Arbeitertum

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Karl Marx und zinstragendes Kapital

Es gibt ja allerhand Gerüchte und Urteile über den „Gründervater des Sozialismus“ und kaum jemand ist heutzutage so ein Opfer einseitiger Deutungswillkür wie er. Ein hartnäckiges Gerücht über den „Mohr“ Marx hält sich zum Beispiel in der nationalsozialistischen Rechten, die nach wie vor engstirnig behauptet, Marx habe sich niemals zum Zins geäußert, weil er seine angeblichen Auftraggeber – jüdische Bankiers – nicht verraten wollte bzw. durfte. Gleichzeitig aber sollte sein 2.500 Seiten starkes Werk „Das Kapital“ herhalten, die Völker zu blenden und zu knechten; nun gut, mit viel Phantasie mag man dies vielleicht in Romanform bringen, mit der Realität hat dies aber gemeinhin nichts zu tun.* Denn selbst eine nur oberflächliche Beschäftigung mit Marx genügt, um herauszufinden, daß es relativ bekannte und verbreitete Zitate Marxens gibt, die sich eindeutig der Zinswirtschaft widmen. Ebenso wird schnell deutlich, daß Marx sich stets gegen eine Verringerung bzw. Verharmlosung des Kapitals auf ein bestimmtes Feld – wie etwa das Finanzkapital eines ist – wehrte, was auch aus folgendem Zitat hervorgeht:

„Jedes einzelne Kapital bildet jedoch nur ein verselbständigtes, sozusagen mit individuellem Leben begabtes Bruchstück des gesell-schaftlichen Gesamtkapitals, wie jeder einzelne Kapitalist nur ein individuelles Element der Kapitalistenklasse ist. Die Bewegung des gesellschaftlichen Kapitals besteht aus der Totalität der Bewegungen seiner verselbständigten Bruchstücke, der Umschläge der indivi­duellen Kapitale.“ K. Marx, Kapital II, MEW 24, 351f.

Man erkennt, daß es gerade Marx nur fern gelegen haben kann, ganze Verwertungsmechanismen des Kapitalismus einfach auszublenden. Weiter teilt Marx in zins- und profitbringendes Kapital ein, was aber nicht heißt, daß es sich dabei um verschiedene Kapitalien handelt, wie es etwa die Nationalsozialisten (raffendes Zinskapital und schaffendes Industriekapital) und andere nicht antikapitalistische Kapitalismuskritiker propagieren. Viel mehr ist es wichtig zu verstehen, daß es sich bei Zins und Profit um zwei Seiten der gleichen Medaille handelt. Marx schreibt:

„Es sind nicht zwei verschiedene Kapitalien, das zinstragende und profitbringende, sondern dasselbe Kapital, das im Prozess als Kapital funktioniert, wirft einen Mehrwert ab, der sich zwischen zwei verschiedenen Kapitalisten verteilt; den, der außerhalb des Prozesses steht und als Eigentümer das Kapital an sich vertritt … und den, der das funktionierende Kapital, das im Prozess befindliche Kapital vertritt.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 464.

Weiter über das Einkommensverhältnis von Profit und Zins:

Geldkapitalisten und Industriekapitalisten (die hier auch Kaufleute einschließen) können nur zwei besondere Klassen bilden, weil der Mehrwert fähig ist, in zwei Zweige von Revenue (= Einkommen) auseinander zu gehen (Profit und Zins). Die zwei Sorten von Kapitalisten drücken nur diese Tatsache aus; …“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 734f.

Es existieren Äußerungen Marxens im Kapital, die denen eines Feders gar nicht so unähnlich sind. So schreibt Marx etwa über das Kreditwesen, daß es sich zunächst, als „Beihilfe zur Akkumulation“, im Produktionsprozess einschleicht, später allerdings – unsichtbare Fäden ziehend – „eine furchtbare Wache im Konkurrenzkampf wird“. Weiter heißt es:

[…]Im Maß wie die kapitalistische Produktion und Akkumulation, im selben Maß entwickeln sich Konkurrenz und Kredit, die beiden mächtigsten Hebel der Zentra­lisation.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 655.

