Arbeitertum

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Heuschrecken-Alarm – Entwicklung und Umtriebe der Hedgefonds

Von Armin Ludlow.

Durch die seit dem Jahr 2007 schwelende und immer wieder auflodernde Finanzkrise rücken auch die Aktivitäten der so genannten Hedgefonds, also hochspekulativ arbeitender Anlegergruppen, wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Wie hier gezeigt werden soll, gehören die Hedgefonds zu den übelsten Auswüchsen des Finanzkapitalismus. Wenn angesichts der 2005 eröffneten „Heuschreckendebatte“ gewisse Kreise die Antisemitismuskeule schwingen oder freigiebig mit dem Vorwurf der verkürzten Kapitalismuskritik arbeiten, wäre etwas mehr Differenzierung dringend angeraten. Wer Hedgefonds und andere „Personifizierungen“ des marodierenden Globalisierungskapitalismus kritisiert, leistet durchaus auch einen Beitrag zur Kapitalismuskritik an sich und ist keinesfalls automatisch ein struktureller Antisemit. Den von Entlassungen und Sozialkahlschlag Betroffenen dürfte wohl eher die Kritik anhand des praktischen Beispiels interessieren als akademisches Polit-Geschwurbel.

Losgetreten wurde die Debatte seinerzeit durch den damaligen und mittlerweile wieder aktuellen SPD-Bundesvorsitzenden Franz Müntefering. Die sozialdemokratische Wiederentdeckung der Kapitalismuskritik nach den neoliberalen Jahren der Ära Schröder ist jedoch kaum ernst zu nehmen. Besagter Franz Müntefering trug nämlich in seiner Funktion als Bundesverkehrsminister 1998 die Verantwortung für den Verkauf der Autobahnraststättenkette Tank & Rast an die „Heuschrecke“ Apax und verscherbelte 64.000 Eisenbahnerwohnungen an ein japanisches Konsortium. Die Regierung, in welcher Franz Müntefering Minister war, verkaufte zudem im Jahre 2000 die Bundesdruckerei – ebenfalls an Apax. Von zweifelhaftem Standortpatriotismus zeugte 2002 der Verkauf der staatlichen Authentos Holding an deutsche Finanzinvestoren. Die „Kapitalismuskritik“ der SPD ist also eher der Sorge um die politische Performance der Partei geschuldet.

Politische und wirtschaftliche Entgrenzung

Der Kapitalismus schafft seit den 90er Jahren (Jugoslawien-Krieg!) den im Westfälischen Frieden von 1648 und auch in der UN-Charta kodifizierten Völkerrechtsstandard der Souveränität und Unantastbarkeit der Staaten ab. Aufhänger sind z.B. die Menschenrechte oder als Sicherheitsrisiko definierte Failed States, denen man gewaltsam Stabilität und Regierung bringt. Failed States und Menschenrechtsverletzungen sind dabei nur zu oft das Produkt von Kapitalismus und imperialistischer Politik selbst. Eroberung, Besetzung und Aufteilung von Ländern erinnern an die Vorgehensweise des klassischen Imperialismus. Heute greift der Neoimperialismus jedoch auch die damaligen Räuberstaaten an, also die so genannten entwickelten Nationen. Diese geben ihre nationale Souveränität mitunter sogar freiwillig ab, siehe die EU. Der Kapitalismus verliert also seine nationalstaatliche Form. Marktwirtschaft und Kapitalismus beweisen damit, dass sie eben nicht zwingend mit dem Nationalstaat zusammenhängen und seiner nicht zwingend bedürfen. Die Aufhebung der Nationen wird durch eine systematische Verunglimpfung des Nationalismus und des Gedankens der Volkssouveränität flankiert, hierbei besteht eine Einheitsfront von der antideutschen Linken bis hin zu transnationalen Konzernen. Der vulgärmarxistische Antinationalismus und Hedonismus der postmodernen Wohlstandslinken leistet der Entgrenzung nur Vorschub, indem er gewachsene Gemeinschaften, die Basis der Nationalstaaten, negiert.

