Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Noch einmal zum Arbeitsbegriff

GEGENBLENDE | Acht Thesen zur „Neuen Kultur der Arbeit“. Von Johano Strasser.

1. Was ist der Sinn der Arbeit? Manchmal – für manche Menschen mehr als für andere – hat Arbeit ihren Sinn in sich selbst. Dann ist der Arbeitende motiviert durch die Freude an der (kreativen) Leistung, an der Verausgabung seiner produktiven Kräfte, am konkreten Ergebnis des Arbeitsprozesses. Arbeit kann gelegentlich tatsächlich dem freien Spiel nahekommen. Die meisten Menschen arbeiten aber vor allem oder sogar ausschließlich um des Arbeitslohns willen, um sich leisten zu können, was sie brauchen und was sie sich wünschen: Nahrung und Kleidung, ein Dach über dem Kopf, Muße und Urlaub, eine gute Ausbildung für die Kinder, ein neues Auto, das neueste Superhandy, den Besuch im Theater, im Konzert, in der Oper. Arbeit kann selbst Teil des schönen Lebens sein, meistens aber ist sie – zumindest zu erheblichen Teilen – eine Last, die die Menschen auf sich nehmen, damit sie das Geld verdienen, mit dem sie sich in der Freizeit das Leben verschönern können.

Weiter auf gegenblende.de

Zwar handelt es sich bei der Gegenblende um ein DGB-Organ, d.h. wir haben es hier mit bürgerlichen Reformern zu tun, deren Kritik ganz naturgemäß irgendwann einfach aufhört und somit als Ganze ihren Sinn verliert, aber dennoch halten wir es wohl für eine gute Sache, daß man sich auch in diesen Kreisen einmal Gedanken über die Arbeit an sich macht. Arbeitertum setzte sich bereits mit der Thematik auseinander und veröffentlichte vor einiger Zeit das →zweiteilige Essay „Sozialismus, Arbeit und Leistung“.

Tatsächlich gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen unseren Erwägungen und den Ausführungen, die die Gegenblende herausgegeben hat. So hat man auch dort ganz richtig festgestellt, daß die in unserer Gesellschaft praktizierte Arbeit im Allgemeinen als Existenzsicherung im finanziellen und sozialen Sinne verstanden wird, während der deutsche Arbeiter seinen eigentlichen Interessen in seiner Freizeit nachgeht. So schreibt das DGB-Organ:

[…]Die meisten Menschen arbeiten aber vor allem oder sogar ausschließlich um des Arbeitslohns willen, um sich leisten zu können, was sie brauchen und was sie sich wünschen: Nahrung und Kleidung, ein Dach über dem Kopf, Muße und Urlaub, eine gute Ausbildung für die Kinder, ein neues Auto, das neueste Superhandy, den Besuch im Theater, im Konzert, in der Oper. Arbeit kann selbst Teil des schönen Lebens sein, meistens aber ist sie – zumindest zu erheblichen Teilen – eine Last, die die Menschen auf sich nehmen, damit sie das Geld verdienen, mit dem sie sich in der Freizeit das Leben verschönern können.[…]

Hier wird also der unfreiwillige Charakter der Produktionsarbeit richtig herausgearbeitet, doch wird an dieser Stelle nicht erwähnt, daß vieles, was in dem Abschnitt als Genussmittel für den Arbeiter beschrieben wird, ebenfalls der gleichen Logik entspringt – nämlich der kapitalistischen Produktionsweise.  Weiter heißt es:

[…]Aber auch in der wirklich frei verfügbaren Lebenszeit ist der moderne Mensch immer öfter aktiv, sei es in frei gewählter und selbstbestimmter ‚produktiver’ Tätigkeit, im Spiel oder in genußorientierter Betriebsamkeit. Wenn Paul Lafargue noch vom Recht auf Faulheit träumte, so geht es uns heute eher um das Recht auf selbsttätig genutzte Lebenszeit für alle.[…]

Zum gleichen Schluss kamen auch wir, als wir uns nähere Gedanken darüber machten, was genau Freizeit denn eigentlich ist und  insbesondere auch, was sie nicht ist. Freizeit kann der Erholung dienen, aber sie muss es nicht und diesen Fakt gilt es  ersteinmal anzuerkennen, will man ernsthafte Kritik am Kapitalismus leisten. Leider machen nicht wenige Sozialisten, die mitunter der postmodernen Indvidualismus-Mentalität auf den Leim gegangen sind, den entschiedenen Fehler, eine Sozialismus-Utopie zu erstellen, die eine Welt ohne Zwang, aber dafür mit umso mehr Luxus für alle zeichnet. Dies ist faktisch unmöglich und politischer Betrug. Auf diesen Zug springen somit nicht nur falsche Sozialisten auf, sondern auch bösartige Liberalisten, die allen Antikapitalisten strukturelle Trägheit vorwerfen. Schließlich könne nur der Kapitalismus eine Leistungsgesellschaft schaffen, während eine alternative Produktion einem Schlaraffenland für Faulpelze gleichen würde.