Marx glaubt, obgleich er die Gefährlichkeit des Kreditwesens klar benannte, daß das Zinskapital wie auch das kommerzielle Kapital dem Industriekapital unterworfen sei. Dazu heißt es:

„Ist die kapitalistische Produktion entwickelt in der Breite ihrer Formen, und die herrschende Produktionsweise, so ist das zinstragende Kapital beherrscht durch das industrielle Kapital, und das kommerzielle Kapital ist nur eine aus dem Zirkulationsprozess abgeleitete Gestalt des industriellen Kapitals selbst. Aber als selbständige Formen müssen beide erst gebrochen und dem industriellen Kapital unterworfen werden.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 460.

Heute scheint es tatsächlich umgekehrt zu sein und wir sehen das Industriekapital mehr oder weniger dem Finanzmarkt unterworfen. Wirtschaftskrisen im Zusammenhang mit sogenannten Finanzblasen sind also kein Zufall, sondern spätkapitalistische Praxis, die Marx so nicht vorausahnen konnte. Dies alles hat aber wiederum nicht zu bedeuten, daß zwischen Zins- und Industriekapital keinerlei Zusammenhang besteht und auch heute gibt es keinerlei Zweifel, daß es sich bei beiden Fällen um Beziehungen des „einen“ Kapitals handelt.

Zinstragendes Kapital beschreibt Marx sinngemäß als sich selbst vermehrendes Kapital, welches keinerlei vermittelnde Rolle mehr im Zirkulationsprozess einnimmt, sondern Ding an sich geworden ist, zum absoluten Selbstzweck. Kurz und bündig stellt er fest:

Das Kapital ist jetzt Ding (kein gesellschaftliches Verhältnis zwischen den Kapi­talisten und den Lohnarbeitern), aber als Ding Kapital (und nicht kraft des gesell­schaftlichen Verhältnisses). Sobald es verliehen ist … wächst ihm der Zins an, es mag schlafen oder wachen, sich zu Hause oder auf Reisen befinden, bei Tag und bei Nacht.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 406.

Auf Grundlage dieser Annahme fällt Marx ein eindeutiges Urteil, welches die Behauptung, er hätte sich nie mit dem Zins beschäftigt bzw. diesen nicht angeprangert, eindeutig widerlegt. Das wohl bekannteste Zitat Marxens über den Zins:

„Im zinstragenden Kapital erreicht das Kapitalverhältnis seine äußerlichste und fetischartigste[1] Form. Wir haben hier G – G‘, Geld, das mehr Geld erzeugt … ohne den Prozess, der die beiden Extreme vermittelt.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 404.

[1] Anmerkung zum Marxschen Kapitalfetisch: Marx spricht von Fetisch, weil der Mensch – d.h. alle Klassen – im kapitalistischen Produktionsprozess das Kapital als eine außermenschliche Macht betrachtet, obwohl er diese quasi selbst herbeigeführt hat. Diesen Fetisch erkennen wir heutzutage umso mehr und er scheint nicht etwa, wie man es bei zunehmendem ökomomischen Verfall annehmen könnte, abzunehmen, sondern von Jahr zu Jahr extremer zu werden. Etwas, was Marx kaum wissen konnte – und doch lag er letztlich richtig.