Wirtschaftlich läuft der Prozess schon seit den 1970er Jahren. Es handelt sich nicht um eine Wiederkehr des ordinären ungehemmten Kapitalismus, sondern die Ereignisse haben eine neue Dimension. Diese ist gekennzeichnet durch einen Gestaltwandel der transnationalen Konzerne. Fungierten diese früher als verlängerter Arm der Industrienationen, haben sie sich heute von diesen emanzipiert. Selbst die Industriestaaten und entwickelten Dienstleistungsökonomien des Westens können multinationale Konzerne und multinationale Finanzmärkte nicht mehr kontrollieren. Die nationalen Kapazitäten der Selbstversorgung werden systematisch ausgehöhlt, die ökonomischen Kreisläufe sind von ausländischem Fremdkapital abhängig. Robert Kurz spricht hier von einem „Auto-Kannibalismus“ des Kapitalismus.
Rudolf Hilferding warnte schon in den 1920er Jahren vor dem Finanzkapital. Dieses bestand aus einer Personalunion von Industrie- und Bankkapital. Besagte Personalunion wird nun ersetzt durch die „Personalunion von nicht mehr industriell engagiertem Bankkapital und Investmentfonds zu einem Finanzkapital anderer Ordnung und Qualität“ (Robert Kurz). Schon Max Weber schrieb prophetisch, im Grunde genommen würden den Kapitalisten Industriebetriebe nur beim Geldverdienen stören. Mit dem Ende der Bindung des US-Dollars an den Goldstandard erfolgte die „Entstofflichung des Geldkapitals“, es ist nicht mehr an die Warenproduktion gebunden und zersetzt das Marxsche Wertgesetz, zerstört also die Mehrwertproduktion. Seitdem erleben wir eine Explosion der umlaufenden Geldmenge. Seit 2005 erfassen die USA das Geldmengenwachstum nicht einmal mehr statistisch. Das Ergebnis sind riesige Spekulationsblasen an den Börsen, die periodisch zu Krisen führen (Ostasienkrise, New-Economy-Crash, aktuell die Finanzmarktkrise).

