Arbeitertum

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Die „NS-Linke“ von 1925 bis 1930 – Versuch einer Organisationsgeschichte II

Teil 2: München geht auf Rechtskurs

Von Roland Lorent.

Parlamentarisierung der Bewegung

Die sich seit Anfang 1927 zeigende Neigung der Reichsleitung und Gregor Straßers zu einem Zusammengehen mit der bürgerlichen Rechten (Deutschnationale, Stahlhelm) rief erheblichen Widerspruch hervor. Goebbels plädierte bereits zu Jahresbeginn für eine kämpferisch-militante Orientierung der Bewegung und attackierte – sehr zum Missfallen Hitlers – die Parlamentarisierung der NSDAP, der die Korrumpierung durch Ministersessel drohe. Das Parlament sei nur eine taktische Waffe, aber mehr auch nicht. Kaufmann, der schlesische Gauleiter Brückner und Otto Straßer sekundierten eifrig. Die SA in München und Nürnberg reagierte auf ihre Weise mit massiven Revolten gegen den legalistischen Kurs der Parteiführung. Hitler war um Ausgleich bemüht und köderte Goebbels unter Hinweis auf den Vorteil der Immunität mit der Aussicht auf ein Reichstagsmandat. Gregor Straßer ruderte im Frühjahr 1928 zurück und erklärte Wahlen zum Gradmesser der Verankerung des Nationalsozialismus im deutschen Volk, was von Goebbels mit der Betonung des revolutionären Kurses und der Nutzung der Parlamente als Agitationsplattform beantwortet wurde: „Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.“ Im Wahlaufruf der NSDAP für die Reichstagswahlen 1928 dominierten dann klar bürgerlich-nationale Positionen – die Reichsleitung überging den Unmut der Parteilinken.

Ihre Angriffe auf die bürgerliche Reaktion und ihre sozialrevolutionär-antikapitalistische Propaganda stellten Goebbels und Otto Straßer ebenfalls nicht ein. Die Forderungen konnten so weit reichen, dass die Verstaatlichung der Aktiengesellschaften und Trusts um die 70-80 Prozent der deutschen Industrieproduktion betreffen werde. Im Gegensatz zur Kampfverlag-Gruppe schritt der Berliner Gauleiter jedoch zur konkreten Tat: Im Sommer 1927 begann der Aufbau der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO). Gegen den Widerstand des teilweise offen gewerkschaftsfeindlich agitierenden „Völkischen Beobachters“ solidarisierte sich der „Angriff“ mit den Arbeitskämpfen des Jahres 1928, und Goebbels propagierte den Generalstreik gegen Dawes, also den politisch motivierten Massenstreik.

Die Reichstagswahlen von 1928

Die Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 zeigten, wo die NSDAP punkten konnte: Bei der Bauernschaft und dem Mittelstand in protestantischen Landgebieten. Trotz des bescheidenen Wahlergebnisses von 2,6 % und 12 Mandaten hatte die Partei sich gegenüber den Völkischen durchgesetzt. Generell verlagerte die NSDAP ihren Schwerpunkt nun stärker auf bürgerliche Wählergruppen, aber ein Auswechseln der Zielgruppen fand nicht statt. Es gab keine grundlegende Abkehr von der Arbeiterwerbung, die entsprechende Propaganda wurde immer fortgesetzt. Vor allem nach dem September 1930 sollte es, nicht zuletzt durch die reichsweite Etablierung der NSBO, zu einer regelrechten Offensive der Arbeiterpropaganda kommen. Zum Wahlergebnis bezog auch Otto Straßer Stellung. Im Gegensatz zu Gregor Straßer oder Frick sprach er von einer klaren Niederlage, die auf die Imitation altrechter Parolen zurückzuführen wäre. Die Überwindung des Marxismus hingegen sei nur möglich, wenn man den Arbeitern klar mache, dass der Sozialismus nur auf nationaler Grundlage funktioniere. Demnach sollten die linken Programmpunkte schärfer betont werden. Auch Graf Reventlow bemängelte, im Wahlkampf sei von Sozialismus nichts zu erkennen gewesen.

Pressekrieg und Machtkämpfe in Berlin und an der Ruhr

Der Dauerkonflikt unter den Parteilinken an der Ruhr eskalierte 1927 und 1928 so weit, dass Reichsorganisationsleiter Gregor Straßer sich zum Einschreiten genötigt sah. Der Ruhrgau wurde in mehrere kleinere Einheiten zerlegt, Karl Kaufmann als Gauleiter abgelöst. Damit hatte sich nach Berlin auch an Rhein und Ruhr die Parteilinke heillos zerstritten und war hier vorwiegend mit sich selbst beschäftigt. Dem Wirrwarr im Westen fielen anscheinend auch Absichten von Otto Straßer und Kaufmann zum Opfer, sich von der NSDAP abzuspalten und eine neue Partei „mit stärkerer sozialistischer Ausrichtung“ aufzubauen. Eine empfindliche Schwächung des Kampfverlages entstand dadurch, dass sich, eingeleitet durch Josef Terboven in Essen, die west- und norddeutschen Gaue schrittweise mit eigenen Presseorganen selbständig machten. Der KV versuchte mit allen Mitteln, die neuen Zeitungsgründungen zu verhindern, was Otto Straßer vor allem an der Ruhr zum Hassobjekt vieler ehemaliger Weggefährten machte.

