigens muß festgehalten werden, daß, wenn vor der Heraufkunft des bürgerlichen Geistes nicht von Moralismus, sondern von Ethik die Rede war, doch die Ethik selbst nichts weiter ist als säkularisierte Geistigkeit und laisierte Religion. Was heute den Wert einer konventionellen Moral hat und gestern den Wert einer innerlichen Ethik hatte, besaß überlieferungsgemäß eine „sakrale“ Begründung, was in symbolischer Verhüllung schon aus dem Umstand ersichtlich ist, daß im Altertum jedes Gesetzessystem als „übernatürlich“ geoffenbart oder „göttlichen“ Ursprungs oder als von Gesetzgebern nicht einfach menschlicher Herkunft erlassen galt: Manes, Mino, Manu, Numa und so fort. Diese Tatsache erfließt aus dem eigentlichen Wesen jeder traditionsbegründeten Kultur, die stets bestrebt ist, den Menschen mit einer Kraft von oben in Zusammenhang zu bringen, einer Kraft, die in ihrer Intensität fähig ist, jedes niedrige, also rein menschliche Element hinwegzureißen, zu beugen und zu zähmen, und so Möglichkeiten übermenschlicher Aufhöhung schafft, statt jeden Aufschwung, jede Offenbarung von Kraft und Kühnheit zu hemmen und zu kanalisieren, um so zur serienweisen Erzeugung von kleinen Wesen und kleinen, auf gleichgeschalteten Schienen laufenden Leben zu gelangen. Auch wenn diese Kraft von oben nicht mehr gegenwärtig ist, so bleibt doch eine Zeitlang noch ihre Spur zurück, es bleibt eine Ethik im klassischen Sinne, ein Ethos als innerliche Charakterform und traditionsverhafteter Lebensstil, begabt mit einer spontanen Liebe zur Herrschaft über sich selbst, zur Disziplin, zum Wagnis, zur Treue oder zur Befehlsgewalt. Hat sich einmal dieses Ethos erschöpft, dann beginnt die Moral und die stete Besorgnis um die guten Sitten an ihre Stelle zu treten, also der Moralismus. Der Schwerpunkt geht auf den Philister in seinen verschiedenen Masken über: vom fanatischen Puritaner zu Candide und Babbitt. Damit kommt die innerliche Entmannung, die Normalisierung um jeden Preis, die zwangsweise Standardisierung auf der ganzen Linie zum Durchbruch. So bestand die Gefahr, auf Grund logischer Kontinuität aus der bürgerlichen Epoche auf ein noch tieferes und degradierenderes Niveau abzugleiten, insofern nämlich die methodische „Befreiung“ von den „bürgerlichen Vorurteilen“ der „Persönlichkeit“, des „Ich“ und der „Willensfreiheit“ zum höheren Ruhme eines kommunistischen, mechanisierten und etatisierten sozialen Konglomerats, nach dem puritanischen Standardismus das Losungswort des neuen Sowjetevangeliums geworden ist. Deshalb ist hier, wie auf anderen Gebieten (zum Beispiel auf dem der Wirtschaft, wo der bürgerliche Kapitalismus kontrapunktisch gegen sich seine marxistische Antithese ins Leben gerufen hat) eine Art Nemesis oder immanenter Gerechtigkeit aufgebrochen, die Unterwühler höherer Ordnung hart zu schlagen.

Der dritte Aspekt der Bürgerlichkeit ist ihr Sentimentalismus. Er ist eine ebenso typisch bürgerliche Eigenschaft wie der Romantizismus selbst. Im Sentimentalen und im Romantischen kulminiert die kleine, gezähmte und „anständige“ bürgerliche Seele, indem sie tief bewegt wird von poetischen Süßlichkeiten, melodramatischen Heroismen, pathetischen Liebeskomplikationen, oleographischen Naturverfälschungen. All dies dient jedoch zu nichts anderem, denn als physische Kompensation, um praktisch seine gesellschaftlichen, beruflichen und familiären Tagesroutinen ungestört festhalten zu können. In diesem Sinne ist die Behauptung keineswegs paradox, daß der Idealismus, d. h. die abgebrauchte Rhetorik von den „heiligen Idealen“, den „erhabenen Ideen“, den „Glaubensüberzeugungen“ und solchen Allgemeinheiten eine ganz und gar bürgerliche Angelegenheit ist: eine verschwommene und leere Sache, nur dazu geschaffen, die Abwesenheit einer schweigsam schöpferischen Kraft zu bemänteln. Wir behaupten also, daß eher als die Abwesenheit, vielmehr das Vorhandensein von „Idealen“ und „Glaubensüberzeugungen“ in dem angedeuteten Sinne eine bürgerliche Epoche charakterisiert. „Ideale“ und „Glaubensüberzeugungen“ waren dagegen dort abwesend, wo sie als zu wenig empfunden wurden, wo der Mensch in bezug auf sich selbst zentral begründet war, wo eine reine Kraft, Macht und echter Schöpfungswille herrschend ist. Asketische Kulturen, kriegerische Kulturen, schöpferische Kulturen haben so wenige Raum für „Ideale“ und „Glaubensüberzeugungen“ wie für „Moralitäten“ und „Sentimentalismen“. In ihnen herrschen wesenhaft übergeordnete Lebensformen – oder besser gesagt: Formen eines Überlebens, ohne rhetorische oder sentimentale Expressionismen, ohne Zähmungen, ohne die Verfälschungen, die notwendig dem anhaften, der außerhalb seiner selbst steht, der seinem Wesenskern gegenüber schwankt und nicht in sich selbst feststeht. Dies gilt sowohl in der individuellen und „typologischen“ Ebene wie in der Ebene der Rassen und verschiedenen Phasen der historischen Zyklen.

Die Revolutionen, die heute mit ihrem Ferment im heilsamen Sinne das alte Europa zu durchsetzen streben, müssen aus innerster Logik heraus sich zur Antibürgerlichkeit bekennen und in diesem Zusammenhang gewinnt die klare und eindeutige Erklärung Mussolinis und die daraus sich ergebende Behauptung des historischen Prinzips die Bedeutung eines sicheren und autoritären Beziehungspunktes. Wir sagten „aus innerster Logik“, insofern historisch gesehen derartige Revolutionen in ihrem Aspekt kultureller Rekonstruktion heute in aufsteigender Richtung eine Skala durchlaufen, die Europa schon in absteigender Richtung durchlaufen hat. War doch die Macht aus der Ebene rein geistiger Autorität auf eine aristokratisch-militärische Ebene und von dieser bis zur Ebene des Bürgertums und der Demokratie herabgestiegen, von wo sie auf das Niveau der proletarisierten Masse abzusinken drohte. Die erste Phase der europäischen Revolution und Rekonstruktion hatte die Aufgabe einer Vernichtung der bolschewistisch-marxistischen Gefahr. Die zweite Phase kann keine andere sein als die der Antibürgerlichkeit. Nur so wird es möglich werden, mit den Aufgaben einer höheren Weltordnung, eines aristokratischen Wiederaufbaus, in Kontakt zu treten.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: