Arbeitertum

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Karl-Ernst Naske – ein widerständiges Leben

Von Roland Lorent.

Vor langen Jahren wurde dem Verfasser dieser Zeilen nahe gelegt, doch vielleicht einmal einen Nachruf auf den 2003 verstorbenen Karl-Ernst Naske zu verfassen. Das Vorhaben verschwand dann infolge diverser Wirren in der Schublade, bis die Kameraden von der „Schwarzen Front“ mit einer entsprechenden Anregung an die Redaktion des „Fahnenträger“ herantraten. Nun denn, Karl-Ernst Naske hat einen Nachruf verdient, und er soll ihn bekommen. Einen Nachruf auf einen Mann, der rund 70 Jahre seines Lebens dem Einsatz für die nationalrevolutionäre Sache widmete. Dabei kannte „KEN“, wie er auch genannt wurde, wenige Berührungsängste nach rechts wie nach links und ließ sich auch von der scheinbaren Aussichtslosigkeit seines politischen Kampfes nicht abschrecken. Diesem Karl-Ernst Naske wollen wir uns nun in Form einer Art politischer Biographie zuwenden.


Frühe Politisierung durch SPD und Stahlhelm

Karl-Ernst Naske wurde am 11. November 1911 in Köln geboren. Schon sein Vater war national eingestellt, vernachlässigte darüber aber im Gegensatz zu vielen Nationalisten der damaligen Zeit die soziale Frage nicht. KEN durchlief die Volksschule und absolvierte eine Maurerlehre; anschließend besuchte er die Baufachschule und machte einen Abschluss als Bauingenieur. In die Politik geriet er nach eigenem Bekunden über im Umfeld der SPD-Linken organisierte Freunde – die Kontakte zur politischen Linken sollten ihn sein Leben lang begleiten. „Ich bin ein politischer Mensch. Alle Versuche auf sportlicher Basis, die nicht mal schlecht waren, fielen zurück, wenn es um Deutschland ging. Dann entschied ich mich für den aktiven Entscheid, auch im Handgemenge auf der Straße, obwohl ich dabei bisweilen einen bitteren Beigeschmack hatte. Manchmal meinte man, auf der falschen Seite zu stehen und auch im persönlichen Dialog mit dem ‚linken‘ Gegner klang das bei dem oft ähnlich.“ „Überhaupt hatte ich bei den ‚Linken‘ manchen aufrechten Charakter gefunden, der denen von ‚Rechts‘ nicht nachstand und sauberer war als bei gewissen christlich-bürgerlichen Heuchlern.“

Wohl auf der Baufachschule landete Naske mit einigen Kopfschmerzen beim Jungstahlhelm, nun im Spannungsfeld der Extreme stehend: „Ich hatte mittlerweile Bekannte nach rechts und links; rechts war ich mehr verankert, aber links zog mich das soziale Thema an und ließ mich nicht mehr los. Ich hatte den Eindruck, dass es rechts bei Hitler nicht genügend ernsthaft behandelt wurde, und links wurde der nationale Gedanke fast überhaupt nicht beachtet und abgelehnt, schon aus der damaligen Situation heraus als Ablehnung gegen rechts…Aber links ließ mich auch nicht los, denn im persönlichen Gespräch waren sie gar nicht so antinational, sondern stuften nur den nationalen Gedanken anders, als nicht vordringlich ein, und das soziale Elend war bei vielen ihrer Gefolgsleute stärker als auf der rechten Seite.“

Revolutionärer Nationalsozialismus

Unsere Hauptperson geriet dann aber um 1930 herum in das Sympathisantenumfeld des linken Flügels der NSDAP: „Hitler wirkte auf mich, so komisch das jetzt klingt, etwas zu kompliziert, um die Dinge, die anstanden, in Ordnung und Frieden durchführen zu können. Dagegen erschien mir Straßer mit seiner persönlichen Überzeugungskraft der Sichere, welcher auch auf alle in der NSDAP damals einen großen Eindruck machte. So bin ich schließlich an die Straßerei geraten. Faszinierend an den damaligen Ideen war die Sehnsucht nach einer Gemeinschaftsordnung zwischen rechts und links. Sozialismus als Form des nationalen Zusammenhalts, aber getrennt von Moskau. Gregor Straßer sprach von der ‚antikapitalistischen Sehnsucht‘ des deutschen Volkes, und die war schon damals zu spüren. Auch die Hitlerei – die Straßerei gab es ja erst hinterher – hatte das Thema bereits angeschnitten. In Arbeiterkreisen war deshalb Wirkung zu sehen. (…) Ich hatte mit ‚Links‘ Kontakte, aber diese Leute schienen mir politisch verbraucht, ohne gute neue Ideen. Der Gedanke eines nationalen Sozialismus ergriff stattdessen auch mich, als hätte ich danach gesucht. Gregor Straßers Losung von der ‚antikapitalistischen Sehnsucht‘ des deutschen Volkes erschien schlichtweg echt und im Wachsen begriffen.“ Dabei für Zusammenarbeit mit Sowjetunion, aber ohne ideologischen Kniefall: „…die Russen erschienen mir zu schematisch und auch ideologisch erstarrt.“