Da Goebbels Terbovens Zeitungsprojekt unterstützte, griff der Konflikt auch auf Berlin über. Die Straßer-Brüder übten heftige Kritik am schlechten Berliner Reichstagswahlergebnis und an den Methoden von Goebbels: „Die zuständigen Parteistellen dieser Bezirke werden nicht umhin können, den Ursachen dieser Erscheinung nachzugehen und ihnen in der Arbeit der nächsten Monate und Jahre entsprechend Rechnung zu tragen.“ Goebbels rechtfertigte am 2. Juli 1928 seine demagogischen Methoden. Er gestand offen ein, gelegentlich übertrieben zu haben, aber wenigstens habe man gehandelt. Der Erfolg rechtfertige die Mittel, und die Kritiker wurden als „Besserwisser“ und „Spießer“ abgetan. Hitler solidarisierte sich mit dem Berliner Gauleiter und hatte eine nachdrückliche Aussprache mit den Straßer-Brüdern, in denen er scheinbar mit dem Ausschluss Otto Straßers und der Auflösung des Kampfverlages drohte. Auf der Generalmitgliederversammlung in München Ende August 1928 vergatterte Hitler seine Gefolgsleute auf Konfliktausgleich und Wahrung der Geschlossenheit für die anstehenden Wahlkämpfe. Zudem ordnete die Reichsleitung am 17. September an, dass die Parteipresse den Kampf nur nach außen führen sollte. Die öffentliche Erörterung interner Streitigkeiten hatte fortan zu unterbleiben. Wie so oft, wurde auch diese Anordnung ignoriert: Goebbels erklärte die Münchener Parteipresse öffentlich indirekt für unlesbar (dabei gleichzeitig dem KV Avancen machend), und Bodo Uhse äußerte in den NS-Briefen seine Kritik am Niveau der Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Hitler drohte daraufhin allen zuwiderhandelnden Redakteuren Maßregelungen bis hin zum Parteiausschluss an.

Die Reorganisation des Kampfverlages

Ende November 1928 wurden der „Nationale Sozialist“ und seine Kopfblätter, also die gesamte KV-Presse bis auf die offiziell noch zu Kaufmanns Verlag gehörenden NS-Briefe, auf die Dauer von zwei Monaten verboten. Die Zwangspause wurde zu einer Reorganisation des KV-Imperiums genutzt. Mit der Neuaufstellung kam der Kampfverlag völlig unter Otto Straßers Kontrolle, da er dank einer Vertretungsvollmacht von Gregors Ehefrau Else 70 % der Anteile in seinen Händen vereinte. Die restlichen 30 % lagen bei Hans und Anny Hinkel. Durch verlagsinterne Streitigkeiten und die politische Umorientierung Gregor Straßers in Richtung der „Konservativen Revolution“ lockerte sich das Verhältnis zwischen den Brüdern. Die NS-Briefe kamen ebenfalls unter die direkte Kontrolle Otto Straßers. Kaufmann wurde letztmalig am 15. September 1928 als Chefredakteur angeführt, und die Redaktion ging an Herbert Blank, während Otto Straßer die „geistige Leitung“ besaß. Goebbels, der zu dieser Zeit den Versuch Gregor Straßers und Himmlers abschmetterte, Otto Straßer als SS-Chef in seinen Gau einzubauen, visierte angesichts des vorübergehenden Ausfalls der Konkurrenz den Ausbau des „Angriff“ zur Tageszeitung an, und zwar in Anlehnung an den Eher-Verlag. Sein Ziel war es, dadurch ähnlichen Plänen des KV zuvorzukommen.

Die Landtagswahlen in Sachsen

Bei den Landtagswahlen in Sachsen am 12. Mai 1929 steigerte sich die NSDAP auf 5 % der Wählerstimmen und 5 Mandate, somit eine Schlüsselposition zwischen der bürgerlichen Rechten und der Linken einnehmend. Nun sondierte der aus dem Landtag ausgeschiedene bisherige Abgeordnete Hellmuth von Mücke am 29. Juni 1929 bei SPD und KPD zwecks Tolerierung eines Linkskabinetts durch die NSDAP. Die Linksparteien hielten sich nicht an die erbetene Diskretion und machten den Vorstoß öffentlich. Hitler erklärte daraufhin, es handele sich um ein rein taktisches Manöver, das allerdings mit der Reichsleitung abgesprochen war. Der ehrlich an einer Annäherung der NSDAP an die Linke interessierte Mücke erklärte daraufhin wutentbrannt seinen Parteiaustritt und attackierte die Nationalsozialisten als „willenloses Anhängsel der bürgerlich-kapitalistischen Richtung“. Für Hitler persönlich handelte es sich tatsächlich um ein perfides taktisches Manöver: Er wollte durch die zu erwartende Ablehnung des Tolerierungsangebots durch die Linke seinen Kurs einer Annäherung an die bürgerlichen Rechtsparteien in Sachsen rechtfertigen, der gerade in Sachsen starken Parteilinken den Wind aus den Segeln nehmen und zum anderen durch die Option eines Linkskurses den Druck auf das Bürgertum erhöhen. In der Folge kam dann auch eine von der NSDAP tolerierte bürgerliche Minderheitsregierung in Sachsen zustande, was eindeutig über die bisherige „taktisch-agitatorische Parlamentarisierung“ hinausging. Toleriert wurde bald auch in Mecklenburg. In beiden Fällen hatten die bürgerlichen Minderheitskabinette bestimmte Forderungen der NSDAP umzusetzen; bei Zuwiderhandeln konnten sie jederzeit gestürzt werden. Diese Position wurde auch von der KV-Presse akzeptiert, allerdings solle man niemals einen Ministerposten annehmen.