Nach Marx ist das zinstragende Kapital in keinem Verhältnis mehr stehend, wie etwa beim Kaufmannskapital, sondern es fungiert ausschließlich als Ding – der Kapitalismus hat in seiner Reinform an dieser Stelle seinen Höhepunkt, seine konsequenteste Durchführung von Kapitalverwertung erreicht. Falsch verstandene Antikapitalismen glauben aufgrund dessen, im Finanzkapital das Kernproblem entdeckt zu haben, bloß weil es sich hierbei um die extremste Form handelt. Marx hat damals allerdings bereits festgestellt – und seine These hält einer modernen Prüfung stand -, daß Zinskapital ohne Kaufmanns- und Industriekapital nicht sein kann. Es handelt sich um Unterkapitalismen, die im Gesamten als kapitalistische Produktionsweise aufgehen. Weitere Anmerkungen Marxens zum zinstragenden Kapital:

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgear­beitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld schaffendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis eines Dings, des Gel­des, zu sich selbst. Statt der wirklichen Verwandlung von Geld in Kapital zeigt sich hier nur ihre inhaltslose Form. Wie bei der Arbeitskraft wird der Gebrauchswert des Geldes hier der, Wert zu schaffen, größeren Wert, als der in ihm selbst enthalten ist. … Es wird ganz so Ei­genschaft des Geldes, Wert zu schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birn­baums, Birnen zu tragen.“ K. Marx, Kapital III, MEW 25, 405.

Wir sprachen bereits an, daß es sich bei der Bekämpfung des Finanzkapitals sowohl theoretisch als auch praktisch um einen Irrweg handelt. Ausgehend von der Grundthese, daß der Kapitalismus erst durch die Gesamtheit aller Unterkapitalismen überhaupt erst Kapitalismus – so wie wir ihn standardmäßig verstehen – sein kann, stellt auch Marx fest, daß eine Bevorzugung der einen oder anderen Sache das Wesen des Kapitalismus überhaupt nicht berührt. Folglich würde auch eine Abschaffung des Zins keine langfristigen Veränderungen mit sich führen, weil der kapitalistische Verwertungsdrang allein durch die Abschaffung einer für sich stehenden kapitalistischen Facette wohl kaum aufgehoben werden kann. Marx dazu:

„Hörte diese Form des Leihens auf, statt des Kaufens und Verkaufens, so meint der französische Sozialist Proudhon, der Mehrwert fiele weg. Nur die Teilung dieses Mehrwerts zwischen zwei Sorten von Kapitalisten fiele weg. Aber diese Teilung kann und muss sich stets von neuem erzeugen, sobald Ware oder Geld sich in Kapital verwandeln kann, und das kann es stets auf Basis der Lohnarbeit. … Aber die Lohnarbeit und damit die Basis des Kapitals wollen, wie Proudhon, und zugleich die ‚Übelstände’ aufheben durch Negation einer abgeleiteten Form des Kapitals, ist schülerhaft.“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 513f.

Dies Zitat kann als Abschluss dienen, denn es beschreibt trefflich unsere Grundauffassung von richtig verstandenem Antikapitalismus. Der Kapitalismus hat keine zu befürwortenden „Milleus“ oder „Facetten“, er selbst und er für sich allein ist das bekämpfende Problem – und es wird Zeit, daß das auch jene Kapitalismuskritiker begreifen, die glauben, durch Bankenverstaatlichung den Schlüssel zum sozialen Frieden gefunden zu haben.

Siehe auch:

Heuschrecken-Alarm – Entwicklung und Umtriebe der Hedgefonds

*An dieser Stelle sei angemerkt, daß die Beurteilung Marxens innerhalb des NS-Lagers auseinandergehen kann. Arbeitertum behält es sich jedoch vor, eine gewisse Tendenz erkennen zu können.- arbeitertum

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12 Antworten zu “Karl Marx und zinstragendes Kapital

  1. Mut_zum_Abgrund Mai 5, 2010 um 1:36 pm

    Wir sollten endlich aufhören, K.M. in den Himmel zu loben oder in die Hölle zu verdammen, sondern ihn als das anerkennen, was er war, kein Philosoph, kein Prophet, sondern ein guter Ökonom unter Vielen, von dem man lernen kann.

    Die große Frage unserer Zukunft wird nicht sein: Sozialismus oder Kapitalismus, sondern Überleben des Volkes oder Untergang, und daran muss sich jede Politik ausrichten.

