Arbeitertum

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Die „NS-Linke“ von 1925 bis 1930 – Versuch einer Organisationsgeschichte I

Teil 1: Die „Doppelgründung“ der NSDAP

Von Roland Lorent.

Frühe Auseinandersetzungen in der NSDAP

Die Wurzeln der Auseinandersetzung um die Interpretation des Nationalsozialismus sind kein Kind von 1925, sondern sie lassen sich bis in die Frühzeit der Partei zurückverfolgen. Namentlich die sudetendeutschen und österreichischen Nationalsozialisten legten den Schwerpunkt auf den Charakter als Arbeiterpartei und betonten den sozialistischen Charakter der Bewegung. In der Frühzeit der Partei wurde durchaus die Übertragung der Produktionsmittel an die Produzierenden (in Abgrenzung vom Staatssozialismus) diskutiert, man erkannte die Notwendigkeit entpolitisierter Gewerkschaften als Interessenvertretung der Arbeitnehmer an und dachte über Gewinnbeteiligungen nach; zudem distanzierte sich dieser „linke“ Parteiflügel zu Zeiten des Kapp-Putsches klar von Junkertum und rechter Reaktion. Im Machtkampf zwischen Hitler und Drexler im Jahre 1921 spielten auch Stellungnahmen der Parteilinken gegen den Großgrundbesitz und die Überbetonung des nationalistischen Charakters der Partei eine Rolle. Hitler hingegen legte von Anfang an das weltanschauliche Gewicht mehr auf die Rassenlehre und lehnte die soziale und ökonomische Revolution ab: Man müsse erst die geeinte Nation schaffen, bevor man sich an gesellschaftliche Reformen mache.

Die Janusköpfigkeit des Nationalsozialismus trat bereits 1923 zutage: Hitler legte auf dem Münchener Parteikongress vom Januar 1923 ein klares Bekenntnis zum Privateigentum und zur Unternehmerpersönlichkeit ab, und man paktierte in Norddeutschland mit der offen antisozialistischen und tendenziell gewerkschaftsfeindlichen Deutschvölkischen Freiheitspartei (wogegen sich schon sehr früh Widerstand aus den niedersächsischen Ortsgruppen regte). Demgegenüber beteiligte die NSDAP sich im März 1923 an einem großangelegten Bierbrauerstreik in Bayern, erkannte wirtschaftlich berechtigte Streiks generell an und präsentierte sich als Klassenpartei der schaffenden Arbeit, unterstützte die Völkischen Kampfgewerkschaften, betonte die Verstaatlichungsabsichten und verweigerte Streikbrucheinsätze.

Umstritten war auch die Haltung der NSDAP zur Parlamentarismusfrage. Nachdem man zunächst die eigene Organisationsbasis verbreitern wollte, um die Parlamente als Agitationsbasis zu nutzen, orientierte Hitler sich bald auf das Vorbild der KPD um: Außerparlamentarisch-revolutionäre Massenbewegung und revolutionäre Minderheit. Ein Gang in die Parlamente sollte nur dann erfolgen, wenn wirklich die Möglichkeit der Machtübernahme auf diesem Wege bestand. Nach Mussolinis „Marsch auf Rom“ obsiegte der putschistische Kurs. Das Parteiverbot nach dem Novemberputsch wurde dann von Rosenberg ausgenutzt, um durch ein Zusammengehen mit der DVFP die Parlamentarisierung der Bewegung einzuleiten. Die Staatsgewalt sollte unter Ausnutzung der polischen Institutionen erobert werden. Auf diese Linie legte Hitler sich dann im Sommer 1925 im 1. Band von „Mein Kampf“ fest. In einem Aufsatz vom August 1924 sprach sich Otto Straßer hingegen für eine Doppelstrategie aus: Geschlossenheit von Nationalsozialisten und Deutschvölkischen, Ausnutzung der Parlamente und zugleich Werbung um die Arbeiterschaft der industriellen Ballungsgebiete. Hiermit dürfte er auf der Linie seines Bruders Gregor gelegen haben, der ungeachtet seiner sozialrevolutionären Orientierung eine der Hauptantriebskräfte für die Allianz mit der DVFP war.

Das Direktorium der norddeutschen Verbände

Aus Protest gegen das Zusammengehen mit den als reaktionäre Klassenpartei des Bürgertums angesehenen Deutschvölkischen und gegen die Parlamentarisierung der Bewegung formierte sich im Juni 1924 das norddeutsche Direktorium. Diese Gruppe tat sich mit lautstarken Attacken auf den Parlamentarismus, die Auswüchse des Kapitalismus und das Bürgertum hervor und geißelte die Verwässerung des Nationalsozialismus durch Kompromisse. Das Direktorium umfasste Gruppen aus Westfalen, Bremen, Pommern, Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen und sollte Anfang 1925 Verbindungen ins mitteldeutsche Revier und an die Ruhr knüpfen. In Norddeutschland war eine vollkommen von den zerstrittenen Fraktionen der zerfallenen Bewegung unabhängige NSDAP entstanden, die sich bald in Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft umbenannte und mit Neugründung der alten NSDAP aufgelöst wurde. Die Keimzelle der späteren AG Nord-West hatte sich gebildet.