Bemerkenswert an der Affäre sind mehrere Dinge. Zunächst einmal hielt sich offenbar ein Teil der NSDAP für auch nach links koalitionsfähig (Kominternakten zufolge machte die Berliner NSDAP der KPD noch Ende 1929 das Angebot einer Zusammenarbeit in der Stadtverordnetenversammlung). Hitler wollte den prominenten Seekriegshelden Mücke trotz dessen Linksdralls in der Partei halten. Wie schon beim Sturz des schlesischen Vizegauleiters Rosikat und des pommerschen Gauleiters Vahlen, beides alte Mitkämpfer aus der AG Nordwest, und wie später bei F.W. Heinz, rührte Gregor Straßer keinen Finger für Mücke – ein mahnendes Zeichen für kommende Auseinandersetzungen mit der Münchener Führung. Sachsen sollte zum Anfang vom Ende für die NS-Linke werden. Sie konnte das Zusammengehen mit der Linken nicht erreichen und die Annäherung an die Rechtsparteien nicht verhindern. Das Ausscheiden Mückes war fatal, denn Gauleiter Mutschmann konnte seinen Griff auf den Gau weiter stärken und ihn mehr dem Mainstream der Partei annähern. Unter Heinrich Bennecke entstand eine eigene sächsische Regionalredaktion, die den Einfluss des KV auf das örtliche NS-Organ zurückdrängte und 1930 dann auch zur Keimzelle des neuen Gauorgans „Freiheitskampf“ werden sollte. Die Sachsenwahl leitete den Aufstieg der NSDAP ein – der scheinlegale Kurs zahlte sich aus. Es folgten am 27. Oktober 1929 7 % bei den Landtagswahlen in Baden 7 % und 11,3 % am 8. Dezember 1929 in Thüringen.

Reichsparteitag 1929

Mitte März 1929 liebäugelten Frick, Hitler und Gregor Straßer bereits mit einer nationalen Einheitsfront gegen den drohenden Young-Plan, der die Reparationsverpflichtungen Deutschlands bis in die 1980er Jahre regeln sollte. Goebbels reagierte beunruhigt auf diese Annäherung an die „Reaktion“. „Angriff“ wie KV-Presse überschütteten die bürgerliche „nationale Opposition“ mit einem Hagel von Anfeindungen. Der Gau Berlin war ebenso bestürzt wie sein Leiter, vereinzelt wurden schon Stimmen für eine Trennung von München laut. Goebbels beschloss, künftig den Einfluss der norddeutschen Richtung stärker gegen die „Münchener“ zur Geltung zu bringen. Wohin die Reise ging, wurde mit den massiven Umarmungsversuchen des VB anlässlich des Münchener Stahlhelmtages vom Juni 1929 deutlich.

Im „Angriff“ legte sich Goebbels mit einer Artikelserie auch weiterhin auf den sozialrevolutionären und arbeiterfreundlichen Charakter der NSDAP fest und forderte „den ersten deutschen Nationalstaat sozialistischer Prägung“. Otto Straßer beharrte auf der Gewinnbeteiligung gemäß Parteiprogramm, während Südhannovers Gauleiter Rust an der Verstaatlichungsforderung der 25 Punkte festhielt. Unter den Reichstagsabgeordneten der NSDAP kam es ebenfalls zu schweren Auseinandersetzungen. Auf dem Reichsparteitag von 1929 war dagegen Hitler nicht einmal mehr bereit, sich auf eine staatlich garantierte Gewinnbeteiligung einzulassen. Für die Reichsleitung erteilte Rosenberg jeglichen Verstaatlichungsforderungen eine klare Absage. Seine Grundsatzrede in Nürnberg richtete sich klar an die Adresse der Parteilinken: Politisch-weltanschauliche Diskussionen sollten fortan unterbleiben. Grundlagen des Nationalsozialismus seien nicht etwa Sozialismus oder Sozialreform, sondern die Rassenlehre und der Sozialdarwinismus. Immerhin gelang es, die NSBO reichsweit als Keimzelle einer NS-Gewerkschaft zu etablieren. Ihr eigentlicher Motor wurde Reinhold Muchow, ab Sommer 1929 auch Gauorganisationsleiter in Berlin und Verfechter einer ausgesprochen proletarisch-industriellen Variante des Nationalsozialismus. Die Konzentration vieler Parteistellen auf das Bürgertum war für Muchow schlimmster Opportunismus, durch den die NSDAP auf das Niveau einer radikalisierten Nur-Antisemiten- und Kleinbürgerpartei abzurutschen drohe.

Die „NR-Connection“

Ab Ende 1928 entwickelte sich ein nebulöses Beziehungsgeflecht zwischen Teilen der NS-Linken und radikalen nationalrevolutionären Intellektuellen sowie Aktivisten aus dem Umfeld der Bündischen Jugend (Freischar Schill, Kreise um die Zeitschriften „Das junge Volk“ und „Die Kommenden“). Seitens der NSDAP waren u.a. Otto Straßer, Herbert Blank, Bodo Uhse, F.W. Heinz, Walter Stennes und Joseph Goebbels involviert, auf der Seite der Nationalrevolutionäre sind Namen wie Friedrich Hielscher, Ernst und Bruno von Salomon, die Gebrüder Jünger, Hans Zehrer, Ernst Niekisch, Franz Schauwecker, Karl O. Paetel, Werner Lass und Arnolt Bronnen zu nennen. Die aus der NR-Szene in die Partei oder in ihr Umfeld (und in ihre Presseorgane) einsickernden Radikalen heizten die Diskussion um den legalistischen Kurs der Parteiführung und um die antikapitalistischen Programmpunkte weiter an.

