Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Ernst Niekisch: Der politische Raum deutschen Widerstandes

Aus: „Widerstand“, November 1931

1.

Seit 1918 treiben die Dinge in Deutschland jenem Punkte zu, auf dem die Lebensnotwendigkeiten des Staates in unversöhnlichen Gegensatz zu den Lebensnotwendigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft treten, auf dem man schlechterdings seine Wahl für den Staat oder die bürgerliche Gesellschaft zu treffen hat. Seitdem gibt es allein noch den Bürger oder den Deutschen; der deutsche Bürger wurde zu einem hoffnungslosen Widerspruch in sich. Bürgerliche deutsche Politik ist sachlich nicht mehr möglich; sie endet notwendigerweise immer wieder im bürgerlichen Verrat an Deutschland. Aus Selbsterhaltungsgründen muss der deutsche Bürger zum Paneuropäer werden; er muss, um fortexistieren zu können, Deutschland Paneuropa einverleiben. Bürgerliche Gesellschaft, abendländische Kultur, Versailler Zustand sind seit 1918 die verschiedenen Schauseiten der gleichen Wirklichkeit; der eigentliche Sinn dieser Wirklichkeit ist die Knechtung Deutschlands und die Tributausbeutung des deutschen Volkes. Deutsche Politik, die den deutschen Lebensnotwendigkeiten gerecht werden will, kann nur antibürgerlich, antikapitalistisch, antiabendländisch sein; ist sie das nicht, dann spielt sie unvermeidlich immer wieder Frankreich in die Hände.

2.

Die bürgerliche Gesellschaft hat einen Menschentypus hervorgebracht, der ihr vollkommen angepasst ist; es ist die „liberale Persönlichkeit“, die völlig durch die Wirtschaft gefangen genommen wird und die führenden Stellungen der Industrie, des Handels und der Banken besetzt hält. Ihr ist in jedem Betracht Wirtschaft Schicksal; Politik versteht sie ausschließlich als Funktion der Wirtschaft. Ihr Wohlergehen, das Gefühl ihrer Bedeutung, ihre Stellung im sozialen Organismus insgesamt sind so unlöslich mit den Konjunkturschwankungen der Wirtschaft verknüpft, dass ihr ganzes Blickfeld durch die Wirtschaft erfüllt wird, dass diese ihr als Urgrund alles Geschehens, als Kern des Daseins erscheint. Am Ende gerät sie sogar noch in ein schiefes Verhältnis zur Natur schlechthin; sie betrachtet die Natur als ein Reservoir von Energien, die rationell ausgebeutet und rentabel beschäftigt werden sollen. So löst sie sich vom Elementaren; es ist für sie keine dunkle Gewalt, von der sie unwiderstehlich getrieben wird, sondern eine Kraftquelle, aus der sich Kapital schlagen lässt. In solcher Weise verfährt sie auch mit dem nationalen Gefühl. Berechnend ergreift sie die nationale Regung, statt von ihr ergriffen zu werden; sie überschlägt, wie nützlich es ist, ihre Wirtschaftsinteressen als „nationale Lebensnotwendigkeiten“ glaubhaft zu machen. Flottenbegeisterung belebt die Nachfrage nach Panzerplatten, und der Krieg ist eine seltene Gelegenheit zu Kriegsgewinnen. Die liberale Persönlichkeit wurde zum Urheber jenes schändlichen Missbrauchs, der das zusammengebrochene Reich besudelt und die deutsche Arbeiterschaft dem Staatsgedanken entfremdet hatte, jenes Missbrauchs nämlich, sich auf das nationale Interesse zu berufen, wenn Profitgier und Ausbeutungsabsicht einen Raub in Sicherheit zu bringen suchten. Es war verruchter Frevel, die Verschwörungen der Selbstsucht als „nationale Angelegenheiten“ ins Werk zu setzen; die Unschuld des nationalen Gefühls wurde dadurch zerstört. Wenn seitdem eine nationale Welle aufsteigt, sucht man instinktiv einen liberalen Bürger dahinter, der auf die Gelegenheit lauert, sich bereichern zu können.

Die bürgerliche Gesellschaft wird durch die liberale Persönlichkeit am reinsten repräsentiert; bestehen aber kann sie nur, wenn sie auch alle jene Schichten in sich einbezieht und zur Anerkennung ihrer Werttafeln überredet, die ihr doch bloß mit Vorbehalten zugehören können. Der Bauer, der geistige Mensch, der adelige Herr, der Soldat, der abhängige Angestellte, der nicht völlig proletarisierte Arbeiter können ihr nicht mit Leib und Seele verfallen; nie hing das, was sie sind und bedeuten, so ausschließlich von wirtschaftlichen Tatbeständen ab, wie das für die liberale Persönlichkeit zutrifft; sie haben noch einen besonderen Rang für sich, der nicht durch Geld und Reichtum zu bestimmen ist. Sie waren bürgerlich ausgerichtet, ohne doch aus dem eigenen Innern heraus bürgerlich zu sein; sie hatten sich bürgerlich angepasst, bargen aber in ihrem Wesensgrunde noch unbürgerliche Elemente; sie betrachteten die Welt mit der Brille des Bürgers, behielten jedoch die Möglichkeit, diese Brille wieder abzulegen und sich ein anderes Bild von der Welt zu machen. Der Bauer war erdverbunden und dem Rhythmus der Natur verhaftet, auch wenn er hinter das Geheimnis der Wirtschaftsrechnung gekommen war. Der geistige Mensch trug einen geheimen Protest mit sich umher, die Kraft seiner Erkenntnis und die Fülle seiner inneren Gesichte dem Preisbildungsgesetz auf öffentlichem Markt unterworfen zu sehen. Junker und Soldat fügten sich wohl ein, aber sie hielten sich schadlos, indem sie das verachteten, dem sie nicht mehr hatten widerstehen können. Der Angestellte weigerte sich, seine soziale Einschätzung aus dem tatsächlichen Charakter seiner sozialen Stellung ableiten zu lassen; er pflegte auf Grund romantischer Vorstellungen ein starkes Standesbewusstsein; indem er sich in den Kult einer schönen Vergangenheit einspann, überwand er die Pein der menschlichen Demütigungen seiner Gegenwart. Der nicht verproletarisierte Arbeiter schließlich suchte das Bewusstsein eines besonderen persönlichen Wertes zu gewinnen, indem er an religiösen oder vaterländischen Überlieferungen festhielt.

