Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Der Missbrauch des Nationalen

Aus: „Der Volksstaat“, ca. Oktober 1927

(…)

Die deutsche sozialistische Arbeiterbewegung leidet an einer seltsamen und verhängnisvollen politischen Blickverzerrung und Gefühlserkrankung: sie verfällt in Krämpfe und sieht unheimliche Gespenster sobald zu ihr von staatlichen Notwendigkeiten und nationalen Lebensfragen gesprochen wird. Wie ihr der Staat als ein feindseliges Unterdrückungsinstrument gilt, so wittert sie in der nationalen Idee eine gefährliche, irreführende List. Als Gebilde, Herrschaftsmittel und Werkzeuge der sozialen Reaktion lehnt sie beide ab; wo sie von staatlichen und nationalen Anforderungen hört, setzt sie sich sogleich in Abwehrstellung; von vornherein vermutet sie da Anschläge auf ihre Freiheit, ihre Lebenshaltung.

Die Ursachen dieser Einstellung der Arbeiterschaft sind historischer, psychologischer und soziologischer Art.

Die Eigenart der bürgerlich-kapitalistischen Epoche ist es, dass die Sucht nach Profit, nach Bereicherung entfesselt wurde wie noch nie; was Gewinn verspricht, ist erlaubt. Die Größe des kapitalistischen Gewinnes steht in einem gesetzmäßigen, immer umgekehrten Verhältnis zu der Höhe der Lebenshaltung des Lohnarbeiters. Daher entspringt der tragische Kampf zwischen Kapital und Arbeit.

In diesem Kampf wurden gegen das Ringen der Lohnarbeiterschaft um eine menschenwürdige Existenz die nationalen Instinkte in Bewegung gesetzt; es sollte national sein, zwölf statt zehn Stunden zu arbeiten und soziale Fortschritte abzulehnen; es sollte ein ‚Verbrechen am Nationalen‘ sein, innerhalb einer aufblühenden Wirtschaft höhere Löhne zu fordern und nach der Koalitionsfreiheit Verlangen zu tragen.

Die sozialen Machtkämpfe wurden nicht ausschließlich als soziale Machtkämpfe ausgefochten sondern unter nationale Gesichtspunkte gerückt; der kapitalistische Unternehmer, dem sich die Staatsgewalt zur Verfügung stellte, verkleidete sich im nationalen Gewande; der Kittel des kämpfenden Arbeiters wurde als Merkmal des Landesfeindes gebrandmarkt. Im unglückseligen, Geist und Gemüt verwüstenden Sozialistengesetz erreichte diese Entwicklung einen folgenschweren, die Haltung der deutschen Arbeiterschaft in nationalen Dingen auf Jahrzehnte hinaus bestimmenden Höhepunkt. Es bürgerte sich fest und unerschütterlich die Vorstellung ein: national und sozial reaktionär seien gleichbedeutend; der Verdacht griff um sich: dass dort, wo von nationalen Dingen die Rede sei, immer eine selbstsüchtige Absicht ans Ziel zu kommen hoffe. Mannigfache sozialpolitische Ereignisse der Nachkriegszeit waren derart, dass sie diesen Verdacht bekräftigten. Die Arbeiterschaft gewöhnte sich auf diese Weise daran, sich mit einer gewissen spöttischen Überlegenheit – ‚Wir wissen Bescheid!‘ – gleich zurückzuziehen, wenn ‚nationale Interessen‘ ins Feld geführt wurden; in der nationalen Phraseologie sah sie schließlich ein Warnungszeichen, das ihr bedeutete, auf der Hut zu sein. Die Gegnerschaftsgefühle, die der Arbeiter dem Unternehmer aus wirtschaftlichen Anlässen entgegenbrachte, regten sich infolge der Unterstützung, die die staatliche Gewalt dem Unternehmer zuteil werden ließ, auch dem Staat gegenüber. So hatten diese feindseligen Empfindungen jetzt nicht nur mehr soziale, sondern auch politische Färbung; tiefer und tiefer setzte sich im deutschen Arbeiter die Überzeugung fest, dass einfach aus der Natur der Sache heraus zwischen ihm und dem Staat eine unausrottbare Feindschaft bestehen müsse, die erst verschwinde, wenn man den Staat zertrümmere oder doch wenigstens ‚zum Absterben‘ bringe.