Zu einer ersten Eruption kam es im Sommer 1929, als Vertreter der Kampf-Verlages und die Gauleiter Koch (Ostpreußen), Hildebrandt (Mecklenburg), Kaufmann (Hamburg), Kube (Kurmark), Brückner (Schlesien), Wagner (Westfalen-Süd) sowie Brandenburgs Vizegauleiter Rehm nach einer Fusion zwischen Parteilinker und Nationalrevolutionären strebten, um eine neue, sozialrevolutionäre NS-Partei aufzubauen. Mit F.W. Heinz wurde einer der maßgeblichen Drahtzieher aus der Partei ausgeschlossen, aber die gleichen Namen sollten während der Parteikrise von 1930 wieder auftauchen. Nur wenige Tage später versuchte die „NR-Connection“ sich an einer direkten Einflussnahme auf den Nürnberger Reichsparteitag, und zwar durch Verbreitung eines alternativen Programmentwurfs der „Sozialrevolutionären Linken innerhalb der NSDAP“. Auf selbigem Parteitag scheiterte auch der Versuch, die dem Nationalsozialismus nahe stehenden Jugendbünde und die HJ in einer Jugendfront zusammenzuschließen. Für weiteren Konfliktstoff sorgte die Tatsache, dass es von Teilen der „NR-Connection“ sowie von Bodo Uhses „Schleswig-Holsteinischer Tageszeitung“ Verbindungen zur terroristischen Landvolkbewegung in Norddeutschland gab. Rosenberg feuerte eine volle Breitseite gegen die Nationalrevolutionäre und die unzufriedene Parteilinke ab: Der zersetzende Einfluss des philosemitischen und probolschewistischen NR-„Literatentums“ sei bereits innerhalb der NSDAP sowie innerhalb einiger Gauleitungen und Redaktionen zu verspüren.

In Anbetracht der politischen Entwicklung der Gesamtpartei herrschte in Berlin eine beinahe sechsmonatige Waffenruhe, offenbar geriet man auch während der gemeinsamen Treffen mit der „NR-Connection“ nicht nachdrücklich aneinander. Mit der Ruhe war es jedoch vorbei, als Goebbels über Pläne Otto Straßers informiert wurde, ihn bei der in der Luft liegenden Berufung zum Reichspropagandaleiter als Gauleiter durch den Partei-Linksaußen Mossakowsky, seines Zeichens Fürsprecher eines „proletarischen Nationalismus“, zu ersetzen. Zugleich zeigte Goebbels sich wenig begeistert von der oben erwähnten Verschwörung gegen die Parteiführung. Einer Klärung der Angelegenheit wich Hitler wieder einmal aus.

Der Reichsausschuss gegen den Young-Plan

Am 9. Juli 1929 trat Hitler für die NSDAP dem vorwiegend von Deutschnationalen, Stahlhelm, Großgrundbesitzern und Großindustriellen gebildeten Reichsausschuss gegen den Young-Plan bei. Für viele Nationalsozialisten war der Young-Ausschuss der Inbegriff der bürgerlich-kapitalistischen Reaktion. Die Hamburger NSDAP unter Karl Kaufmann hielt sich während der gesamten Kampagne fern von den neuen Bündnispartnern, ebenso übte sich der Gau Berlin in systematischer Brüskierung von DNVP und Stahlhelm. Goebbels konstatierte, die Reaktion sei auch innerhalb der NSDAP auf dem Vormarsch. Die offizielle Begründung (Hitler unterrichtete die Partei erst am 25. Juli 1929, vorher mussten sich die Parteigenossen aus der Zeitung informieren) für den Beitritt zum Young-Ausschuss war, dass es sich um ein rein taktisches Bündnis handele. Die NSDAP beanspruche dabei die geistige Führung und werde weder ihre Unabhängigkeit, noch ihre politischen Ziele aufgeben – dabei war die Abkehr der Reichsleitung vom 25-Punkte-Programm spätestens jetzt mit Händen zu greifen. Nicht nur auf dem Reichsparteitag sprach Hitler die Absicht aus, die NSDAP solle die bürgerliche Rechte beerben. Der Rechtskurs wurde von Gregor Straßer unterstützt, der auf dem Reichsparteitag einen Antrag zurückwies, der allen NS-Parlamentsfraktionen Koalitionen mit der bürgerlichen Rechten untersagt hätte. Hartnäckig hielten sich Gerüchte, die Reichsleitung bereite eine weitergehende Allianz mit der DNVP vor, habe ein Vorgehen gegen den linken Flügel zugesichert und beziehe Gelder von Hugenberg. Der „Völkische Beobachter“ ging so weit, anlässlich des Todes von Stresemann der nationalliberalen DVP den Eintritt in den Reichsausschuss schmackhaft zu machen.