Die bürgerliche Gesellschaft befleißigte sich, diesen wesentlich fremd gearteten Schichten den Kompromiss zu erleichtern. Dem Bauer gegenüber achtete sie auf eine zurückhaltende Behutsamkeit; sie ging mit ihren Zugeständnissen an sein besonderes Lebensgesetz überraschend weit und war besorgt, dass er wirtschaftlich auf seine Rechnung kam. Den geistigen Menschen besänftigte sie, indem sie laut die „Gleichberechtigung von Bildung und Besitz“ verkündete; keinem gelehrten Hungerleider war es verwehrt, den Adel seines Geistes gegen die Tantieme eines Generaldirektors auszuspielen; großherzig stellte sie selbst die Bildung, den „Vorrat“ an geistigen Gütern neben den Besitz, den Vorrat an materiellen Gütern. Dem Edelmann und Soldaten schmeichelte sie, indem sie deren gesellschaftliche Formen zu ihrem Vorbild erhob und die Ehegemeinschaft mit ihnen teuer bezahlte. Den Angestellten störte sie nicht in seinen mittelalterlichen Liebhabereien; wenn er während der Arbeitszeit proletarisch gefügig gewesen war, mochte er sich nach Arbeitsschluss immerhin mit Hilfe ständischer Traumvorstellungen den Genussersatz freier Männlichkeit erschleichen. Den „nicht-marxistischen“ Arbeiter suchte sie, ohne dass er die Sachlage klar durchschaute, mit Werksgemeinschaften und Betriebswohlfahrtseinrichtungen zu erkaufen.

Die bürgerliche Gesellschaft hielt diese Schichten deshalb in ihrem Banne, weil sie ihnen ein ausreichendes Einkommen gewährleistete; wer sich eingliederte, war versorgt. Auf Rebellion stand der Hungertod; das zähmte die ungebärdigsten Gesellen.

Inzwischen freilich enthüllte die bürgerliche Gesellschaft in Deutschland ihre Ohnmacht an einem Punkt, dem sie ihre suggestive Kraft verdankte und der recht eigentlich ihre gesamte Existenz trug: sie zeigte sich nach 1918 unfähig, die Ernährung und Beschäftigung der Massen sicherzustellen. Mit ihren Wirtschaftswundern hatte sie Bestechungen verübt; in dem Augenblick, in dem sie die Wunder schuldig blieb, war sie als fauler Zauber entlarvt. Weil sie die Wirtschaft zum Weltsinn erhoben hatte, war ihre Welt sinnlos geworden, sobald die Wirtschaft nicht mehr funktionierte.

Gerade jenen Schichten gab sie Anlass, an ihr zu verzweifeln, die ihr innerlich nie ganz zugehörig gewesen waren. Den Bauern bewahrte sie nicht mehr davor, von der Scholle verjagt zu werden. Den geistigen Menschen ließ sie ganz und gar im Stich. Den Menschen des Ehrgefühls, den Soldaten insbesondere, überantwortete sie einer außenpolitischen Schmach ohnegleichen. Den Angestellten warf sie hoffnungslos auf die Straße. Auch den „nicht klassenkämpferischen“ Arbeiter übergab sie der Verzweiflung. Sie war geradezu zum Feind und Verderber der Menschen geworden. Ihr Fortbestand ruinierte eben die, auf die sie sich stützen musste. Sie hatte keine Reserven mehr, um Spenden an die zu verteilen, deren innerer Vorbehalt gegen sie beschwichtigt werden musste. Die Grundsätze, auf denen die bürgerliche Gesellschaft beruht, dienten plötzlich zur Rechtfertigung der wirtschaftlichen Vernichtung derer, die sie bisher durch die Verheißung wirtschaftlicher Begünstigungen für sich gewonnen gehabt hatte. Sie verbreitete allerorts Not und Elend, wo man Wohlfahrt und Fortschritt von ihr erwartete. Wer nicht vom Kern seines Wesens her Bürger war, hatte keinen Grund mehr, die bürgerliche Gesellschaft zu verteidigen. Sie überzeugte nicht mehr davon, dass sie eine Sendung habe; sie erschien als eine Überlistung und eine betrügerische Veranstaltung. Der Bann der bürgerlichen Lebensformen und Wertschätzungen zerbrach; das Elementare, die Stimme der völkischen Substanz, die natürlichen Grundinstinkte, die man solange der Zucht bürgerlicher Lebensschau geopfert hatte, meldeten sich wieder zu Wort. Man sah sich vor die Frage von Sein oder Nichtsein gestellt und empfand sogleich, dass das Sein sich mit dem Fortbestand der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr vereinbaren lasse.