Die Heuschrecken: Hedgefonds und Private-Equity-Firmen

Die gefährlichste Form des neuen Kapitalismus sind die Hedgefonds und Private-Equity-Firmen (PEF). PEF sammeln ihr Kapital bei so genannten institutionellen Anlegern wie Renten- und Pensionsfonds, Versicherungen, Industrieunternehmen und privaten Großinvestoren. Ein Beispiel für eine deutsche PEF ist Allianz Capital Partners. Der weltweite Anteil dieser Firmen an Unternehmenskäufen stieg alleine zwischen 2000 und 2004 von 3 auf 14 Prozent. Über die eher mit traditionellen Methoden arbeitenden PEF hinausgehend sind die Hedgefonds mit ihren hochspekulativen Anlagestrategien. Weltweit existierten Anfang 2008 bei extrem hoher Fluktuation 10.000 von ihnen; viele sind in Steueroasen wie den Bermudas oder den Cayman-Inseln registriert. Diese Unternehmen kontrollieren mit ihrem Anlagevermögen von zeitweilig 2,68 Billionen US-Dollar eine gigantische Wirtschaftsmacht. Noch deutlicher wird diese Macht, wenn man berücksichtigt, dass die größten 100 branchengrößten „Heuschrecken“ über 65 % des angelegten Vermögens aufbringen. Alleine zwischen 2001 und 2007 verdoppelte sich das bei ihnen konzentrierte Anlagevermögen, alleine im Jahr 2005 machten die Hedgefonds 260 Milliarden Dollar Gewinn.
Die meisten dieser Unternehmen kommen aus dem anglo-amerikanischen Raum. Hedgefonds und PEF kaufen mit geliehenem Kapital bereits etablierte Betriebe auf. Die Investitionsobjekte sind häufig marode oder werden durch Kursmanipulationen angegriffen, es kann aber auch zu Angriffen auf gesunde Unternehmen („feindliche Übernahme“) kommen. Etwaige Leihsummen werden als Defizitposten in die Bilanzen der Beutefirma eingestellt. Dann weidet man das Unternehmen aus: Personalabbau, Sozialdumping, rabiate Kürzung der Firmenausgaben bis hin zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Die Profite werden so weit erhöht, dass die beim Kauf gemachten Schulden zurückgezahlt und satte Dividenden ausgeschüttet werden können. Danach wird der vielfach ruinierte Betrieb verkauft oder zerschlagen, mit den sozialen Folgen kann sich der jeweilige Staat herumschlagen. PEF und Hegdefonds handeln demnach nach einer anderen ökonomischen Logik als das klassische Unternehmertum, das an Langzeitstrategien orientiert ist und eben auch am Wohlergehen des eigenen Unternehmens (wenn auch nur in Grenzen am Wohlergehen des Arbeitnehmers). Hedgefonds drängen auf Mindestrenditen von 15 bis 25 Prozent (üblich sind eher Ausschüttungen um die 40 Prozent), das langfristige Wohlergehen des Investitionsobjektes interessiert die Fonds und ihre gesichtslosen Anleger nicht. In den USA beherrschen PEF mittlerweile die Börse und das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen Raider-Fonds, die sich wirklich auf Sanierung maroder Firmen spezialisiert haben, und den eigentlichen Heuschrecken.

Traditionelle Anlagefonds müssen sich an die Vorschriften für Anlagetechniken und Anlageinstrumente halten. Hierbei handelt es sich um eine Schutzmaßnahme vor einem Totalverlust der Einlagen, gemünzt nicht zuletzt auf Versicherungs- und Pensionsfonds. Hegdefonds hingegen sind hiervon nicht betroffen. Sie können sowohl auf steigende wie auf fallende Aktienkurse spekulieren (Leerverkäufe, Derivate), können also von jeder Marktbewegung profitieren und gehen enorme Risiken ein. Bei einem Leerverkauf „leiht“ der Spekulant sich kurzfristig Aktien, verkauft sie in der Hoffnung auf fallende Kurse und kauft sie dann wieder zwecks Rückgabe zurück. Ein solches Geschäft kann verheerende Folgen haben: So verspekulierten die Heuschrecken sich im Oktober 2008 mit Aktien des Volkswagen-Konzerns. Infolge unerwarteter Aktienrückkäufe durch Porsche fielen die Kurse nicht etwa, sondern explodierten buchstäblich. Innerhalb weniger Stunden wurde so ein wirtschaftlicher Schaden von bis zu 30 Milliarden Euro angerichtet.