Der zu diesem Zeitpunkt noch von F.W. Heinz geleitete „Niedersächsische Beobachter“ kommentierte den Beitritt zum Young-Ausschuss, man hätte sich der Kampagne auch angeschlossen, wenn sie von KPD-Chef Ernst Thälmann geleitet worden wäre. Bereits Anfang August setzte eine antibürgerliche Welle von Angriffen und Abgrenzungsversuchen ein, die ihre Wirkung auf den Stahlhelm nicht verfehlte. Goebbels intensivierte seine Provokationen, indem er das Nationalheiligtum Hindenburg öffentlich angriff und die Führung des Young-Ausschusses für die NSDAP beanspruchte. Das Resultat war ein bis zur Machtergreifung nicht mehr abreißender Grabenkrieg mit dem Berliner Stahlhelm-Landesführer Stephani, der nicht zufällig gleichzeitig Vorsitzender des dortigen Young-Aktionsausschusses war. Während Hitler und Hugenberg in München Einigkeit demonstrierten, griff Goebbels im „Angriff“ zu schwerem Geschütz: Das deutsche Volk müsse nicht nur von den Weimarer Parteien, sondern auch von der Herrschaft einer schwarz-weiß-roten Parasitenkaste befreit werden. Stephanis Vorwurf klassenkämpferischer Tendenzen konterte er wie folgt: „Wenn er allerdings unter Klassenkampf die nun einmal notwendige Auseinandersetzung zwischen Geld und Arbeit versteht, den Kampf um die Eingliederung des Arbeiters in den Bestand der Nation, und zwar auch in wirtschaftlicher Beziehung, dann hat er vollauf recht; dann sind wir eine ‚Klassenkampf-Partei’.“

Ende November 1929 knirschte es bereits hörbar im Gebälk der Allianz, denn die Führung der DNVP ging auf Distanz. Die Deutschnationalen betonten zwar die Übereinstimmung in den außenpolitischen Zielen und ihren Wunsch nach einer engeren und langfristigen Allianz, aber die linken Tendenzen in der NSDAP wurden heftig kritisiert. Gregor Straßer und Rosenberg betonten daraufhin ebenfalls die politischen Unterschiede. Hitler gelang es indessen, den renitenten Goebbels mit Hinweis auf die Wahlerfolge der NSDAP von der Richtigkeit seines Kurses zu überzeugen. Der Parteichef war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an den originären Zielen des Nationalsozialismus, sondern an der Umsetzung von Parlamentsmandaten in politische Macht interessiert: In drei Jahren würden die Nationalsozialisten die Herren Deutschlands sein. Folgerichtig sprach sich „Der Angriff“ für eine skrupellose Linie in den Parlamenten aus: „Wir machen kein Hehl daraus: wir gieren nach Macht, und wir nehmen sie, wo wir sie bekommen können. (…) Wenn der Marxismus soziale Forderungen von uns unterstützt, können wir es ihm dann verbieten? Wenn die bürgerlichen Parteien mit uns auf nationale Belange eingehen, sollen wir so töricht sein, ihnen das vorzuwerfen?“ Mit einem Verzicht auf die Katastrophenpolitik und auf die Auseinandersetzung mit der „Reaktion“ sowie auf die Umsetzung des 25-Punkte-Programms sollte man das jedoch nicht verwechseln.

Kampf um die Tageszeitung für Berlin

Derweil nahmen die Absichten, trotz eines Parallelprojektes des Kampfverlages, den „Angriff“ ab dem 1. Februar 1930 zur Tageszeitung umzuwandeln, Gestalt an. Ein Vermittlungsversuch Mossakowsky zwischen Goebbels und dem KV wurde von ersterem zurückgewiesen, da er den „Angriff“ auf der Siegerstraße sah. In die Zuversicht hinein platzte dann die Absicht des Eher-Verlages, den „Angriff“ in ein Kopfblatt des VB mit einem von Goebbels geleiteten Berliner Lokalteil umzuwandeln. Zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass die für die Tageszeitung vorgesehene Druckerei erst zum 1. September 1930 betriebsbereit war. Als Kompromisslösung sollte der VB nun mit einem eigenen Berliner Lokalteil erscheinen. In der Öffentlichkeit machten bereits Gerüchte die Runde, der Eher-Verlag wolle dem Tageszeitungsprojekt des „Angriff“ das Wasser abgraben. Gänzlich verworren wurde die Lage, als der Kampfverlag ankündigte, „Der Nationale Sozialist“ solle ab dem 1. März 1930 ebenfalls als Tagesblatt erscheinen. Goebbels liebäugelte nun damit, den „Angriff“ ab dem 1. März auf tägliche Erscheinungsweise umzustellen und ihn im Herbst mit dem VB zu verschmelzen. Wohl Ende Januar kam es in München zu Verhandlungen Hitlers mit den Rivalen. Der VB sollte als Tageszeitung für Berlin herauskommen, der „Angriff“ daneben weiter erscheinen. Otto Straßer verweigerte den Verkauf des KV, wobei ihm der Parteichef klar machte, dass „nationalbolschewistische Tendenzen“ nichts in der Bewegung verloren hätten. Hitler zog bereits einen Boykottaufruf gegen den KV in Betracht. Trotz eines Verbotes durch Hitler trieb der Kampfverlag jedoch den Ausbau des „NS“ zur Tageszeitung voran – der „Angriff“ lief Gefahr, zwischen dem VB-Nord und dem „NS“ zerrieben zu werden. Goebbels konstatierte, in der Partei herrsche Anarchie, die nicht zuletzt durch Hitlers Führungsschwäche hervorgerufen werde. Der frustrierte Berliner Gauleiter legte seine Zeitungspläne vorerst auf Eis, um den Ausgang des Konfliktes abzuwarten.