Man empfand das so tiefer, als man durchschaute, dass die bürgerliche Gesellschaft zu einer Einrichtung und einer Sicherheitsmaßnahme der Versailler Welt geworden war, der Versailler Welt, die in unversöhnlichem Gegensatz zum deutschen Lebensanspruch steht. Wo immer auch aus völkischem Wesensgrunde sich deutscher Lebensanspruch zur Geltung bringt, musste sich nunmehr der Aufstand gegen die bürgerliche Gesellschaft organisieren. Wenn die bürgerlich-kapitalistische Wirtschaft Deutschland zwingt, in Paneuropa zu enden, dann ist es eine deutsche Notwendigkeit, die bürgerliche Gesellschaft, der jene Wirtschaft Schicksal bedeutet, mit Feuer und Schwert auszurotten.

Die bürgerliche Gesellschaft, die sich mit wirtschaftlichen Erfolgen rechtfertigen muss, verlor ihre Gewalt über die Schichten der Bauern, Intelligenz, Soldaten, Angestellten und Arbeiter, als sie diese um Versailles` willen in wirtschaftliches Elend stürzte; damit wurde in ihnen allen wieder der natürliche deutsche Antrieb freigesetzt. Seitdem gibt es nur noch ein paar tausend Wirtschaftsführer, Bankmänner, Syndizi und gekaufte Publizisten, deren verlorenes Sein aus inneren Gründen an den Fortbestand der bürgerlichen Gesellschaft gebunden ist. Außer ihnen kommen gegenwärtig der bürgerlichen Gesellschaft bestenfalls nur noch die Gewohnheit und das Gesetz der Trägheit zugute. Das aber ist kein Halt mehr, der Dauer verheißt. Spenglers Untergang des Abendlandes ist die Prophetie des Einsturzes der bürgerlichen Gesellschaft und sein Büchlein „Der Mensch und die Technik“ ist für die gleiche Gesellschaft eine wohlmeinende Anweisung zum anständigen Sterben.

3.

Der Vorgang der inneren Loslösung dieser verlassenen Schichten von der bürgerlichen Gesellschaft stellte sich in der Entwicklungsgeschichte der nationalsozialistischen Bewegung dar. Der Nationalsozialismus ist die Form, in der sich das erste dunkle Gefühl jener Schichten auslebte, der bürgerlichen Gesellschaft eigentlich gar nicht zuzugehören; sie wurden inmitten der nationalsozialistischen Bewegung ihres nichtbürgerlichen Besonderseins gewahr. Noch waren sie nicht imstande, zu sagen, wohin sie wollen; nicht zufällig ist es demgemäß, dass ihre soziale Programmatik verschwommen, nebelhaft, unklar blieb. Ihr sozialistisches Bekenntnis hatte keinen greifbaren Inhalt; es war lediglich die nachdrückliche Feststellung, dass sie aus der bürgerlichen Ordnung fortstrebten.

Ihre nationale Leidenschaft war der Durchbruch einer naturhaften Ursprünglichkeit; der völkische Lebenswille, der sich durch die von den bürgerlichen Gesichtspunkten beherrschte Erfüllungspolitik mit Recht bedroht fühlte, rechte sich unbändig empor. Er wurde geweckt, als der Einzelne die Ausweglosigkeit seiner individuellen Not in ihrer ganzen Schwere empfand; plötzlich blitzte die Einsicht auf, dass diese Not die Grundlage der völkischen Existenz überhaupt angehe.

Allerdings deckten sich Inhalt, Richtung und Triebkräfte dieser gegenbürgerlichen Bewegung bald nicht mehr mit der Ausrichtung des organisatorischen Rahmens, in den sie gefasst wurde, mit den Tendenzen und Zielsetzungen der „Nationalsozialistischen Arbeiterpartei“.

Die Partei machte sich nicht zum Instrument des gegenbürgerlichen Willens; weder verstärkte sie ihn, noch ebnete sie ihm die Bahn. Sie traf vielmehr schon bald Anstalten, ihn zu schwächen, zu lähmen, abzubiegen. Sie „kanalisierte“ ihn, um zuerst sein Ungestüm zu brechen und ihn dann versanden zu lassen. Sie verharmloste sich zu einer bloßen Gewissensmahnung für die bürgerliche Gesellschaft; sie wollte dem Bruch mit der Bürgerlichkeit geradezu vorbeugen. Damit schlug sie in eine Rettungsveranstaltung für die bürgerliche Gesellschaft um. Sie wirkte jetzt als eine Maßnahme, den antibürgerlichen Instinkten die Leine zu lockern, damit sie umso sicherer danach wieder eingefangen werden könnten. Das ist eine bewährte Methode, mit der seit je die katholische Kirche aufrührerische Regungen ungefährlich zu machen pflegte. Die nationalsozialistische Partei wurde zum Werkzeug, das der bürgerlichen Gesellschaft die Anwendung dieser Taktik erlaubte. Die Preisgabe sozialistischer Programmpunkte; das Einverständnis mit der Schwerindustrie; die Neigung, sich mit den Rechtsparteien zu koalieren; die Versicherungen unverbrüchlicher Legalität; die Gelübde zugunsten der Kultur des Abendlandes waren unmissverständliche Anzeichen dafür, wie tief sich die Partei dem Geist der bürgerlichen Ordnung verpflichtet fühlte.