Es war ein Verhängnis, dass dieser Missbrauch des Nationalen innerhalb der Arbeiterschaft die Auffassung verstärkte, es gäbe keine nationalen Wirklichkeiten. Dass es aber in der Tat nationale Wirklichkeiten gibt, von denen jeder Einzelne gelegentlich elementar ergriffen wird, lehrte allein schon der 4. August 1914. Das Nationale deutet in die tiefsten Gründe menschlichen Daseins; instinktiv Ursprüngliches der Menschennatur lebt in ihm. Den dunklen Strom der Gemeinsamkeiten des Blutes und des Schicksals meint es, der durch eine Gruppe von Individuen flutet und sie in einem letzten Sinne zu Gleichen, zu einem Volke macht, im Anblick dessen alle individuellen Eigenheiten und Besonderheiten, auch alle Gruppenangelegenheiten unwichtig und belanglos werden wie Schaumkämme auf dem Spiegel der Gewässer. Das eigentliche Lebenselement, die tragende Daseinssubstanz scheint dieses Gemeinsame darzustellen. Sobald an diese Tiefen gerührt wird, hört der Mensch auf, ein in seiner Selbstsucht eingekäfigtes, allein auf sich bezogenes Ich zu sein; er fühlt sich in ein Großes und Gewaltiges, weit über ihn heraus Greifendes eingebettet, er handelt nicht mehr wie er will, sondern wie er muss, wie es ihn von anderen Bezirken her treibt. Er vergisst das Seine, selbst sein Leben gibt er preis. Soweit Dinge, Ansprüche, Forderungen, die vor ihn hintreten, einen Zusammenhang mit diesem Urtümlichen des Nationalen ahnen lassen, werden sie geradezu in ein magisches Licht gerückt; ihnen verfällt er, sie rütteln ihn auf; indem er den Impuls des Nationalen in ihnen spürt, werden sie für ihn das Höhere, dem er sein Persönliches unterzuordnen hat.

Es war nun gewiss grotesk, dass sich die kapitalistischen Mächte als Verkörperungen des Nationalen auszugeben vermocht hatten. Der Geist, der in ihnen wirkt, ist überspannt individualistisch; es ist jener Geist, dessen Staatsideal der Nachtwächterstaat ist und der fraglos wahrhaben will, dass der Staat um des Individuums willen bestehe. Das Glück des Einzelnen, nicht die Größe der Nation schwebt ihm vor. Es geht ihm gegen die Natur, das national bedeuten soll: Opfer bringen, sich selbst hingeben, sich für ein Umfassenderes verantwortlich fühlen, dienen und nichts als dienen. Eben die, die von diesem Geiste des Individualismus ergriffen sind, waren es, die während des Krieges in Deutschlands großer Not Eisen ins Ausland verkauften, mittels dessen Granaten gegen deutsche Soldaten erzeugt wurden.

Die Gleichen sind es, die für ungemessenen Preis chemische Patente den Franzosen auslieferten, Patente zur Mischung von Giftstoffen, mit denen vielleicht eines Tages von französischen Flugzeugen aus deutsche Frauen und Kinder erstickt werden. Sie sind heute französisch, morgen englisch, übermorgen amerikanisch gesinnt, je nachdem, was der Stand der Börsenkurse anempfiehlt.

National sein ist: sich opfern können und dienen wollen. Die Arbeiterschaft versteht sich wahrhaftig aus ihrer ganzen Lebenslage heraus auf Opfer bringen und Dienstbarkeit. Aber der Nation kommt das nicht hinlänglich zugute, weil die Arbeiterschaft, die ihrer seelischen Haltung und ihrem seelischen Gepräge nach die nationalste Schicht sein könnte, sich unter dem Einfluss vieler bitterer Erfahrung zu der Feststellung berechtigt glaubt: das Nationale sei nur ein Betrugsversuch. Der Missbrauch des Nationalen hat sie zu diesem entsetzlichen Fehlschluss verleitet.

Das Erleben unserer nationalen Not packt je länger desto mehr jeden Einzelnen; es erschüttert wohl auch allmählich jene Ideenverknüpfung und Gefühlsverbindung: als ob sich national und sozialreaktionär tatsächlich decke. Vielmehr wird sich jene Erkenntnis durchsetzen, dass eine tiefere innere Verwandtschaft zwischen dem Nationalen und Sozialen bestehe; wie das Nationale Opfer- und Hingabebereitschaft in sich begreift, so auch das Soziale. Das Nationale hat vor allen Dingen die politische Seite des Gemeinschaftslebens im Auge, das Soziale dagegen mehr die wirtschaftliche Seite. Die Grundgesinnung, die den wesentlichen Kern des Nationalen wie des Sozialen ausmacht aber ist: die Unterordnung unter die Erfordernisse des gemeinschaftlichen Daseins. Nicht Widersprüche, sondern notwendige Ergänzungen sind somit das Nationale und Soziale. Es ist das Ergebnis einer ganz unnatürlichen und verkrampften Entwicklung, einer wahnwitzig verschrobenen Massenbeeinflussung, das Nationale und Soziale als unverträgliche Gegensätze zu betrachten.

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