Nachdem der „NS“ dann tatsächlich als Tageszeitung auf den Markt gebracht wurde, forderte Goebbels unter Rücktrittsdrohung die Reichsleitung zum Handeln auf. Hitler wies das Ultimatum wutentbannt zurück, ging aber auch nicht entschlossen gegen den KV vor und löste damit eine schwere Vertrauenskrise bei seinem Untergebenen aus. Zunächst blieb die Herausgabe der offenkundig gegen die NS-Briefe gerichteten neuen „NS-Monatshefte“ der einzige konkrete Schritt gegen den Kampfverlag. Mit der Forderung nach einer Parteisäuberung eröffnete Goebbels Ende März seinen Feldzug gegen die KV-Presse. Die Gründe für Hitlers Zögern sind vielfältig. Es hätte durchaus seiner häufig geübten Herrschaftspraxis entsprochen, nicht in den Machtkampf in Berlin zu intervenieren. Zum anderen beeinträchtigte der Konflikt zwischen den KV und dem „Angriff“ die Handlungsfähigkeit der unruhigen Parteilinken. Das Risiko einer offenen Parteispaltung war ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Ein weiterer Faktor war der Sturz von Reichskanzler Müller, der die Option auf Neuwahlen eröffnete.

Eintritt in die thüringische Landesregierung

Am 25. Januar 1930 gab Hitler bekannt, dass die NSDAP künftig in Regierungen in Kommunen und Ländern eintreten werde; den Anfang machte Wilhelm Frick als Innen- und Kultusminister in Thüringen. Durch die Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Rechten sollte dem Nationalsozialismus zu weiterer Verbreitung verholfen werden. Trug der Kampfverlag die bisherige Tolerierungspolitik noch mit, so versandte Otto Straßer nun eine Stellungnahme gegen den Regierungseintritt in Thüringen. Auch Goebbels betonte im „Angriff“ die politischen Unterschiede zum Bürgertum und sprach sich für mehr Distanz aus. Die beabsichtigte Annäherung an die bürgerliche Rechte erhielt jedoch einen empfindlichen Dämpfer, als die mit einem Agrarprogramm geköderte DNVP am 3. April 1930 ein Misstrauensvotum gegen den neuen Reichskanzler Brüning niederstimmte (u.a. gegen die Stimmen von SPD, KPD und NSDAP). Hitler kündigte daraufhin die Mitgliedschaft der NSDAP im Young-Ausschuss, den er ursprünglich ebenso wie seine bürgerlichen Partner als Keimzelle eines starken nationalen Blocks angesehen hatte. Um DNVP-Chef Hugenberg die Möglichkeit zu geben, seine innerlich zerstrittene Partei wieder auf Linie zu bringen und Brüning zwecks Neuwahlen doch noch zu stürzen, sollte der Austritt erst in 14 Tagen bekannt gegeben werden.

Die KV-Presse posaunte gab den Schritt jedoch, sehr zum Unwillen Hitlers, umgehend heraus: „Schon bei verschiedenen Anlässen erschien uns diese, aus einem einmaligen politischen Teilziel gegebene – und gebotene – Zusammenarbeit angesichts der geradezu historisch gewordenen Unzuverlässigkeit der Deutschnationalen Volkspartei als eine kaum tragbare Belastung für unsere Partei.“ Hitler stellte daraufhin klar, dass er bei aller Kritik am Verhalten der DNVP auch weiterhin an einer Kooperation interessiert war. Der Young-Ausschuss äußerte trotz scharfer Attacken durch die NS-Presse Verständnis für die Zwangslage des unter starkem Druck der Parteilinken stehenden NS-Führers, schrieb ihm aber nachdrücklich ins Stammbuch, endlich für politische Klärung innerhalb der NSDAP zu sorgen. Der „NS“ setzte nach, indem er Hitler daran erinnerte, dass er die Verwirklichung der 25 Punkte geschworen hatte. Zudem betonte man die sozial- und wirtschaftspolitischen Gemeinsamkeiten mit der KPD, griff „gewisse kapitalistische Kreise“ in der NSDAP an und konterkarierte so die Bemühungen um eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Rechten. Der bereits wieder mit dem Stahlhelm verhandelnde Hitler beschloss nun, gegen den KV vorzugehen, da er seine eigene Stellung bedroht sah. Um Zustände wie bei der DNVP zu verhindern, sei eine Parteisäuberung vonnöten. Der „NS“ reagierte, indem Herbert Blank öffentlich Stellung gegen Hitlers Alleinherrschaft über die Bewegung nahm. Die Treue zur Idee des Nationalsozialismus stehe über der Treue zur Person Hitler, der dazu noch in die Nähe des Verrats am 25-Punkte-Programm gerückt wurde.

Am Ende April 1930 versuchte Hitler im Rahmen einer Führertagung in München, die Linksabweichler zurechtzuweisen. Gregor Straßer wurde vor die Wahl gestellt, entweder den „NS“ einzustellen oder als Reichsorganisationsleiter entlassen zu werden. Der ROL sagte die Einstellung des Blattes zum 20. Mai zu. Anwesende Exponenten der Parteilinken wurden massiv kritisiert, ebenso der „Salonbolschewismus“ des Kampf-Verlages. Der Nationalsozialismus fuße nicht auf sozioökonomischen Kriterien, sondern auf der Lehre vom Kampf der Völker und Rassen. Die NS-Ideologie sei ein totaler Politikbegriff, der sich nicht in Einzelteile zerlegen lasse. Nachdrücklich beschwor Hitler die Einheit der Partei; Richtungskämpfe sollten vermieden werden. Zudem verkündete er die Ernennung von Goebbels zum Reichspropagandaleiter.