In Hitler hat das bürgerliche Lebensgefühl seine selbstverständliche Sicherheit verloren; insofern er die bürgerliche Gesellschaft verkörpert, verkörpert er sie doch nur in ihrem Zustande der äußersten Verängstigung, in der Hysterie ihrer Todesfurcht und der Krampfhaftigkeit ihrer verzweifelten Verteidigung. Da musste sich denn auch jene bürgerliche Verruchtheit in ihm ins Groteske übersteigern; den brausenden Sturm echten nationalen Gefühls in den widerlichen Dienst privater bürgerlicher Selbstsucht zu stellen. Hitlers Bündnis mit den Generaldirektoren der westlichen Schwerindustrie ist ein erschütterndes Symbol dafür, wie nochmals deutsche nationale Leidenschaft verkauft wurde, um als Vorspann für trübe Spekulationen und üble Anschläge bürgerlicher Geschäftemacher verwertet zu werden.

4.

Bleibt jenen im Stich gelassenen Schichten fernerhin, sobald sie zum Bewusstsein des Betruges gelangen, der wiederum an ihnen verübt worden ist, ein anderer Ausweg als der, zur Kommunistischen Partei Deutschlands zu stoßen? Wenn das nationale Gedankengut wirklich nur ein Köder ist, mit dessen Hilfe soziale Reaktionäre Dumme fangen, wenn das nationale Gefühl nur ein flüchtiger Rauschzustand ist, der kalten egoistischen Rechnern gelegen kommt: ist man es sich alsdann nicht selbst schuldig, überhaupt nicht mehr auf nationale Antriebe „hereinzufallen“? Wäre man nicht ein Narr und Tor, sich weiterhin noch durch den „Internationalismus“ beirrt zu fühlen?

Müssten sich diese Schichten freilich nicht innerhalb jener Partei als Heimatlose empfinden? Es könnte angesichts des besonderen Wesens der Kommunistischen Partei kaum anders sein.

Gewiss ist auch der großstädtische Proletarier ein Produkt der bürgerlichen Welt. Sie zerschnitt den Zusammenhang zwischen der Arbeiter und der Natur, dem Produktionsmittel, der Geborgenheit des Eigentums. Sie zwang ihn, seine einzige Bedeutung darin zu sehen, Ware „Arbeitskraft“ zu sein, sich als Ware „Arbeitskraft“ zu verwerten. Sie prägte ihm ein, dass er außerhalb des Wirtschaftsprozesses nichts sei und dass sein Dasein ausschließlich unter dem Gesetz des wirtschaftlichen Konjunkturverlaufs stehe. Wenn der Arbeiter allmählich nur noch in wirtschaftlichen Vorstellungen zu denken vermochte, so war er durch die bürgerliche Gesellschaft selbst dazu erzogen worden. Nicht Marx hatte ihn dazu verführt; Marx hatte im Grunde nur die Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft aufgedeckt und den Arbeitern eingeschärft, ihre Einsicht nicht mehr verwirren zu lassen. Marx hatte mit wissenschaftlicher Strenge aufgezeigt, wie die bürgerliche Gesellschaft ausschließlich von wirtschaftlichen Beweggründen gelenkt sei und wie ihr Weltbild völlig in rechenhafter Wirtschaftsgesinnung wurzle; er ermunterte die Arbeiter, sich die gleichen Beweggründe und die gleiche Gesinnung mit gutem Gewissen zu eigen zu machen. Die Quelle der materialistischen Denkweise ist die bürgerliche Gesellschaft; der Marxismus ist das zynische Eingeständnis des tiefsten bürgerlichen Geheimnisses. Er ist die mitleidlose Gewissenserforschung der Bürgerlichkeit. Der bürgerlichen Gesellschaft ist er peinlich, nicht weil er ihr Gegensatz wäre, sondern weil sie sich in ihm bis auf ihren Bodensatz durchschaut fühlt. Der bürgerliche Mensch, der einen Arbeiter beschimpft, weil dessen Denken um den Lohn und den Tarifvertrag kreise, ist entweder gedankenlos und unwissend oder ein widerwärtiger Heuchler. Der Unterschied dem Bürger und dem Proletarier ist, dass der eine der Nutznießer der bürgerlichen Gesellschaft ist, der andere aber für alle ihre Kosten aufzukommen hat.

Die „marxistische“ Opposition war bis 1918 nur ein Kampf innerhalb des kapitalistischen Systems gewesen; auf dem Boden des Grundsatzes von Leben und Lebenlassen wurde ein Ausgleich gesucht, der dem Bürger seinen Profit sicherte, den Proletarier aber vor der letzten Verzweiflung bewahrte. Sozialdemokratie und Gewerkschaften erfüllten die Funktion, zu verhüten, dass der Druck auf das Proletariat jene Grenze überschritt, jenseits deren die soziale Explosion unvermeidlich gewesen wäre. Insofern waren sie Sicherungsveranstaltungen der bürgerlichen Gesellschaft.