Im Gegensatz zu ihren traditionellen Vorläufern können Hedgefonds sich zusätzlich zu den Einlagen ihrer Investoren noch Geld leihen (offener Investmentfonds) und somit mit weitaus größeren Summen spekulieren. Die Hedgefonds haben sich dabei spezialisiert: Manche arbeiten als Raider, andere wiederum spekulieren mit Leerverkäufen auf fallende Kurse bei überbewerteten Unternehmen, wetten auf makroökonomische Trends oder spekulieren gegen Wechselkurse. Manche Hedgefonds kaufen Aktien auf Pump und spekulieren darauf, dass die Rendite höher ist als die Kreditkosten. Raider kauften gerade in den 80er Jahren auch Junk Bonds auf, also Hochzinsanleihen mit infolge schlechter Einstufung des ursprünglichen Emittenten durch die Rating-Agenturen niedriger Bonität. Der Käufer versucht mit allen Mitteln, aus diesen zum Schleuderpreis aufgekauften „Schrottanleihen“, Gewinne herauszuschlagen. Im Zusammenhang mit der Schuldenkrise in der „Dritten Welt“ wurden auch deren Staaten zu Angriffszielen. Es etablierten sich regelrechte „Geier-Fonds“ (siehe unten), die sich auf das Geschäft mit dem Massenelend spezialisierten.
Das hohe Risiko geht einher mit sehr hohen Gebühren von bis zu 44 Prozent der Gewinne. Verspekuliert eine Heuschrecke sich, droht ihr infolge ihrer geringen Eigenkapitaldecke oftmals das Aus. Von den 1996 bestehenden Hedgefonds existierten Mitte der 2000er Jahre nur noch 25 Prozent. Ein Extrembeispiel sind Long Term Capital Management, die eine Fremdkapitaldeckung von fast 99 Prozent hatten und 1998 das globale Finanzsystem an den Rand des totalen Zusammenbruchs brachten. Der finanzielle Super-GAU wurde damals durch eine Intervention verhindert, in welche auch die Deutsche Bank involviert war (und sich Teile von LTCM unter den Nagel riss).

Der Kahlfraß beginnt

Zunächst sorgte der entstehende Turbokapitalismus mit für die flächendeckende Deindustrialisierung der USA, auf deren Industrie heute nur noch 10 Prozent aller Arbeitnehmer entfallen. In der eigentlichen Produktion arbeiten in der angeblich führenden Wirtschaftsnation der Erde Schätzungen zufolge sogar nur noch 5 Prozent der Arbeitnehmer. Diese Deindustrialisierung allerdings á la Jürgen Elsässer mehr oder weniger vollständig den Hedgefonds und PEF anzulasten, entbehrt jeglicher Grundlage und lässt auf einen mangelnden Kenntnisstand schließen. An besagtem Prozess wirkten und wirken natürlich auch die Tertiarisierung (Expansion des Dienstleistungssektors), Rationalisierung und Produktionsverlagerung mit.
Zwischen 1976 und 1991 wurden in den USA 30 Prozent aller Industrieunternehmen ge- oder verkauft, oftmals unter Beteiligung von Raidern. 85 Prozent aller amerikanischen Unternehmensaktien befinden sich in der Hand von institutionellen Anlegern, also Hedgefonds, Investmentbanken usw. Es erfolgte eine faktische Enteignung der Privateigentümer, die Fonds nahmen die Position der klassischen Großaktionäre ein. Ein prominentes Opfer skrupelloser Anleger ist General Motors, das dem kalifornischen Pensionsfonds Calpers in die Hände fiel. Calpers verordnete radikale Ausgabenkürzungen (nicht zuletzt bei Forschung und Entwicklung) und stattdessen ein künstliches Hochtreiben des Aktienkurses durch Rückkauf von GM-Aktien. Resultat war der Verlust der Marktposition, heute ist das Unternehmen nur noch ein Schatten seiner selbst. Hedgefonds zwingen ihre Opfer oftmals, besagte Aktienrückkäufe durch Kreditaufnahme zu tätigen. Zwischen 1997 und 2008 kauften alleine die 500 größten börsennotierten US-Firmen Aktien im Gesamtwert von 2,4 Billionen Dollar zurück. Im Jahr 2007 wandten sie dafür 90 Prozent ihrer gesamten Gewinne auf. Die zurückgekauften Aktien werden eingezogen, wodurch der Wert der verbliebenen Aktien steigt. Zur Verdeutlichung: Die für die USA genannte Summe entspricht ziemlich genau einem Viertel der gesamten Marktkapitalisierung der betreffenden Firmen. Die unausweichliche Folge ist die Schrumpfung der Kapitaldecke bei gleichzeitiger hoher Verschuldung, fragile Firmen kollabieren also schnell.