Bereits jetzt zeichnete sich ab, dass die KV-Gruppe auch innerhalb der Parteilinken in die Isolation geraten würde. Der Aufschwung der NSDAP war seit Sommer 1929 offensichtlich, eine Neuwahl des Reichstages möglich – kein besonders günstiger Zeitpunkt für interne Grabenkämpfe. Reinhold Muchow hatte sich schon Ende Januar hinter Goebbels gestellt, und Gregor Straßer bekundete wiederholt öffentlich seine Loyalität zu Hitler. Seinen Bruder hielt er bereits jetzt für einen größenwahnsinnigen Schreibtischtäter. Goebbels wiederum sah seinen „Angriff“ durch den Aufschwung des „NS“ bedroht und strebte danach, die ungeliebte Konkurrenz auszuschalten. Im „Angriff“ betonte er dabei seine Verbundenheit mit dem sozialrevolutionären Charakter der Partei. Die Differenzen zum KV waren also eher persönlicher und taktischer Natur.

Ministersessel oder Revolution

Beide Seiten übten sich zunächst in Dementis bezüglich der parteiinternen Konflikte, wobei Hitler und Gregor Straßer ihre Loyalität zueinander betonten. Seit Anfang Mai war es im Gespräch, dass Gregor Straßer und Hans Hinkel nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Otto Straßer und Herbert Blank aus dem Kampfverlag ausscheiden wollten. Als Ersatzmann war Graf Reventlow vorgesehen. Gregor Straßer konnte die zugesagte Einstellung des „NS“ jedoch nicht durchsetzen. In einem in der gesamten Parteipresse nachzudruckenden Aufsatz erklärte Rosenberg, Führer und Idee seien identisch und der Nationalsozialismus kein Experimentierfeld für Intellektuelle. Als Warnschuss wurde der mecklenburgische Gauleiter Friedrich Hildebrandt für sechs Monate beurlaubt, da sein Gau vor der offenen Spaltung stand. Da mittlerweile auch die Reichsregierung die Aktivitäten der Parteilinken und der „NR-Connection“ argwöhnisch betrachtete, distanzierte der VB sich mit Nachdruck von letzterer.

Nach erneuten scharfen Angriffen durch Goebbels gegen den „Radikalismus der Literaten“ gingen der KV und seine Verbündeten aus dem nationalrevolutionären Spektrum zur Gegenoffensive über. Man betonte die Verbundenheit zwischen dem Kampfverlag und den „Literaten“, die Bereitschaft zur revolutionären Zusammenarbeit mit der KPD, die Ablehnung der DNVP und den sozialrevolutionären Charakter des Nationalsozialismus. Zugleich setzten Gespräche über die Gründung einer neuen revolutionär-nationalsozialistischen Partei ein. Dieses Projekt sollte jedoch erneut scheitern, da Otto Straßer vor dem offenen Schulterschluss mit dem „Nationalbolschewismus“ zurückschreckte und sich auf die Unzufriedenen in der NSDAP konzentrierte.

Am 21. und 22. Mai 1930 kam es dann zur legendären Krisensitzung, an der Hitler, die Straßer-Brüder, Rudolf Heß, Max Amann vom Eher-Verlag und Hans Hinkel teilnahmen. Hitler wollte die Rebellion eindämmen und den Kampfverlag durch Eher aufkaufen lassen. Ähnlich wie 1926 wollte er seine Kontrahenten jedoch auch weiterhin in die Partei eingebunden sehen und bot Otto Straßer bei Einstellung seiner Disziplinlosigkeiten die Stellung des Reichspressechefs und ein Reichstagsmandat an. Im Weigerungsfalle sollte der KV zum parteifeindlichen Unternehmen erklärt und seine Parteigänger ausgeschlossen werden. Erneut prallten laut Otto Straßer die divergierenden Grundansichten aufeinander: Rassenlehre, Führerprinzip und Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Rechten gegen Vorrang der Idee und sozialrevolutionäre Ausrichtung. Bruder Gregor stellte die Auseinandersetzungen in einem Brief an den sudetendeutschen Nationalsozialisten Rudolf Jung abweichend dar: Im Mittelpunkt habe das Führerprinzip und keinesfalls die Sozialismusfrage gestanden. Otto Straßer sei auch mitnichten prononciert sozialrevolutionär aufgetreten, sondern in seinen Vorstellungen noch hinter dem Programmentwurf der AG Nordwest von 1925 zurückgeblieben. Hitler habe die vollständige Enteignung allen unrechtmäßig erworbenen Eigentums sowie die Schonung nur des Privatbesitzes zugesagt, der sich willig in den kommenden NS-Staat einfüge. Allerdings ist festzuhalten, dass Otto Straßer seinem Parteichef nach den Verhandlungen als Marxist reinsten Wassers galt. Zwischen den Straßer-Brüdern scheint es ebenfalls zu einer erneuten heftigen Auseinandersetzung gekommen zu sein.