Interessant am Direktorium sind eine gewisse Skepsis gegenüber der Einheit von Führer und Idee sowie Angriffe gegen die byzantinistische Verhimmelung Hitlers. Insgesamt stand das Direktorium allerdings fest zu Hitlers Führerschaft, auch wenn es die Münchener Kamarilla (Feder, Propagandaleiter Esser, Streicher usw., also der süddeutsch-völkische Flügel) und das autoritäre Führerprinzip ablehnte. Zunächst stand das Direktorium dem „Zentralisten“ Gregor Straßer ablehnend gegenüber, doch sehr bald setzte eine Annäherung ein, was sicherlich auch durch die verwandten sozialrevolutionären Ambitionen und die gemeinsame Gegnerschaft zu den Münchenern erleichtert wurde.

Die Elberfelder Gruppe

In Elberfeld, dem Zentrum der Deutschvölkischen und Nationalsozialisten im Ruhrgebiet, regte sich derweil eine andere Gruppe Unzufriedener um Karl Kaufmann, Helmuth Elbrechter und Joseph Goebbels. Letzterer sollte, getrieben von antibürgerlichen Impulsen, als Chefredakteur der Zeitschrift „Völkische Freiheit“ zum Sprachrohr der „linken“ Hardliner im Westen werden. Goebbels betrachtete den Liberalkapitalismus und das Privateigentum an Produktionsmitteln als eine Bedrohung für Staat und Volk und forderte ihre Einschränkung, forderte eine kollektivistische Gesellschaftsordnung, wetterte gegen die „kapitalistische Diktatur“ und wähnte Europa im Entscheidungskampf zwischen Liberalismus und Sozialismus. Der Nationalsozialismus sollte mit den bürgerlichen Elementen brechen und einen kompromisslosen Revolutionskurs einschlagen, er sollte sich zur sozialistischen Revolution anstatt zur sozialen Reform bekennen. In Goebbels` Augen stand der Nationalsozialismus nicht auf der Rechten, sondern zwischen den politischen Lagern. Im Januar 1925 hatte er sich so weit radikalisiert, dass er sich in enger Nähe zum Klassenkampfgedanken und zum Leninschen Umsturzkonzept der revolutionären Minderheit bewegte. Dieser Kurs führte schon im Herbst 1924 zu internen Auseinandersetzungen, die mit dem Hinauswurf von Goebbels aus der VF-Redaktion endeten. Ähnlich wie beim Direktorium wurde die Freilassung Hitlers mit der Hoffnung auf die baldige Trennung von den Deutschvölkischen verbunden. Aber auch hier regte sich eine gewisse Skepsis gegenüber Hitler, und zwar wegen seiner unklaren Haltung bezüglich der „Reaktion“.

Die Doppelgründung der NSDAP

Am 16. Februar 1925 gab Hitler zu erkennen, dass er die NSDAP ohne Beteiligung der Deutschvölkischen wiedergründen werde. Sein Kurs für oder gegen die Parlamente blieb vorerst unklar, seine Erfolgskriterien waren die Vernichtung des Marxismus und die Verbreitung des Antisemitismus. Wohl am Folgetag kam es zu einer Vereinbarung mit Gregor Straßer. Straßer schloss sich der NSDAP erneut an, und zwar als Mitarbeiter und nicht als Gefolgsmann. Hitler erteilte ihm die erbetene Vollmacht, die norddeutsche Partei nach Gutdünken aufzubauen. Es folgte am 22. Februar 1925 die NSDAP-Gründungstagung in Hamm, also noch vor der Parteineugründung im Süden. Der von Anfang an in der Bewegung sehr populäre Straßer sicherte die Anerkennung der Norddeutschen für Hitlers Führerautorität und ihre Mitarbeit in der erneuerten Partei und setzte sich gegen örtliche Rivalen wie Adalbert Volck durch. Am 26. Februar 1925 betonte Hitler im „Völkischen Beobachter“ einen gewissen innerparteilichen Pluralismus: „So werde ich meine Aufgabe gerade darin sehen, den verschiedensten Temperamenten, Fähigkeiten und auch Charaktereigenschaften in der Bewegung die Bahn zuzuweisen, in der sie sich, gegenseitig ergänzend, zum Nutzen aller auszuwirken vermögen.“

Somit hatten sich in der NSDAP zwei Parteiflügel etabliert: Die aus der völkischen Bewegung des Kaiserreiches hervorgegangene Keimzelle und die vorerst auf Nord- und Westdeutschland konzentrierte Parteilinke. Die geistigen Stichwortgeber dieser Parteilinken entstammten eher dem Umfeld der „Konservativen Revolution“ als der politischen Linken. Diese Stichwortgeber hatten jedoch wenig mit der tatsächlichen Politik der NS-Linken zu tun, die sich auf Stärkung der Nation durch soziale Gerechtigkeit und Umverteilung ausrichtete. Dabei kann die Parteilinke nicht als sozialistisch im klassisch-marxistischen Sinne angesehen werden, aber sie vertrat durchaus sozialistische Forderungen und agierte dabei jenseits des üblichen Sozialpopulismus der NS-Bewegung. Ihre Sozialismusvorstellung schwankte zwischen sozialem Unternehmertum und Verstaatlichungen sowie Gewinnbeteiligung und innerbetrieblicher Mitbestimmung. Im Gegensatz zu ihren Vorläufern in der Früh-NSDAP orientierte sie sich mehr auf die konkreten sozioökonomischen Entwicklungen hin und formulieren ihre Vorstellung klarer, auch wenn man oftmals über Verbalradikalismus nicht hinauskam. Für die Durchsetzungsfähigkeit und Dynamik des Nationalsozialismus waren die sozialrevolutionären Standpunkte von enormer Bedeutung. Wenn man so will, lieferte die Parteilinke erst die Munition für den Aufstieg des Nationalsozialismus zur Massenbewegung.