Ein gemeldetes BIP-Wachstum widerspricht all dem nicht, denn die Berechnung erfolgt mit Tricks: Die USA z.B. berechnen ihr BIP weitestgehend aus dem Dienstleistungs- und Finanzsektor, wo nichts produziert wird. In den Vereinigten Staaten werden auch Ausgaben z.B. für Software nicht als Ausgaben, sondern als Investitionen (= BIP-Wachstum +1 Prozentpunkt) verbucht. Ein Beleg für die Deindustrialisierung ist auch die marginale Weltmarktposition der US-Industrie; das Außenhandelsdefizit dürfte bald die Schallmauer von 1 Billion Dollar erreicht haben. Dieses Defizit kann nur durch den Zustrom von Auslandskapital aufgefangen werden. Bereits 2001 waren die USA mit 35 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet – die DDR galt schon mit 16 Prozent als bankrott. Die Finanzmarktkrise und die Rettungsanstrengungen für die marode Finanzbranche und der Krieg gegen Terror haben diese Verschuldung noch weiter nach oben katapultiert. Die USA verschlingen so beinahe ein Viertel des weltweit erwirtschafteten Mehrwertes. Abgesichert wird dieses fragile wirtschaftliche Gebilde durch die politisch-militärische Dominanzpolitik Washingtons.

Auch Deutschland im Visier

Die Welle schwappte natürlich nach Europa und in die BRD über, wenn auch erst langsam. Aber im Jahr 2002 strich die Schröder-Regierung die Steuer für den Verkauf von Unternehmensanteilen. Bis Herbst 2004 hatten sich als Folge dessen die deutschen Banken größtenteils aus ihren Industriebeteiligungen zurückgezogen und spekulieren stattdessen seitdem hemmungs- und skrupellos auf den globalen Finanzmärkten mit – die Folgen zeigen sich seit einigen Monaten offen und machten ein massives Eingreifen der Bundesregierung erforderlich. So wurde unter Josef Ackermann bei der Deutschen Bank das Investmentbanking zum neuen Unternehmensschwerpunkt. Ackermann zahlt märchenhafte Renditen und hat gleichzeitig Abertausende von Arbeitnehmern entlassen. Infolge der Nichtbesteuerung des Anteilsverkaufes stieg das in Deutschland investierte Private-Equity-Kapital zwischen 2002 und 2007 von 6,9 auf 29 Milliarden Euro an. Anfang 2006 gehörten 20 der größten DAX-Konzerne bereits zu 40 Prozent ausländischen Anlegern.

Erleichtert wird das Einsickern von Kapitalbeteiligungsgesellschaften durch die starke Unterbewertung von nicht nur europäischen Industriewerten an den Börsen. Eine beliebte Methode ist es, sich hinter so genannten Custodians zu verbergen. Das sind Depotbanken oder Treuhänder, bei denen das Aktiendepot deponiert ist. Ein weiterer Weg ist es, die Aktien im freien Meldebestand zu halten. Hierbei handelt es sich um ein Sammelreservoir, das eigentlich nur für kurzfristig zwecks Weiterverkaufs erworbene Aktien gedacht ist. Selbst geringe Beteiligungen reichen als Druckmittel aus. Bei Kritik an der mangelnden Rentabilität oder am Kurs des Unternehmens tritt man auf den Plan und setzt das Management unter Druck oder inszeniert durch massive Zukäufe und in Deutschland verbotene Aktionärsabsprachen schlichtweg einen Putsch (Deutsche Telekom 2006, Deutsche Börse 2005). Bei der Deutschen Börse führte das 2005 zur Ausschüttung eines Großteils der für Expansion und Übernahmen gedachten Kriegskasse an die Aktionäre. Für weitere Schlagzeilen sorgte seinerzeit die buchstäbliche Ausweidung des deutschen Sanitärunternehmens Grohe durch amerikanische Investoren im Jahre 2004. Die Heuschrecken ließen sich ihre Investitionen durch Sonderausschüttungen zurückzahlen, was Grohe an den Rand des Zusammenbruchs brachte.