So sehr war der Proletarier Produkt der bürgerlichen Gesellschaft, dass er schließlich in seiner Person die eigentlichen Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft ans Licht brachte; er veranschaulichte, wohin sie am Ende geraten musste. Eben weil er in ihrer Schattenseite vegetierte, verdichteten sich in ihm ihre dunkelsten Triebkräfte, ihre verschleierten Konsequenzen, ihre unterirdischsten Instinkte, ihre verborgensten Gesetzmäßigkeiten. Seine entwurzelte Existenz versinnbildlichte vorwegnehmend den ganzen Jammer der Endstufe der bürgerlichen Gesellschaft: ihre Losgerissenheit von allem Elementaren, ihren stumpfen Materialismus, ihre rationalisierte Seelenlosigkeit, ihr Westlertum, ihren Pazifismus, ihre Paneuropäerei, ihre völkische Auszehrung. Der sozialdemokratische Proletarier, der bereit ist, sich bis über den Landesverrat hinaus mit Frankreich zu „versöhnen“, ist lediglich der vorschnelle Enthüller der verschwiegensten Absichten der bürgerlichen Gesellschaft; was der bürgerliche Wirtschaftsführer morgen will, spricht sein „marxistischer“ Arbeiter heute schon aus.

Die Sozialdemokratie gehört zur bürgerlichen Gesellschaft wie die Nationalsozialisten dazu gehören; auch sie „rettet“, freilich auf einem anderen Kampffeld. Während Hitler die treulos gewordenen Bürger wieder einfängt, hält die Sozialdemokratie hingegen die Gebrandmarkten und Schicksalsgeschlagenen im Zaum, aus deren Blut und Schweiß die bürgerliche Gesellschaft ihren Bau errichtet hat.

Als 1918 die bürgerliche Gesellschaft in die Verlegenheit geraten war, keine ausreichenden Beschwichtigungsgelder für ihr Proletariat mehr bereitstellen zu können, entglitt ein großer Teil des deutschen Proletariats der zähmenden Gewalt der Sozialdemokratie. Er sah sich dem Nichts gegenüber und wurde dadurch aufgereizt, alles in seinen eigenen Abgrund mit hinabreißen zu wollen. Sein Vorrat an menschlich-völkischer Substanz war zwischen den Mauern der großen Städte zerrieben; jetzt, wo er schlechthin sein nacktes Dasein in Frage gestellt fand, hatte er, wenn er sich zurückziehen und seine letzte Verteidigung ins Werk setzen wollte, nichts mehr als sein soziales Ressentiment. Er stieß in der besinnungslosen Wut seines Vernichtungswillens zur unbedingten Verneinung der bürgerlichen Gesellschaft vor. Indem sein Aufstand im sozial-wirtschaftlichen Bereich stecken blieb und nicht durchschlagskräftig politisch zugespitzt wurde, büßte er es, Frucht eben dieser Gesellschaft zu sein. Denn nie führt eine Türe von der Wirtschaft zum echt Politischen. Politik, die sich entscheidend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausrichtet, ist immer dilettantische, stümperhafte Politik, der es nie erspart bleibt, scheitern zu müssen. Hinter dem chaotischen Zerstörungsdrang tauchte der ohnmächtige Traum einer Zukunftsgesellschaft, nicht der bergeversetzende Wille zu einem Zukunftsstaat auf. Auch wenn der Schlag gegen die bürgerliche Gesellschaft auf Grund des Zusammenhangs der Dinge notwendigerweise Versailles mit treffen musste, so war diese Wirkung doch nicht in einer ursprünglichen politischen Absicht vorgesehen gewesen.

Die Rolle der Kommunistischen Partei war es, diese vor die Verzweiflung des Nichts gestellten Proletariermassen zu sammeln. Man sieht, wie wenig ihr Rahmen und ihre Atmosphäre jenen bäuerlichen, intellektuellen, soldatischen Schichten, jenen Angestellten und jenen noch nicht endgültig proletarisierten Arbeitern gemäß ist. Diese Schichten teilen von den Voraussetzungen ihrer Existenz her nicht die Verbissenheit des sozialen Ressentiments; sie haben in sich noch einen Grundstock, der mehr ist als soziales Ressentiment und sich in politische Impulse umsetzen kann. Es ist wahr, so paradox es klingt: der kommunistische Arbeiter ist in ausgesprochenerem Maße reines Produkt der bürgerlichen Gesellschaft, als jene unproletarischen Menschen es sind; die bürgerliche Gesellschaft hat ihn geschaffen und geformt, noch während sie ihn misshandelte. Diese Schichten jedoch waren, auch so lange sie sich der bürgerlichen Gesellschaft eingegliedert gefühlt hatten, immer noch etwas Besonderes außerhalb und jenseits ihres Umkreises gewesen; so erschaut ihr Auge nun in der Auflehnung der äußersten Lebensnot immer noch ein Umfassenderes und Hintergründlicheres, als es die bürgerliche Gesellschaft ist. Sie würden alsbald spüren, innerhalb der Kommunistischen Partei fehl am Platze zu sein. Von diesem Gefühl ist unverkennbar auch jener Arbeiter betroffen, der gegenwärtig in der Kommunistischen Partei steht, der sich aber trotz seines proletarischen Schicksals noch einen Rest menschlich-völkischer Substanz gerettet hat. Auch wenn er die Feindschaft gegen die bürgerliche Gesellschaft teilt, quält ihn trotzdem innere Unruhe, irgendwie falsch eingesetzt zu sein.

5.