Die Doppelgründung der NSDAP lief anders ab als von Hitler beabsichtigt. Statt einer zentral und straff von München aus geführten Bewegung entstanden außerhalb Bayerns allerorts mehr oder weniger unabhängige Parteigruppen „von unten“ her. Hitler bestätigte dann die vollendeten Tatsachen. Gaue und Ortsgruppen waren eher an seine Person als an die schwache Reichsleitung in München gebunden. Gerade die lokalen neuen Führer, die in die nordwestdeutsche NSDAP kamen, hatten eine andere Sichtweise Hitlers. Für sie war er nicht der gottähnliche Führer, der Schöpfer des Nationalsozialismus. Sie sahen sich ebenso als Gründerväter wie Hitler, waren doch auch sie am Aufbau und an der ideologischen Entwicklung beteiligt. Vor allem weil Hitler sich zu konkreten Fragen weitgehend ausschwieg, mussten sie die Politarbeit eigenständig entwickeln. Das daraus resultierende hohe Selbstbewusstsein konnte durchaus dazu führen, dass sie sich ebenso wie Hitler zu programmatischen Stellungnahmen berufen fühlten, und das hatte auch mit der Auflösung der AG Nord-West (siehe unten) kein Ende. München musste auf diese lokalen Führer Rücksicht nehmen, sie hatten eine hohe Bedeutung als Mittler zwischen Zentrale und Basis. Die dezentrale Struktur der frühen Neu-NSDAP war dazu angetan, die Vormachtstellung Hitlers als unumschränkter Führer zu bedrohen, wie sich bald zeigen sollte.

Bürgertum oder Arbeiterklasse?

Die NS-Linke sah die NSDAP als Arbeiterpartei der Hand- und Kopfarbeiter und drängte auf die Schaffung nationalsozialistischer Gewerkschaften. Die Parteiführung behandelte das Thema abwartend: Erst müssten ein geeigneter Kopf und ausreichende Geldmittel zur Verfügung stehen. Goebbels ging politisch weiter: Die NSDAP sollte in eine Klassenkampfpartei bei propagandistischer Konzentration auf die Arbeiterklasse umgewandelt werden, zudem forderte er die weitgehende Sozialisierung der Betriebe. Gregor Straßer setzte sich für eine quasi-sozialistische Organisation der Landwirtschaft und für eine kollektivistische Wirtschaftsordnung ein. Demgegenüber neigte die Redaktion des VB eher einem gezähmten Aktienkapitalismus anstelle einer Vollsozialisierung und einer gemäßigten Gewinnbeteiligung zu. Hitlers Auftritte vor dem Hamburger Nationalklub und der Ruhrindustrie belegen, dass er sich bereits jetzt um die Unterstützung der bürgerlichen Oberschichten bemühte. Vor den großbürgerlichen Kreisen betonte Hitler, dass es mit ihm keine Gewinnbeteiligung und keine Sozialisierung geben werde. Abgelehnt wurden durch die Parteilinke auch der Legalitätskurs und die Beteiligung an Wahlen, wobei jedoch die Gebrüder Straßer hier einen ähnlich pragmatischen Kurs wie Hitler verfochten. Damit setzte sich die Linie eines taktischen Ganges in die Parlamente durch. Für Zündstoff sorgte ebenfalls die von der Parteilinken geforderte Allianz mit Sowjetrussland, welche zu einer ersten öffentlich ausgetragenen Kontroverse mit Rosenberg führte.

Aufstieg und Fall der AG Nord-West

Schon auf der norddeutschen NSDAP-Gründungskonferenz in Hamm am 22. Februar wurde beschlossen, einen Westblock in der Partei zu bilden. Goebbels sollte die Geschäftsführung übernehmen. Auslöser waren neben politischen Differenzen die chaotischen Zustände in der NS-Parteizentrale und der Eindruck, dass Hitler von den falschen Personen umgeben sei – womit eine klare Fortsetzung der Konflikte aus dem Jahr 1924 vorlag. Zunächst einmal mussten sich die Rebellen im Gau Rheinland-Nord in einem monatelangen Machtkampf gegen Gauführer Ripke durchsetzen.