Die als Gradmesser für den politischen Trend auf Reichsebene angesehenen Neuwahlen in Sachsen platzten in Hitlers Absicht, die Frage des KV endgültig zu klären. Hitler ließ es nicht sofort zum Bruch kommen, sondern wartete das Ende des Wahlkampfes ab. Öffentliche Uneinigkeit hätte den erwarteten Stimmenzuwachs gefährdet. Da Gregor Straßer im Rahmen der angestrebten Regierungsbeteiligung nach thüringischem Vorbild als Innenminister vorgesehen war, lief die Agitation des Kampfverlages seinen ureigensten Interessen zuwider.

Der Sturz Otto Straßers

Bereits Ende Mai sicherte Goebbels sich die Zustimmung seines Gaues zu seiner Absicht, die KV-Gruppe aus der Partei zu entfernen und untersagte jegliche Werbung für den „NS“ in Berlin. Hitler signalisierte, er benötige die innere Geschlossenheit der NSDAP, um gegebenenfalls taktische Zweckallianzen einzugehen, und sei es um den Preis einer Parteisäuberung. Der „NS“, wo man den Ernst der Lage offenkundig noch nicht begriffen hatte, begleitete den Wahlkampf in Sachsen derweil mit Angriffen auf die rechte Reaktion, griff Goebbels öffentlich an und beschwerte sich in München gegen seine Behinderung.

Da Goebbels sich während seines von Hindenburg angestrengten Beleidigungsprozesses wahrheitswidrig zum Opfer belgischer Peitschenhiebe im Ruhrkampf stilisierte, gedachte die KV-Gruppe, diese Steilvorlage gegen ihn auszunutzen. Derartige Räuberpistolen brachten dem Berliner Gauleiter schon früher einen offenen Brief des Frontliteraten Franz Schauwecker ein. Mossakowsky griff Goebbels auf Führertagungen in Berlin und Brandenburg heftig an und behauptete auch noch, der Gauleiter habe das Datum seines Parteibeitritts gefälscht, um als „Alter Kämpfer“ gelten zu können. Goebbels konterte mit der Einleitung von Parteiausschlussverfahren u.a. gegen Mossakowsky und sicherte sich die Zustimmung Hitlers dafür, endlich reinen Tisch zu machen. Mossakowsky trat freiwillig aus der NSDAP aus, da er vor dem mit Goebbels-Leuten besetzten Gau-Schlichtungsausschluss keine Chance für sich sah. Richard Schapke wurde am 26. Juni ausgeschlossen, nachdem er im „NS“ Stellung gegen die Koalitionspläne bezog und für eine klare Abgrenzung zur rechtsbürgerlichen Reaktion eintrat. Auf der Gaumitgliederversammlung wurden Otto Straßers Parteigänger des Saales verwiesen, und Goebbels präsentierte eine Säuberungsvollmacht Hitlers. Nun war die Abspaltung der „Revolutionären Nationalsozialisten“ von der NSDAP eingeleitet. Die Erklärung der Sezessionisten trug den irreführenden Titel „Die Sozialisten verlassen die Partei“. Eher hatte die vom Gang der Ereignisse völlig überrumpelte Funktionärs- und Journalistengruppe um den KV die NS-Bewegung verlassen.

Eine Parteispaltung hätte wohl nur bei Mitwirken des populären Gregor Straßer Erfolgsaussichten gehabt, und genau dieser beteiligte sich nicht. In jedem Falle wäre die Parteikrise vom Herbst 1932 anders ausgegangen, wenn die KV-Gruppe in der Partei verblieben und nach dem Muster von 1926 ihren Einfluss und ihre Netzwerke weiter ausgebaut hätte. Die Option einer Parteispaltung erschien gerade im Sommer 1930 als indiskutabel: Die Partei war im Aufstieg begriffen, und Neuwahlen zum Reichstag zeichneten sich ab. Die Mehrheit der Parteilinken verblieb innerhalb der NSDAP. Der Aufstieg der NSBO oder die beiden Stennes-Revolten widerlegten die Behauptungen Otto Straßers und seiner Freunde handfest – das sozialrevolutionäre Element war weiterhin in der Partei und der SA stark vertreten, und sein Vorhandensein spielte noch beim Blutbad des „Röhm-Putsches“ eine gewichtige Rolle. Die Abspaltung der KV-Gruppe gab Hitler jedoch seine Manövrierfähigkeit gegenüber der bürgerlichen Rechten zurück und stärkte seine Führungsposition. Mit dem Verschwinden des Kampfverlages gab es allerdings kein ernsthaftes intellektuelles Zentrum in der Bewegung mehr, um das sich die Sozialrevolutionäre hätten kristallisieren können – man konnte nicht mehr unabhängig von der Parteiorganisation abweichende Meinungen offen vertreten. Die sich seit längerem abzeichnende Spaltung des „Straßerismus“ war jetzt auch organisatorisch vollzogen, die „NS-Linke“ teilte sich in die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ und die reformistisch-parteilegale Gruppe um Gregor Straßer.



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Eine Antwort zu “Die „NS-Linke“ von 1925 bis 1930 – Versuch einer Organisationsgeschichte II

  1. xy April 15, 2010 um 11:25 am

    Beide Artikel sind echt genial. Bitte mehr davon. Würde gern wissen wie es weiter geht bis sagen 1939. Vor allem interessiert mich die Sache mit Röhm und was da wirklich wahr ist. Dann natürlich wie sozialistisch der NS dann letztlich war usw..

    Grüße

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