Die Kommunistische Partei gelangte selbst zu der Einsicht, dass ihr aus sozialem Ressentiment geführter Angriff gegen die bürgerliche Gesellschaft den politischen Notwendigkeiten der Zeitlage nicht gerecht werde, dass er sogar entscheidende Punkte verfehle. Ihr blieb nicht verborgen, dass sie von ihrer grundsätzlichen Ausgangsstellung aus nur entwurzeltes Industrieproletariat zu erfassen vermöge, gerade aber bei jenen wichtigen Volksschichten, die aus dem bürgerlichen Zustand fortdrängten, auf taube Ohren stoßen müsse. Sie suchte infolgedessen durch Taktik zu ersetzen, was ihr von Natur aus mangelte. So kam es zum Scheringerkurs und zum kommunistischen Bauernprogramm. Beide Tatsachen waren ausgesprochene Anpassungserscheinungen, die durch die äußeren Umstände aufgezwungen waren und sich in keiner Weise organisch aus dem inneren Wesensbereich entfaltet hatten.

Darum entbehrten sie am Ende doch der wirklich gewinnenden Kraft. Auch das Bauernprogramm, so sehr es sich auf das bäuerliche Lebensgefühl und die ländliche Anschauungswelt eingestellt hatte, erschloss keinen breiteren Zugang zum bäuerlichen Menschen; er merkte „eine Absicht“, witterte eine Falle und war auf seiner Hut. Das kommunistische Bauernprogramm war nicht die Selbstdarstellung einer inneren Haltung, sondern das berechnende Ergebnis ungebundener Willkür; wo aber Willkür am Werke ist, da ist kein Boden, auf den man sich verlassen dürfte.

Wohl war der Scheringerkurs ein Anlauf, die „nationale Stellung zu besetzen“; jedoch wurde inzwischen deutlich, dass die kommunistische Partei des Kampfes auf diesem Felde ungewohnt ist. Allein schon infolge der Meuterei in den eigenen Reihen kann sie sich darauf nicht behaupten. Das verwestlerte Industrieproletariat hat nicht mehr genug seelischen und völkischen Tiefgang, um der anspruchsvollen Last einer nationalistischen Politik gewachsen zu sein. Aus diesem Grunde ist die Kommunistische Partei Deutschlands, obschon sie es mit Stalin hält; trotzkistisch; der Leninismus, der eine staatsabsolutistische Wirklichkeit hinter marxistischen Vorspiegelungen ist, erfordert eine lebendige Fülle, welche sie nicht mehr hat, welche hingegen der russische Arbeiter, der den Zusammenhang mit dem Dorf keineswegs verloren hatte, noch in sich barg.

6.

An dieser Stelle betritt man den politischen Raum deutschen Widerstandes. Was für die Kommunistische Partei betriebsame, aber ohnmächtige Taktik bleiben muss, ist für die Widerstandsbewegung auferlegte Berufung. Sie bricht die Brücken zur bürgerlichen Gesellschaft, ihren Einrichtungen und Wertmaßstäben ab; das Schicksal der Besitzlosigkeit, das die bürgerliche Gesellschaft über bäuerliche, geistige und abhängige Schichten heraufbeschworen hat, erleichtert diesen die Entscheidung; sie haben kein wirtschaftliches Interesse mehr an ihr. Weniger der soziale Charakter als die politische Funktion der bürgerlichen Gesellschaft steht dabei fraglich in Frage, sie muss hinweggefegt werden, weil sie zum Herrschaftsinstrument der westlichen Ordnung über Deutschland wurde. Wenn man den deutschen Firnis der bürgerlichen Gesellschaft abkratzt, kommt die westliche Ordnung zum Vorschein; sie ist die institutionelle Gegenmaßnahme zur Verhinderung der deutschen Befreiung. Der soziale Umsturzwille des deutschen Widerstandes hat einen politischen Hintersinn: die Maschinerie soll zerschlagen werden, mittels deren auf deutschem Boden Versailles in Kraft gesetzt ist. Man hat nicht nur als städtischer Industrieproletarier, sondern schlechthin als Deutscher nichts mehr zu verlieren als seine Ketten; nur sieht der Proletarier nicht, dass seine sozialen Ketten aus politischem Eisen geschmiedet sind. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt plötzlich sogar der Klassenkampfgedanke politische Färbung: der bürgerliche Mensch erscheint innerhalb der deutschen Grenzen als Legionär des Auslands; jedes Unternehmen gegen ihn ist im rechten Verstand eine Form des auswärtigen Krieges. Die Sache Deutschlands liegt stets in der Hand dessen, der gegen den Bürger ficht; Volksgemeinschaft mit dem Bürger ist fernerhin Verbrüderung mit dem verkappten Landesfeind.

Den Bürger in diesem Sinne kennzeichnet, wie er zur Frage des Privateigentums und zu Russland steht.

Bejaht man den Grundsatz des unbeschränkten Privateigentums, dann bestätigt man die Rechtstitel der fremden Gläubiger gegen das deutsche Volk, dann erhebt man die individualistische Erwerbswillkür über den Lebensanspruch der Nation. Der russische Bolschewismus hat nicht die Einrichtung des Privateigentums an sich beseitigt; er hat nur um der staatlichen Notwendigkeit willen den Umkreis der durch die Einrichtung des Privateigentums erfassbaren Güter auf ein Mindestmaß verengt. Deutscher zu sein heißt heute: aus Gründen deutscher Selbsterhaltung jenen Umkreis ähnlich aufs Äußerste einzuschränken.

Russland ist das Zentrum der gegenversailler Welt, und es hat alle Konsequenzen auf sich genommen, die keiner Versailler Gegenkraft erspart bleiben. Es ist kein Paradies, wie der kommunistische Arbeiter glauben will; es ist ein Feldlager gegen den Westen. Die soziale Rangordnung hängt dort davon ab, inwieweit man als Werktätiger und als Soldat seinen Mann steht; Reichtum schändet geradezu. Das ist es, was den Bürger erschreckt – dem deutschen Widerstand aber ein Vorbild ist.