Wichtig sind hierbei auch unterschiedliche Vorstellungen von Corporate Governance: Das deutsche Gesellschaftsrecht mit seiner starken Stellung von Aufsichtsrat und Vorstand interessiert die Anleger nicht, stattdessen orientieren sie sich an der angelsächsischen Version mit Dominanz der Aktionäre. Zum Teil wird offen widerrechtlich und mit allen Mitteln inklusive Schmutzkampagnen in der Presse (gute Kontakte anglo-amerikanischer Hedgefonds zu Blättern wie FTD, FAZ, Focus oder zu Nachrichtenagenturen wie Reuters sind im Falle der Deutschen Börse AG belegt) Einfluss auf Management-Entscheidungen genommen.

Geier-Fonds

Wir erwähnten bereits die auf Junk-Bonds spezialisierten Geier-Fonds. Diese PEF sind darauf spezialisiert, Wertpapiere von wirtschaftlich angeschlagenen Firmen oder Staaten aufzukaufen. Der Geier-Fonds investiert nicht zwecks operativen Geschäftes, sondern nur noch, um aus den Überresten, aus der Liquidierung und Zerschlagung des Zielobjekts Kapital zu schlagen. Ebenso kann man im Falle einer eventuellen Umschuldung eines maroden Entwicklungslandes einen guten Schnitt machen oder die betroffenen Länder vor westlichen und zumeist parteiischen Gerichten verklagen. Klagewert ist nicht etwa der Kaufwert, sondern es geht um die volle Schuldenrückzahlung samt Zinsen. Dass ein Gutteil der Verschuldung auf das Konto korrupter Regimes geht oder den Drittweltstaaten unter an arglistige Täuschung grenzenden Geschäftspraktiken geradezu aufgeschwatzt wurde, interessiert niemanden.

Paradebeispiel ist die argentinische Schuldenkrise von 2001: Das Land war faktisch bankrott, also stiegen Geier-Fonds in die Schrottanleihen ein; alleine die Dart Container Corporation konnte so einen Gewinn von 700 Millionen US-Dollar einstreichen. Donegal International kaufte im Jahr 2007 zum Schleuderpreis Forderungen der rumänischen Regierung gegenüber Sambia auf. Das anschließende Klageverfahren erbrachte für Donegal International einen Gewinn von 370 Prozent. Ende 2007 waren Prozesse der Geier-Fonds gegen Drittweltstaaten im Gesamtvolumen von 1,6 Milliarden Dollar anhängig. Teilweise nehmen die Forderungen der Geier ein solches Ausmaß an, dass sie die Schuldenreduzierung und den wirtschaftlichen Aufbau empfindlich stören. So musste Nicaragua zwecks Begleichung von Geier-Forderungen einen Kredit der Weltbank aufnehmen. Streitgegenstand waren Forderungen aus der Zeit der korrupten Somoza-Diktatur. Kensington International erstritt sich im Rahmen eines Verfahrens gegen die Republik Kongo sogar Zugriff auf belgische Entwicklungshilfegelder und provozierte damit eine Intervention des Brüsseler Parlaments.