Die Erkenntis darüber, daß Freizeit NICHT Erholung bedeuten muss, muss als wichtiger Baustein in die Kapitalismuskritik integriert werden.

In These 3 möchte der Katalog versuchen, den richtigen Weg hin zur allseits beliebten „Vollbeschäftigung“ vorzustellen. So heißt es:

Seit dem Beginn der Industrialisierung – für deutsche Verhältnisse also seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts – wurden die durchschnittlichen (Erwerbs) Arbeitszeiten drastisch reduziert: die wöchentlichen Arbeitszeiten von über 80 Stunden auf 40 und darunter, die Lebensarbeit durch die Verlängerung der Ausbildung und die Herabsetzung des Ruhestandsalters und die steigende Lebenserwartung in ungleich größerem Umfang. Ohne diese kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung hätte es in der modernen Geschichte nicht eine einzige Phase annähernder Vollbeschäftigung gegeben.

Obwohl wir die Wirtschafts- und Betriebspraxis, die zur Zeit der Industrialisierung betrieben wurde, wohl kaum als Maßstab heranziehen wollen, so hat man auch hier nicht ganz Unrecht: Das Ziel sollte natürlich die „Vollbeschäftigung“ sein, aber nicht eine solche Vollbeschäftigung, wie sie der Liberalismus meint, nämlich daß der Kapitalismus aus jeder potentiellen Arbeitskraft einen Mehrwert schöpfen kann (was dann in den Augen einiger besonders blauäugiger Kapitalismusfreunde unendlich lange so weitergehen würde), sondern eine Vollbeschäftigung, die dafür Sorge trägt, daß alle notwendigen Arbeiten mit dem geringst nötigen individuellen Aufwand erledigt werden können. Somit wollen wir den Leistungszwang für ein einzelnes Individuum aufheben und auf ein Arbeitskollektiv übertragen. Dies mindert den Druck, nicht aber die Verantwortung des Einzelnen.

Dies Ziel ist durchaus mit der Praxis der Arbeitszeitverkürzung zu erreichen, unter gleichzeitiger Vollautomatisierung anderer Wirtschaftszweige. Zuvor machte der Thesenkatalog der Gegenblende deutlich, daß „Vollbeschäftigung“ nicht durch ungebremsten Wirtschaftswachstum erreicht werden kann, wobei man hier ganz korrekt den inneren Widerspruch des Wirtschaftswachstums benannt hat: Wo etwas wächst, wird etwas schrumpfen.

Es lassen sich noch mehr interessante Ansätze entdecken. So erkennt man offenbar auch beim DGB, daß die vielfach gepredigte Warenvielfalt, wie sie von Liberalisten immer wieder als vermeintlich positive Eigenschaft vorgehalten wird, in Wahrheit nur einen Konsumwahn fördert, der die unwichtigen, nicht lebensnotwendigen Interessen des Arbeiters überreizt und für sich ausnutzt:

4. Heute sehen wir uns ökologischen, sozialen und – auf der Seite der Konsumenten – zeitökonomischen Grenzen des Wachstums gegenüber. Dazu kommt, dass die Beschleunigung der Innovation ein neuartiges Sinnproblem erzeugt: Immer häufiger wird das erworbene Konsumgut entwertet und die Freude daran geschmälert, weil sogleich das bereits entwickelte Noch-Bessere in den Blick kommt. Wie aber soll die Vorstellung aufrecht erhalten werden, dass Leistung sich lohnt, wenn das, was ich mir aufgrund meiner Leistung leiste, immer öfter nur das Zweitbeste ist?[…]

In den weiteren Punkten geht es wie gehabt um das Ziel der Vollbeschäftigung, so wurde in These 5 zwar sinnig dargelegt, daß Bildung und Qualifikation zwei unterschiedliche paar Schuhe sind und daß mehr in den geisteswissenschaftlichen und musischen Bildungsbereich investiert werden müsse. Soweit können wir uns dem anschließen, obwohl die Bildung hier nicht zum Thema werden soll.