  2. dieser-logik-dampf-machen Mai 5, 2010 um 1:45 pm

    Marx bietet – wie mein Vorredner bereits sagte – gute Anlaufpunkte, die immerhin verhindern w ü r d e n, daß man heutzutage das Rad am laufenden Band neu erfindet.

    Die Linke tut jedoch so, als sei Marx der gottgleiche Gesandte, der der Menschheit die Erleuchtung gebracht hätte und die Rechte – oftmals weit vulgärer – lügt, daß sich die Balken biegen, aus Gründen, die sie wohlmöglich nicht einmal selbst wissen.

    Der Marxismus hat mit unserem deutschen Denken nichts zu tun, sehr wohl aber der Sozialismus. Lernen wir daraus.

  3. Bakterius Mai 5, 2010 um 2:40 pm

    Jeeenau. Die Kapitalismuskritik ist zu gebrauchen, den Histomat ebenso wie jeglichen Götzendienst kann man getrost in die Tonne treten. Selbiger Ansicht ist man übrigens auch teilweise im syndikalistischen und anarchistischen Lager, siehe Erich Mühsam oder Rudolf Rocker.

  4. Michael Mai 8, 2010 um 7:00 am

    Ein gut verfasster Artikel, jedoch kann ich die Meinung des Verfassers (oder besser Marxens?) nicht ganz teilen. Zunächst einmal ist es wichtig zu erkennen, dass es nicht „den“ Zins an sich gibt. Er ist mindestens in vier Teile zu unterscheiden, wobei er (natürlich jetzt stark vereinfacht dargestellt) sowohl durch eine „unnatürliche“ Geldordnung, also in der Zirkulationssphäre, als auch in der Produktionssphäre entsteht/entstehen kann. Blendet man nun eine Quelle der Zinsentstehung aus, so ist man eben (wie Schwab es den „Zinssektierern“ ungerechtfertigt vorwirft, da er selbst „Produktionsmittelsektierer“ ist und das nichtmal gut!) einseitig und verkürzt die Kapitalismuskritik.
    Weiterhin ist es nicht ganz richtig, dass Marx nicht zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital zu unterscheiden wusste, wobei er es m.E. nicht klar genug gesehen hat. Ich will hier aber nicht diskutieren, sondern nur kommentieren…
    Also, alles in allem ein interessanter Artikel, wobei der Fakt, dass Marx sich mit dem Zins auseinandergesetzt hat, bei uns (der „nationalsozialistischen Rechten“) sehr wohl bekannt und somit nicht neu ist. Ich bitte da vielleicht ein wenig mehr zu differenzieren.

    Gruß,

    Michael

  5. Lex Luger Mai 9, 2010 um 7:05 pm

    Differenzierung wurde vorgenommen.

  6. Nowak Frank Juli 21, 2010 um 4:58 am

    Sehr geehrter Autor Lex Luger ich habe schon seit einiger Zeit solche Beiträge die sich mit dem Thema Deutscher Sozialismus und natürlich auch Kapital und Zinswirtschaft befassen gesucht.Mir haben diese Beiträge sehr zu gesagt,ich konnte einiges lernen,herzlichen Dank und bringen oder veröffentlichen Sie noch mehr Beiträge.Ich werde nun ein regelmäßiger Leser und lehrender Student.Ich bin gespannt auf weitere Vorträge und Ausführungen.Alles Gute und Weiter so.Grüsse von Frank der Freie Germane.

    • Lex Luger Juli 21, 2010 um 3:35 pm

      Vielen Dank für die positive Rückmeldung, werden wie gewohnt weiter Texte veröffentlichen, bis der Blog aus allen Nähten platzt. 🙂
      Wenn du dich noch näher mit nationalrevolutionären und sozialistischen Ansätzen beschäftigen willst, schau doch mal hier vorbei.

      Bis dahin alles Gute,
      ich hoffe man sieht sich,

      Lex.

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