Nun ist es jedoch mitnichten so, als würde ein bösartiges Geschwür von jenseits des großen Teiches über den arglosen rheinischen Kapitalismus der BRD herfallen. Gerade im Bereich der Geier-Fonds besteht eine lukrative Zusammenarbeit zwischen anglo-amerikanischen Akteuren wie Lone Star und Cerberus und auf marode Drittweltökonomien spezialisierten Investmentbanken. Der deutsche Hauptakteur ist hierbei wieder einmal Josef Ackermanns Deutsche Bank, die sich unlängst in den USA für 10 Milliarden Euro mit entwerteten Hypotheken eindeckte und nun darauf hofft, diese nach dem Greifen der staatlichen Rettungsmaßnahmen zum zwei- bis dreifachen Preis wieder verkaufen zu können. Wie die Finanzmarktkrise zeigt, sind wie weltweiten Auswirkungen „normalen“ Investmentbankings nicht minder verhängnisvoll. Und hier beteiligen sich an gewichtiger Position auch deutsche Unternehmen (http://www.bvi.de/de/bvi/mitglieder/mitglieder.html). Weniger offensichtlich ist das Schweizer Modell, wo die Geier in harmlos aussehenden Sammelfonds untertauchen, an denen sich z.B. Credit Suisse beteiligt. Ebenso erfreuen die Geier-Fonds sich engster Zusammenarbeit mit den Finanzministerien der Schuldnerländer aus West- und ehemaligen Ostblock. Durch fortlaufende Routineanfragen lässt sich zeitnah ermitteln, wann welche Regierung daran interessiert ist, Titel aus einer Schrottanleihe loszuwerden.

Heuschrecken und Finanzkrise

Seit Sommer 2008 gerät die Branche der Kapitalbeteiligungsgesellschaften im Rahmen der Finanzmarktkrise gehörig unter Druck. Alleine zwischen Juni und September machten Hedgefonds 179 Milliarden Dollar Verlust. Der Zusammenbruch großer Investmentbanken bewirkte eine Kreditverknappung, die sich natürlich verheerend auf die Arbeitsfähigkeit der Fonds auswirkte. Geld musste her, also stieß man Börsen-, Rohstoff- und Devisenwerte ab. Diese Verkäufe wiederum heizten den allgemeinen Abwärtstrend der Aktienmärkte weiter an. Zahlreiche Anleger zogen sich zurück, alleine in den USA flossen im dritten Quartal 2008 31 Milliarden Dollar aus den Hedgefonds ab. Verkäufe und Anlegerabwanderung setzten einen Teufelskreis in Gang, der sich an sämtlichen Leitbörsen bemerkbar machte. Nicht nur bei Volkswagen verspekulierte die Branche sich gehörig, sondern auch auf den Rohstoffmärkten: Im Allgemeinen wurde auf steigende Rohstoffpreise bei fallendem US-Dollar spekuliert. Ein glatter Fehlschluss, denn die Devisen- und Rohstoffmärkte entwickelten sich infolge der Finanzmarktkrise genau umgekehrt. Angeheizt wurde der Abwärtstrend durch den Zusammenbruch von Lehman Brothers. Die Investmentbank war eine wichtige Geldquelle der Risiko-Anleger und riss mehrere von ihnen mit in den Abgrund. Zudem ist damit zu rechnen, dass die Regierungen ihre Aufsicht über Spekulationsgeschäfte verstärken. Ein Gleiches gilt für die Großbanken, die von ihren Kreditnehmern weitaus höhere Sicherheiten einfordern werden. Es gibt Schätzungen, nach denen zwischen 25 und 50 Prozent aller Hedgefonds die Finanzmarktkrise nicht überstehen dürften.
An dem geschilderten kapitalistischen Internationalismus, auch als Globalisierung bekannt, ist nicht nur die „böse Ostküste“ beteiligt. Ebenso haben deutsche Unternehmen und allen voran die Deutsche Bank ihre Finger im Spiel. Ermöglicht wurden all diese Auswüchse durch die politische und wirtschaftliche Entgrenzung und Deregulierung. Der Nationalstaat oder der „Souveränismus“ (Staatsnation wie in Frankreich) sind nach wie vor die Alternative zur kapitalistischen Globalisierung. Eingriffe einer bürgerlichen Regierung werden bestenfalls die Symptome heilen, aber niemals die Ursache der globalen Krankheit Kapitalismus. Abhilfe schafft die Überwindung des bürgerlich-kapitalistischen Systems und seine Ersetzung durch eine sozialistische Neuordnung der Produktionsverhältnisse.

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