Das Westblock-Konzept wurde auf einem Treffen zwischen der Elberfelder Gruppe und Gregor Straßer am 20. August 1925 wieder aufgegriffen. Sowohl der bis nach Niedersachsen reichende Westblock als auch dessen geplantes Sprachrohr, die NS-Briefe, waren als Kampfmittel gegen „die verkalkten Bonzen in München“ geplant. Die nordwestdeutsche Variante des Nationalsozialismus sollte bei Hitler, nicht gegen ihn, durchgesetzt werden. Gregor Straßer hegte zu dieser Zeit einige Skepsis gegenüber dem Parteichef. Die Idee stand in seinen Augen über dem Führer, der seinen Wert wie jeder andere Aktivist auch zu beweisen hatte. Schon in einem Brief an Spengler vom Juli äußerte er, das 25-Punkte-Programm sei für die angestrebte soziale Revolution ungeeignet. Auch Goebbels war die Programmatik zu diffus. Der Münchener Parteileitung sollte die Initiative aus der Hand genommen werden. Wolfgang Horn bemerkt hierzu: „Seit 1925 ist die innerparteiliche Entwicklung der NSDAP gekennzeichnet durch das Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch Hitlers, Träger und Verkörperung des Nationalsozialismus zu sein, und dem Versuch eines Teils der Parteimitglieder, die von jeder programmatischen Bindung losgelöste Gleichsetzung von „Führer“ und „Idee“ durch die Konkretisierung des Parteiprogramms oder die innerparteiliche Diskussion tagespolitischer Fragen zu durchbrechen.“

Auf Initiative der Elberfelder Gruppe kam es am 10. September 1925 zur Hagener Konferenz, die den Zusammenschluss der Norddeutschen als AG Nordwest gegen die süddeutsch-völkische Konkurrenz besiegelte. Vertreten waren die Gaue von Rheinland-Süd bis Schleswig-Holstein. Als Vorsitzender der AGNW und Herausgeber der NS-Briefe war Gregor Straßer vorgesehen, die Geschäftsführung und die Chefredaktion sollte Goebbels übernehmen. Die Charakterisierung der AGNW als einheitliche und „sozialistische“ Oppositionsgruppe ist problematisch; sie enthielt selbst extremste Sozialdarwinisten wie Pfeffer; Punkte wie die Wahlbeteiligung, die Allianz mit der Sowjetunion oder die Orientierung auf die Arbeiterklasse waren heftig umstritten. Als gemeinsame Minimalnenner können genannt werden Antikapitalismus, Ablehnung des Antibolschewismus, kein Vorgehen gegen die Sowjetunion, Kritik am bürgerlichen Antisemitismus (der Antisemitismus sollte antikapitalistisch begründet werden), nationale und soziale Integration der Arbeiterschaft und hierfür Zugeständnisse und Bruch mit dem bürgerlichen Nationalismus mit seinem Beharren auf gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Vorrechten.

Der 22. November 1925 sah die 1. Konferenz der (um Berlin und Schlesien erweiterten) AGNW in Hannover. Man beschloss, jegliche Zusammenarbeit mit den Völkischen und den Wehrverbänden abzulehnen. Die Gewerkschaftsfrage überließ man der Reichsleitung zur Entscheidung, distanzierte sich aber gleichzeitig von den arbeitgeberfreundlichen „Gelben“. Über die Haltung zur Sowjetunion konnte keine Einigung erzielt werden. Das wichtigste Ergebnis der Tagung war der Beschluss, die 25 Punkte durch einen neuen Programmentwurf zu präzisieren. Gregor Straßer hatte mit Hilfe seines Bruders Otto bereits einen Entwurf ausgearbeitet; dieser sollte vor der nächsten Konferenz den Beteiligten zur Stellungnahme zugeleitet werden. Parallel dazu sollten Goebbels und Kaufmann einen eigenen Entwurf erarbeiten. Gregor Straßers Programm „Der Nationale Sozialismus“ ging Mitte Dezember in den Verteiler. Es stellte eher einen Verfassungsentwurf und eine gemäßigte Präzisierung der 25 Punkte als ein wirklich neues Programm dar. Durch Konkretisierung der 25 Punkte sollte die Parteiführung daran erinnert werden, dass die Bewegung ein verbindliches Programm hatte, sollte das Parteiprogramm gegen die süddeutschen „Rechtsabweichler“ verteidigt werden. Mit Aufnahme der Programmdebatte ging die AGNW über eine Fraktionsbildung hinaus und näherte sich einer Rebellion gegen Hitler an, hatte dieser sich doch noch im Juni offen gegen derartige Diskussionen ausgesprochen. Niemals danach wurde Hitlers Alleinherrschaft so massiv in Frage gestellt wie durch die AGNW. Die Chancen für einen Erfolg standen so schlecht nicht: Die AG hatte sich bereits bis nach Mecklenburg und an die Oder ausgedehnt und Kontakte nach Sachsen und Württemberg aufgebaut, zudem signalisierte der ebenfalls mit Esser verfeindete Rosenberg Verständigungsbereitschaft.