Interessanter wird es in These 6, in welcher die Automatisierung der Wirtschaft kritisiert wird. In anderen Worten:

6. Ein Blick in die fernere Zukunft kann helfen zu verstehen, warum die alten und neuen Patentantworten nicht mehr stimmen: Welche Arbeit bleibt übrig, wenn Rationalisierung und Automation fortschreiten? Vermutlich werden auf lange Sicht – jedenfalls im Marktsektor – alle Arbeiten automatisiert, in denen die Arbeitsvollzüge vollständig definiert und berechnet werden können. Übrig bleibt dann als von Menschen zu verrichtende Arbeit vor allem das, was nicht automatisiert werden kann; und das ist nicht wenig: leitende und beratende Tätigkeiten in Wirtschaft und Verwaltung, Marketing und Werbung, ein Teil der handwerklichen und bäuerlichen Arbeiten, künstlerische Produktion, Erfinden, Planen, Entwickeln, Warten, personenbezogene Dienstleistungen, Kommunizieren, Motivieren, Lernprozesse organisieren, schöpferisch sein, mit Menschen umgehen, sich kümmern, trösten, pflegen – alles das, was Maschinen nun einmal nicht können.[…]

Hier hat sich klar ein Denkfehler eingeschlichen. Hatte man denn zuvor nicht etwa das Prinzip der Arbeitsaufteilung (neudeutsch: Jobsharing) hochgehalten und als mögliches Instrument für die so viel gepredigte Arbeitszeitverkürzung in Erwägung gezogen? Warum sollte dies also nicht auch in einem Betrieb funktionieren, in welchem die Drecksarbeit von Maschinen erledigt wird? Uns ist nicht ganz klar, worum es dem DGB überhaupt geht: Ausschließlich um ein besseres Arbeitsklima, was ja die Tatsache, daß hier kapitalistische Arbeit vorherrscht, beiseite schieben würde, oder um ein besseres Leben im Großen und Ganzen? Wer ernsthaft dafür plädiert, daß etwa Bandarbeit von Menschenhand erledigt werden soll, und dabei auch noch von „sich kümmern“, „trösten“ und „pflegen“ palabert, der kann es mit der Befreiung des deutschen Arbeiters nicht allzu ernst meinen. Weiter heißt es:

[…]Es gibt nur einen Ausweg: Die steuer- und finanzpolitische Privilegierung des Maschinensektors muß beendet, die  Wertschöpfung in diesem Sektor zur Finanzierung jener Aufgaben herangezogen werden, die nur mit menschlicher Arbeit geleistet werden können. Nur so kann auch durch Investitionen in Gesundheit, Pflege, Bildung und Forschung der große und wachsende Bedarf an personenbezogenen Dienstleistungen gedeckt werden.[…]

Dies ist eine Verbrüderung mit Ideen, die den Kapitalismus nicht etwa abschaffen, sondern erhalten wollen. Denn: Ist es nicht so, daß sich gerade im technischen Fortschritt eine gewisse Linearität in der Entwicklung des Kapitalismus seit Anbeginn seiner Zeit auszumachen ist? Warum also sollten wir diese positive Nebenerscheinung, die dem Menschen Arbeit abnimmt, versuchen aufzuhalten? Eine Faustregel des Sozialismus heißt, daß er alle positiven Nebenerscheinungen, zu denen etwa  auf der Aufklärung basierende Bürgerrechte oder eben auch der technologische Fortschritt gehören, zu absorbieren hat. Dies ist auch ein weiterer Beweis dafür, daß es dem DGB keineswegs darum geht, die Ordnung in ihren Fundamenten anzustasten, sondern darum, die Arbeit im Kapitalismus durch Reformisterei „erträglich“ zu machen.

Zwar erkennt man in These 7 die Chance, die die Maschinisierung uns bietet, doch denkt man auch hier in kapitalistischen Mustern (Arbeiter als Konsumenten für den Absatz der maschinellen Wirtschaft, etc.), was die eigentlich sozialistische Forderung, die Wirtschaft nach dem Bedarf und nicht nach der Kapitalverwertung, schon komisch erscheinen lässt.Wollten wir gegenüber dem DGB nun besonders gemein sein, dann könnte man hier durchaus das Wort Nebelkerzengranate zulassen.

Wir fragen uns schlichtweg, welche Arbeiten denn gemeint sind, die unbedingt von Menschen erledigt werden müssten. Bandarbeit? Autos zusammenbauen? Es ist doch völlig klar, daß nicht jede Tätigkeit von einem Roboter ausgeführt werden kann, so macht es doch durchaus Sinn, jene Sektoren vollzuautomatisieren, in denen menschliche Handarbeit schlicht nicht notwendig ist. Der DGB-Autor des Thesenpapiers scheint es nicht bewerkstelligt zu bekommen, aus dem liberalistischen Denkmuster (Arbeit als Selbstzweck) auszubrechen und eine Totalkritik am Kapitalismus zu verfassen. Statt desse kratzt er durchaus sinnig einige Punkte an, doch vertieft nicht den Kern.



 

 

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