Unter solcher politischer Verantwortung den Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft als Mittel eines nationalrevolutionären Zieles zu wollen: dazu ist die Kommunistische Partei nicht imstande. Sie ist, selbst auf der Ebene des Sozialen allein, unvergleichlich weniger revolutionär, als ihre Doktrin vermuten lässt; es fehlt ihr gewissermaßen der menschliche Humusboden, aus dem immer neue und frische Impulse der revolutionären Aktion aufsteigen könnten. Dieser menschliche Humusboden ist aber bei jenen Schichten der Bauern, geistigen Menschen, Soldaten, Angestellten und halbproletarisierten Arbeitern noch vorhanden, die sich auf dem Abmarsch aus dem bürgerlichen Lager befinden und bereits dumpf fühlen, dass die bürgerliche Gesellschaft das festeste Unterpfand deutscher Knechtung ist. Diesen Menschen weht die Fahne deutschen Widerstandes; hier ist der Ort, hier formieren sie sich.

7.

Es besteht eine Gemeinsamkeit zwischen der kommunistischen Bewegung und der deutschen Widerstandshaltung: beide begegnen sich in der gegenversailler Front im vollen Bewusstsein dessen, dass der, der es mit dem Kampf gegen Versailles ernst ist, mit der abendländischen Kultur, der bürgerlichen Gesellschaft, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gebrochen haben muss. Man kann nicht dem gegenversailler Lager angehören, wenn man in irgendeinem Betrachte noch die Bestandteile der alten Welt „retten“ will; das wäre „faschistisch“; Faschismus ist die letzte Anstrengung des Abendlandes. Jede wirkliche gegenversailler Tendenz muss irgendwie „kommunistisch“ oder „bolschewistisch“ sein. Der Bolschewismus war einst Russlands ebenso großartige wie tapfere Klugheit gewesen, nichtsdestoweniger und trotz alledem noch seinen Sieg über den Westen davonzutragen. Der Westen hat diesen Sachverhalt durchaus begriffen; die Art, wie er gegen Russland eifert, verrät, dass er Revanche zu nehmen sucht. „Bolschewistisch“ zu sein bedeutet der Natur der Sache nach: dem Westen eine Niederlage beigebracht zu haben. Wo man gegen den Bolschewismus schäumt, da gesteht man ein, an dieser Niederlage mit zu leiden, die verlorene Sache des Westens als eigene Sache zu empfinden.

Aber diese Gemeinsamkeit hebt die Besonderheit deutscher Widerstandshaltung nicht auf. Die Widerstandshaltung hat den längeren Atem: den politischen nämlich. Sie denkt die politische Strategie, für welche zu guter Letzt alle kommunistischen Klassenkämpfe bloß eine Kette taktischer Gefechte sind. Sie überschlägt den Kampfwert proletarischer Brigaden im Einsatz gegen den Westen. Sie ist besorgt, dass der militärische Elan „Rot Fronts“ von politischem Verstande gelenkt werde. Den kommunistischen Internationalismus fürchtet sie nicht; vernichtender und verderblicher sind für Deutschland der abendländische Universalismus des römischen Katholizismus und die weltwirtschaftliche Interessensverbundenheit des westlerischen Liberalismus.

An sich ist die deutsche Widerstandshaltung weder kommunistisch noch antikommunistisch; aber sie ist des Kommunismus fähig, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. In ihr wirkt die Entschlossenheit zu jeder deutschen Notwendigkeit. Dass heute offensichtlich der Kollektivismus ein unvermeidliches Mittel für deutsche politische Zwecke sein muss, beruht auf der Weltlage; es ist eine Gegebenheit. Widerstandspolitik ist es, diese Gegebenheit zugunsten der deutschen Zukunft fruchtbar zu machen.

Unter dem politischen Blickpunkt wandelt sich der Kommunismus, der ursprünglich allein wirtschaftlich gemeint gewesen ist, zu jener einzigen Art von Kollektivismus, die menschlichem Stolz erträglich ist: zum Kollektivismus der wehrhaften Mannschaft. Die bäuerliche Kollektivwirtschaft wird zur Wehrgemeinschaft von Siedlern, die sozialisierte Fabrik zum Soldatentum der Betriebsgemeinschaft und der gesamte Produktionsprozess zur militärischen Leistung, zu einer Großtat kriegerischen Heldentums. Der Kollektivismus wird zum Ausdruck dessen, dass das deutsche Volk sein Dasein unter die alles durchdringende Zweckbestimmtheit eines Gesamtplanes gestellt hat, um die Fundamente der Versailler Zwangsordnung durch die strenge Systematik planvoll abrollender Maßnahmen in Trümmer zu legen. Noch fehlt dem deutschen Volke das Bewusstsein, wie planmäßig die Unterdrücker die Verknechtung organisiert haben; Dawes- und Youngplan wurden in diesem Lichte noch kaum betrachtet. Trostlos und kümmerlich ist demgegenüber die deutsche „nationale Opposition“, die unerschütterlich am individualistischen Recht der „schöpferischen Persönlichkeit“ festhält; man vermag nicht ahnungsloser in der Welt und in der Politik zu stehen. Die Planungen der geknechteten Völker können nicht umfassend, nicht „total“ genug sein, um die Planmäßigkeit der Unterjocher zu überspielen. Der russische Fünfjahrplan setzt ein Beispiel, wie weit zu gehen ein gefährdetes Volk bereit sein muss. Das „Jahrhundert der persönlichen Freiheit“ ist zu Ende; das Jahrhundert der kollektiven Planungen ist angebrochen. Der liberale Geist „erlöste“ einst die Menschheit aus dem Zustand organischer Gebundenheit; inzwischen verfiel die Menschheit dem Siechtum eines übersteigerten Individualismus und ist es bedürftig, nunmehr vom liberalen Geist erlöst zu werden; schon überschritt sie in ihren Vorhuten die Schwelle eines Zeitalters anspruchsvoller rationaler, bewusster Bindungen.