Auf der 2. Hannoveraner Konferenz vom 24. Januar 1926 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem als Vertreter Münchens anwesenden Gottfried Feder. Die in der Partei heftig umstrittene Frage der entschädigungslose Fürstenenteignung wurde mit der Enteignung der zugewanderten Ostjuden und der Beschlagnahme aller Bank- und Börsengewinne verknüpft (und damit mangels politischer Durchsetzbarkeit auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben). Ab Frühjahr 1926 sollte im neu zu gründenden Kampf-Verlag der Aufbau einer eigenen Wochenzeitung beginnen. Gregor Straßers Entwurf traf aus verschiedenen Gründen auf vernichtende Kritik. Die Göttinger und Pfeffer pochten auf das sozialdarwinistische Ausleseprinzip, die Rassenlehre und das Lebensraumprogramm – damit befand sich unter der linken AGNW eine rechte Oppositionsgruppe. Kaufmann und Goebbels wiederum war der Entwurf viel zu gemäßigt, während Feder die 25 Punkte verteidigte. Zu Auseinandersetzungen kam es auch um den Elberfelder Entwurf. Zwar kritisierte die AGNW die 25 Punkte oder besser deren Auslegung durch die Parteirechte, aber auf eine gemeinsame Gegenposition konnte man sich nicht einigen. Als Konsens sollte eine Programmkommission unter Gregor Straßer eingesetzt werden und das Ergebnis ihrer Arbeit München zur Stellungnahme zuleiten.

Der latente Konflikt mit München wurde nun zur offenen Auseinandersetzung, die Absage an die undifferenzierten 25 Punkte richtete sich im Grunde genommen gegen Hitler selbst. Zur offenen Trennung von dem in Hannover heftig kritisierten Parteichef wären, eine Mehrheitsentscheidung vorausgesetzt, jedoch nur Otto Straßer, Goebbels, Kaufmann und vielleicht Pfeffer bereit gewesen. Als einziger hätte Gregor Straßer einen politischen Machtblock von überregionaler Bedeutung zusammenbringen können, und dieser votierte für die Einheit der Partei. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Gregor Straßer dachte nicht an die Entmachtung Hitlers oder an eine Parteispaltung, er wollte lediglich den Münchener Flügel loswerden. Die Auseinandersetzungen innerhalb der AGNW zeigten auch auf, dass die Trennung vom Übervater Hitler den erneuten Zerfall der Bewegung heraufbeschwören konnte. Laut Pfeffer setzte sich die Erkenntnis durch, dass man lieber einen Führer mit Mängeln als gar keinen haben wollte. Hierzu passt die Anmerkung Hjalmar Schachts, Hitler sei nicht durch seine eigenen Fähigkeiten nach oben getragen worden, sondern immer nur durch die Unfähigkeit der anderen.

Das endgültige Desaster brachte dann die von Hitler anberaumte Bamberger Führertagung vom 14. Februar 1926. Kaufmann drängte im Vorfeld auf Festlegung einer festen Marschroute, aber Gregor Straßer war nicht zum Bruch bereit und wollte nur die Diskussion im Gang halten, während Goebbels sich in ungerechtfertigtem Optimismus übte. Hitler sorgte jedoch mit einer fulminanten Vierstundenrede für klare Verhältnisse: Bündnis mit Italien und Großbritannien gegen Frankreich, Lebensraumkrieg im Osten, kein Bündnis mit der Sowjetunion, Respektierung des rechtmäßig erworbenen Privateigentums, Verbot jeder Programmdiskussion. Der Flügelkampf stellte Hitler vor die Wahl, sich zwischen einem völkischen und einem national-sozialistischen Kurs zu entscheiden. Er fand den geeigneten Ausweg, indem er als dritten Weg sich selbst, seine eigenen Ansichten, zum Programm erhob.

Im Anschluss kam es in Göttingen zu einer Lagebesprechung, und die Elberfelder Gauleitung bekräftigte ihren „sozialistischen“ Standpunkt. Kaufmann und Goebbels legten Gregor Straßer nahe, gemeinsam bei Hitler vorzusprechen, um dem Münchener Einfluss etwas entgegenzusetzen. Gregor Straßer befürchtete zu diesem Zeitpunkt noch, der Gau Rheinland-Nord könne sich von der NSDAP trennen. Die 3. Hannoveraner Konferenz der AGNW am 21. Februar 1926 beschloss dann auch, nicht die Flinte ins Korn zu werfen. Der Einfluss der Parteilinken sollte durch Weiterarbeit in der Partei ausgebaut werden. Vom Scheitern der AGNW waren die Zeitungspläne nicht betroffen, zudem sollten die Gaue Rheinland-Nord und Westfalen, wie schon seit Dezember geplant, als Großgau Ruhr zu einem neuen Machtblock innerhalb der Partei fusioniert werden. Die AGNW schlief ein und wurde am 1. Juli 1926 mehr oder weniger stillschweigend durch Hitler aufgelöst.

Die „neue NS-Linke“

Mit der AGNW verschwand ein potenzieller Fremdkörper, aber die politischen Auseinandersetzungen setzten sich unter veränderten Bedingungen fort. Selbst der Münchener Glaubensgrundsatz vom Lebensraum im Osten blieb nicht unumstritten, da vor allem Graf Reventlow, aber auch Goebbels und Otto Straßer weiterhin mehr oder weniger deutliche Neigungen in Richtung einer Annäherung an die Sowjetunion erkennen ließen. Bamberg bedeutete also keinesfalls eine Dominanz der „völkischen Keimzelle“, die sich in der Bewegung letztlich nicht durchsetzen konnte. Ebenso wenig kann von einem Frontwechsel von Goebbels gesprochen werden, der auch weiterhin ein integraler Bestandteil der Parteilinken blieb. Der linke Flügel erholte sich schnell wieder und baute, teilweise durch persönliche Netzwerke, vor allem in den Industrieregionen im Westen, in Sachsen und in Berlin starke Positionen auf und etablierte den Kampfverlag, dessen Publikationen den VB in Norddeutschland weit überflügelten und von Zeitgenossen mit der Machtstellung Hugenbergs innerhalb der DNVP verglichen wurden. Die Parteilinke profitierte auch davon, dass Hitler ihre Köpfe einbinden wollte, zudem verstärkte sie sich durch Zuwachs aus dem Spektrum der Nationalrevolutionäre. Der „Führer“ umgarnte seine ehemaligen Rivalen mit der Zusicherung, man werde Großkonzerne, Verkehrswesen und Fertigwarenproduktion verstaatlichen. Zudem entfernte er den verhassten Hermann Esser aus der Leitung des Propagandakomitees, die im September 1926 durch Gregor Straßer übernommen wurde.

Die „neue NS-Linke“ war eine eigentümliche Mischung aus Stärke und Schwäche. Sie hatte keinen eigenen organisatorischen Apparat, aber die gesamte NS-Bewegung wurde nun von ihr durchsetzt. Die Unabänderlichkeitserklärung der 25 Punkte am 22. Mai 1926 erwies sich als unerwarteter Vorteil, denn nun konnte man das Parteiprogramm für sich nutzen und auf seiner Basis Kritik an der Münchener Politik üben.

Der Großgau Ruhr

Am 7. März 1926 hob ein regionaler Parteitag in Essen den Ruhrgau, von Goebbels als „neue Etappe im Kampf“ gefeiert, durch eigenmächtigen Zusammenschluss der Gaue Rheinland-Nord und Westfalen aus der Taufe. Die Führung nahm, satzungswidrig per Kollegialprinzip und mit Aufgabenteilung, das Triumvirat Goebbels-Kaufmann-Pfeffer wahr. München selbst bestätigte den neuen Gau und seine Führung erst mit einiger Verzögerung. Das ehrgeizige Projekt eines Westblocks en miniature scheiterte jedoch infolge politischer wie persönlicher Konflikte im Triumvirat und an den Intrigen der Bezirksleiter, die ihren jeweiligen Favoriten als alleinigen Gauleiter sehen wollten. Im Juni 1926 sahen sich Hitler und Gregor Straßer zum Eingreifen genötigt und regelten die Verhältnisse: Kaufmann wurde alleiniger Gauleiter. Goebbels und Pfeffer sollten andere Positionen erhalten; der erstere wechselte bald als Gauleiter nach Berlin, der letztere wurde Oberster SA-Führer. Die ehemalige Elberfelder Fronde war damit endgültig zerschlagen. An der Ruhr sollte noch jahrelang keine Ruhe einkehren, da Kaufmann außerstande war, seine Unterführer zur Räson zu bringen.

Goebbels übernimmt Berlin

Der heftig von Hitler umworbene Goebbels war im Sommer 1926 in beharrliche Reibereien mit seinen ehemaligen Freunden an der Ruhr, aber auch mit Gregor Straßer verwickelt. Nachdem die Angelegenheit bereits seit Juni 1926 im Gespräch war, kam da ein Antrag der Reichsleitung, Goebbels möge die Leitung des hoffnungslos zerstrittenen Gaues Berlin übernehmen, gerade richtig. Von einer Entsendung als Gegengewicht gegen die Parteilinke kann keine Rede sein. Das Verhältnis zu Otto Straßer war seit ihrer Bekanntschaft Ende 1925 relativ gut, und dieser führte den neuen Mann auch Anfang November 1926 in sein neues Amt ein. Goebbels setzte sich gegen den von der SA präsentierten Rivalen Hauenstein durch und reorganisierte die Berliner Partei. Bereits ab Dezember 1926 stellten sich jedoch ernstere Spannungen mit den beiden Straßer-Brüdern ein, deren Beweggründe vorwiegend im persönlichen Bereich zu liegen scheinen, aber auch Fragen wie den „revolutionären Typus“ und den Umgang mit Hauenstein betrafen.

In der Berliner NSDAP und SA ballten sich die rabiatesten Kräfte des Nationalsozialismus zusammen, was an der Ruhr nicht in diesem Ausmaß gelungen war. Goebbels entwickelte, nicht zuletzt dank seiner starken Identifikation mit den „linken“ Programmpunkten, seinen Gau zum radikalsten innerhalb der NS-Bewegung. In seinem „Abschiedsbrief“ von Anfang November 1926 bekräftigte er noch einmal seine sozialrevolutionäre Einstellung. Der aggressive und radikale Berliner Stil zeigte die Schwäche der Parteidoktrin auf und entwickelte ein Eigenleben, das auch auf andere Gaue auszustrahlen begann. Weitaus entschiedener als in der AGNW prägte sich eine neue Spielart des Nationalsozialismus aus. München war ab einem gewissen Zeitpunkt gezwungen, sich angesichts dieser Entwicklung aus seinem völkisch-antisemitischen Ghetto herauszubewegen und sich ebenfalls „moderner“ bemerkbar zu machen.