Der Mensch deutschen Widerstandes gehört zu dieser Vorhut ähnlich wie der kommunistische Proletarier dazu gehört. Beide sind unbedingte Kämpfer; der eine ist dem politisch Staatlichen so unbedingt verhaftet wie der andere seiner Klasse. Aus ihrer Besitzlosigkeit erwächst ihnen die Unerschrockenheit der unbedingten Haltung; sie haben zu wenig mehr aufs Spiel zu setzen, als dass es ihnen nicht leicht fiele, jederzeit va banque zu spielen. Scheint freilich den kommunistischen Proletarier die Konsequenz seines Standpunktes zur Staatsfeindschaft zu treiben, so ist doch – gerade Russland zeigt es – die zwingende Gewalt der Idee des „totalen Staates“ gebieterisch genug, um schließlich auch diesen Proletarier, im Widerspruch zu seinen staatsfeindlichen Grundsätzen, in ihr Kraftfeld zu ziehen. Es ist keine Frage der Prinzipien, sondern der völkischen Substanz, ob man Kommunist oder Mann deutschen Widerstandes ist. Die deutsche Substanz aber wird zuletzt mächtig genug sein, selbst das kommunistische Prinzip in ein Werkzeug kommender deutscher Größe umzubilden. Auch in Lenin, der nie ein Proletarier war, unterwarf sich die Logik seiner marxistischen Theorie dem politischen Gebot seiner völkisch-russischen Substanz.

8.

Es wäre eine feige und höchst bequeme Flucht, wollten jene nichtproletarischen Menschen plötzlich in der Kommunistischen Partei untertauchen. Dort haben sie keine Aufgabe; dort haben sie sich nur anzupassen. Es wäre ein Selbstbetrug, wenn sie sich schmeichelten, ihrer warte dort ein nationales Erziehungswerk. Niemand will da von ihnen erzogen sein; ihre „Geschenke“ stünden von vornherein im Verdacht, „reaktionäre Eierschalen“ zu sein. Man will nicht ihre „Gaben“, man will, dass sie sich der herrschenden Regel fügen. Sie treten in einen fremden Bereich; verstoßen sie gegen die eingebürgerte Sitte, antwortet ihnen Misstrauen. Sie haben ihr Bestes in sich zu zerbrechen, um als Gleiche gelten zu können und nicht mehr aufzufallen; am Ende werden sie finden, dass sie zur Partei nur kamen, weil sie vom Leben schon zerbrochen waren und alle Hoffnung aufgegeben hatten. Der Zucht der deutschen Forderung werden sie dort entbunden; niemand trägt Verlangen danach. Insgeheim werden auch sie selbst alsbald aufatmen, der Strenge dieser Forderung auf eine anständige Art ledig geworden zu sein.

Der kommunistische Arbeiter ist nichts als sozialrevolutionär; das hat seine guten sachlichen Gründe. Aus den Voraussetzungen seines gesellschaftlichen und geschichtlichen Daseins heraus kann er nicht in erster Linie nationalrevolutionär sein. Dass sein sozialer Radikalismus ein Sprengstoff ist, mittels dessen die Versailler Zwangsordnung zur Explosion gebracht werden kann, das ist ein deutscher Glücksfall. Ahnt gleichwohl der kommunistische Arbeiter nicht den politischen Sinn seiner Leistung, so ist es dennoch genug, dass er sie vollbringt.

Jenen nichtproletarischen Schichten ist Schwereres vorbehalten; ihr sozialer Radikalismus soll die Bewährung ihres nationalrevolutionären Ernstes sein; der nationalrevolutionäre Ernst aber muss der eigentliche Inhalt ihres Seins werden. Ihr sozialer Radikalismus ist nicht ursprünglich, aber er ist notwendig; er muss über allen Zweifel erhaben sein. Das ist Widerstandshaltung. Sie innerhalb der nichtproletarischen Schichten allgemein zu machen: das ist es, was geschehen muss. Das verlangt unvergleichlich mehr Spannkraft, als der erlösende Sprung in die Kommunistische Partei erheischen würde. Wurde der soziale Radikalismus erst wesentliches Element der Gesamthaltung dieser Schichten, dann ist die Vertrauensgrundlage geschaffen, auf der sie formiert dem kommunistischen Arbeiter begegnen werden. Ihre nationalrevolutionäre Leidenschaft, ihre politische Willenshärte werden dabei zu Triebkräften, den sozialrevolutionär eingeleiteten Vorstoß zur staatlich-politischen Aktion von breitestem Horizont auszuweiten.

Deutscher Widerstand ist dort, wo man die Verantwortung dafür trägt, dass dem sozialrevolutionären Einsatz nicht die nationalrevolutionäre Hinterabsicht fehle, dass der Sturz der bürgerlichen Gesellschaft zugleich der Anbruch der Auferstehung Deutschlands sei.

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