Die Gründung des Kampfverlages

Am 1. März 1926 wurde die Gründung des Kampfverlages mit Sitz in Berlin bekannt gegeben. Der bisherige „Norddeutsche Beobachter“ und seine Kopfblätter wurden auf die Zeitung „Der Nationale Sozialist“ umgestellt. Die „Berliner Arbeiterzeitung“ entwickelte sich schrittweise zur Hauptausgabe. Der „NS“ war als DIE Wochenzeitung der NS-Bewegung konzipiert und sollte neben dem VB und Rosenbergs „Weltkampf“ zu einem Zentralorgan werden. Da der VB in den nord- und westdeutschen Gebieten kaum vertreten war, fraßen die KV-Blätter sich direkt in dessen potenzielle Leserschichten hinein. Eine direkte Konkurrenz zum VB war nach Aussage Otto Straßers vom Dezember 1925 zunächst nicht beabsichtigt.

Antikapitalismus und Arbeitnehmerfragen

Grundsätzlich war die Notwendigkeit von NS-Gewerkschaften nicht umstritten. Erhebliche Differenzen gab es nur in der konkreten Umsetzung. Derartige Forderungen konnten sich auch nach dem Ende der AGNW mit klassenkämpferischen Tendenzen und der direkten Massenaktion von Gewerkschaften und Partei gegen das Finanzkapital verknüpfen sowie mit dem Gedanken, auch zu diesem Thema von Hitler eine Stellungnahme zu verlangen. Gregor Straßer, der schlesische Vizegauleiter Rosikat und Goebbels forderten vehement die Beseitigung der bürgerlichen Klassenherrschaft und die Einheitsfront der Schaffenden gegen das ausbeuterische Kapital (das bei Rosikat mit der Mehrheit aller Arbeitgeber gleichzusetzen ist). Goebbels reicherte diese Forderungen noch mit dem „Generalstreik gegen den Dawesplan“ an, der erstmals im Mai 1926 auftauchte. Ferner äußerten sich die drei Genannten in aggressiver antikapitalistischer Rhetorik, der es allerdings an konkreten Vorstellungen mangelte. Zumindest Rosikat war dieses Manko bewusst, denn er forderte eine schärfere sozialistische Programmatik für die Partei, stellte also die Unabänderlichkeit der 25 Punkte offen in Frage.

Demgegenüber begnügte sich eine Gewerkschaftstagung auf dem Weimarer Reichsparteitag am 3. Juli 1926 nur mit dem Beschluss, bestehende völkische Verbände zu unterstützen und auch innerhalb der marxistischen Gewerkschaften Einfluss zu gewinnen. Eine gewerkschaftliche Organisation innerhalb der NS-Bewegung sei in Vorbereitung (auf diese sollte der Arbeitnehmerflügel noch zwei Jahre lang warten). Hitler lavierte in der Gewerkschaftsfrage. Er wollte zwar das Potenzial der völkischen Arbeitnehmer einbinden, war aber nicht an der Stärkung einer überparteilichen Organisation interessiert. Hitler erkannte auch, dass eine NS-Gewerkschaft die Parteilinke stärken würde, zudem würde sie die innerparteilichen Auseinandersetzungen zur Wirtschaftsfrage verschärfen. Eine zu starke Orientierung auf die Arbeiterklasse hätte schwer kontrollierbare Auswirkungen auf die Struktur der NSDAP gehabt. Bereits jetzt sprach Hitler sich gegen eine gezielte Arbeiterpolitik aus, da es nicht gelingen werde, dem Marxismus Boden abzuringen. Zielgruppen sollten vielmehr auch der alte Mittelstand und die Angestellten sein.

Bruch zwischen den Straßers und Goebbels

Die Spannungen zwischen Goebbels und den Straßer-Brüdern eskalierten am 16. Februar 1927 nach einem Streit, der sich scheinbar um die Antisemitismusfrage drehte. Otto Straßer erschien dem Berliner Gauleiter fortan als böser Geist seines durch ihn angetriebenen Bruders, als der „Teufel der Bewegung“. Reibereien, Sticheleien, Verunglimpfungen und Intrigen entwickelten sich nun zum Dauerzustand, und den Goebbels-Tagebüchern zufolge nahm die Gruppe um den KV dabei eindeutig die Rolle des Angreifers ein. Der Verdacht liegt nahe, dass die KV-Gruppe nach einem Personalwechsel in der Gauleitung strebte. Bestrebungen von Goebbels nach einem Parteiausschlussverfahren gegen Otto Straßer scheiterten, da Hitler dem Problem auswich.

In der „Berliner Arbeiter-Zeitung“ vom 24. April 1927 erschien dann der berüchtigte Aufsatz Erich Kochs, in welchem Goebbels zwischen den Zeilen mit dem ebenfalls klumpfüßigen Talleyrand verglichen wurde, garniert mit dem Hinweis auf die negativen körperlichen und geistigen Folgen der Rassenvermischung. Womöglich war die Attacke eine Retourkutsche für Sticheleien des Berliner Gauleiters gegen die verworrenen Zustände im Ruhrgau. Die Angelegenheit uferte im Rahmen eines Uschla-Verfahrens zu einer wüsten Schlammschlacht zwischen Goebbels und den Straßers aus. Weiter unterminiert wurde die Stellung des Berliner Gauleiters durch das durch eine Serie von Radauszenen und Krawallen ausgelöste Verbot der Berliner NSDAP vom 5. Mai 1927. Im Gau regten sich Zweifel an der Richtigkeit der Goebbelsschen Taktik, auch Hitler äußerte Zweifel.

Kampfverlag contra „Angriff“

Joseph Goebbels trug sich bereits seit Ende 1925 mit der Absicht, eine eigene Zeitung herauszugeben, was damals am Widerstand der auf ihr Kampfverlags-Projekt setzenden Strassers scheiterte. Anfang 1927 liefen Gespräche des Gauleiters mit dem Münchener Eher-Verlag, um als faktisches Konkurrenzorgan zu den NS-Briefen die „NS-Monatshefte“ herauszugeben (der Plan wurde dann erst 1930 umgesetzt), was für nicht unerhebliche Verärgerung beim KV sorgte. Mitte Mai schied Goebbels aus der Redaktion der NS-Briefe aus, die fortan unter Herausgeberschaft Gregor Straßers von Kaufmann geleitet wurden. Unmittelbar nach dem Ausscheiden aus den NS-Briefen liefen die Vorbereitungen zur Herausgabe einer eigenen Wochenzeitung für Berlin an. Die Motive sind mehrdimensional. Zum einen beabsichtigte der KV, seine BAZ als Bindeglied für die Parteigenossen des aufgelösten Gaues Berlin einzusetzen. Diese Absicht war sicherlich auch bei Goebbels vorhanden. Zum anderen richtete sich „Der Angriff“ zwangsläufig gegen die Position des Kampfverlages, da er dessen Verkaufszahlen drosseln würde.

Der KV und auch Fricks Gruppe der NS-Reichstagsabgeordneten waren wenig erbaut. Nach hektischen Verhandlungen versuchte Hitler sich an einem Kompromiss: „Der Angriff“ wurde zum Privatorgan erklärt, offizielles Parteiblatt in Berlin blieb die BAZ. Hitler stellte sich hinter seinen Berliner Gauleiter und festigte damit dessen wankende Stellung. Öffentliche Attacken auf Parteigenossen sollten fortan in der NS-Presse nichts verloren haben. Somit war die Rolle von Goebbels gestärkt, aber die Parteilinke zerfiel fortan in zwei Lager. Zwar entwickelte sich der „Angriff“ zur Konkurrenz für den KV, aber zugleich verbreiterte er die publizistische Basis der Parteilinken. Das ab dem 4. Juli 1927 erscheinende Blatt agitierte ähnlich radikal wie der Kampfverlag, und weder „Der Angriff“ noch sein Herausgeber waren willenlose Werkzeuge Münchens.

Die Auseinandersetzungen nahmen indessen kein Ende, und erst nach mehreren Interventionen Hitlers vereinbarten die Kampfhähne einen „Straßerfrieden“. Goebbels, Gregor Straßer und Hitler sprachen am 19. Dezember 1927 gemeinsam auf einer Veranstaltung in München und demonstrierten Geschlossenheit. In der NS-Presse wurden umlaufende Gerüchte über Zerwürfnisse oder gar eine drohende Parteispaltung dementiert. Gregor Straßer hatte ohnehin wenig Interesse an einer offenen Parteikrise, übernahm er doch zum Jahreswechsel die Rolle des Reichsorganisationsleiters und wurde so zum zweiten Mann nach Hitler. In der Folgezeit zog er sich schrittweise aus dem KV zurück und verfolgte den Kurs eines Kompromisses mit Hitler. Dieser hatte zwar die ideologische Leitung, aber der ROL strebte danach, die Parteiorganisation und damit die praktische Politik der NSDAP unter seine Kontrolle zu bringen. Nach der ersten Spaltung der Parteilinken in Berlin teilte sich nun auch der „Straßerismus“ allmählich in zwei Gruppen, und zwar in eine eher gemäßigte Fraktion um Gregor Straßer und den radikaleren engeren Kreis um Otto Straßer. Diese Spaltung sollte dann auch bei der Parteikrise vom Sommer 1930 manifest werden.

Wird fortgesetzt.

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2 Antworten zu “Die „NS-Linke“ von 1925 bis 1930 – Versuch einer Organisationsgeschichte I

  1. 0hje April 13, 2010 um 7:20 am

    Sehr schöner Artikel, allerdings fehlt mir etwas die Beweislage für die Richtigkeit der Aussagen. Liegt wohl daran, dass man durch BRD-Schulung sehr misstrauisch wird wenn es um solche Themen geht.

  2. Dr. Bakterius April 17, 2010 um 10:59 am

    Man dankt. Bei den beiden Artikeln handelt es sich gewissermaßen um die komprimierte Version meiner Abschlussarbeit in Geschichtswissenschaften. Die Aussagen entstammen vorwiegend zeitgenössischen NS-Originalquellen. Wenn irgendwann mal Zeit da ist, arbeite ich den ganzen Kram sicherlich noch einmal auf (habe noch massenhaft zusätzliches Material mittlerweile) und dann wird auch mit Belegen und Quellen gearbeitet, versprochen!

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