Der klassische Nationalismus spielte dabei nach eigenem Bekunden nur sekundäre Rolle; es dominierte die Parole eines Sozialismus auf nationaler Grundlage. Naske schloss sich nach der Trennung Otto Straßers von Hitler der Kölner Gruppe der „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ an. Schon vorher hatte er in Berlin Kontakte zum Kreis um Otto Straßer und vor allem zu Richard Schapke aufgenommen. Gemeinsam mit diesem agitierte er während der Stennesrevolte von 1931 die gegen das Münchener Parteibonzentum revoltierende SA. Hier erlebte Naske auch die vorübergehende Zusammenarbeit mit Anarcho-Syndikalisten und einigen Kommunisten, die gemeinsam mit den NS-Rebellen einen Saalschutz gegen die SA aufbauten.

Straßer erhielt damals den Zuschlag, weil der bei den Kreisen um die Nationalbolschewisten Karl O. Paetel und Ernst Niekisch vorfühlende Naske bei diesen konkrete Wirtschaftsideen jenseits von Parolen vermisste. Diese theoretische Schwäche Niekischs lag ihm noch 1990 im Magen: „Otto Straßer hatte seine Ständestaat-Vorstellung; seine Leute hatten weniger davon. Aber wie Niekisch sich das preußisch-soldatische Wirtschaftsleben vorstellte, habe ich nie erfahren können. Es hätte sauber sein, sich aber auch in Richtung SED entwickeln können, was aber auch mit Moral zu tun hat. Niemand hat es mir, uns, erklären können und ich fürchte, es gab da nichts. Was OS getan hatte mit seinem ständischen Aufbau, das unterließ Niekisch ganz. Ich bitte um Entschuldigung, wenn das nicht stimmt, dann wäre ich noch heute nach so langer Zeit dankbar für eine Mitteilung.“

Die Kölner Gruppe dümpelte trotz eifriger Agitation und Aufbau von Querverbindungen in die NSDAP vor sich hin, bis sich 1932 Wilhelm Kayser, HJ-Gruppenführer West, mit seinem Anhang von Hitler löste und sich der mittlerweile aus den „Revolutionären Nationalsozialisten“ hervorgegangenen Schwarzen Front anschloss. Kayser, übrigens ehemaliger Reichsvorsitzender der Jugendorganisation der rätekommunistischen KAPD, übernahm die Führung und machte Naske zu einem seiner engeren Mitarbeiter. Bei den Kölnern regte sich schon früh Unmut über Straßers Ständestaatspläne und seinen halbherzigen Sozialismus, führte aber im Gegensatz zu anderen Gruppen der SF nicht zur Abspaltung.

Widerstand gegen den real existierenden Nationalsozialismus

Nach der NS-Machtergreifung wurde die Schwarze Front als erste politische Organisation noch vor der KPD verboten. Wie zahlreiche andere Schwarzfrontler, so setzten auch die Kölner den politischen Kampf fort, wobei es auch zur Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit mit Aktivisten der „Sozialistischen Arbeiterpartei“ (SAP) kam, einer linksgerichteten Abspaltung der SPD. „Die Leute der SAP waren im Einsatz nicht weniger deutsch als unsere, einige eher ein bisschen besser als einzelne von uns, es war gutes Menschenmaterial.“ Neben Köln gab es auch noch in Essen eine SF-Gruppe. Die Essener brillierten mit einem legendären Flugblatt, das den Sturz Hitlers und eine Revolutionsregierung forderte, bestehend aus Otto Straßer, Claus Heim, dem Grafen Reventlow, Gregor Straßer, Ostpreußens Gauleiter Erich Koch und dem zur KPD übergetretenen NS-Renegaten Richard Scheringer. „Mit Moral hatte das nichts zu tun. Es gab ein Misstrauen gegenüber der braunen Geschäftigkeit. Und ich muss wohl sagen: Hitler lag mir nicht. Ich roch eine Katastrophe. Wirklich, so war es. Dazu kam – mit Einschränkungen der Hauptgrund – Gregors Aussage über die ‚antikapitalistische Sehnsucht‘ des deutschen Volkes. Ich meinte und fühlte diese von Adolf Hitler nicht aufrichtig, echt vertreten.“

Später ereiferte Naske sich über Sebastian Haffner, der Ernst Niekisch zum Hauptgegner Hitlers erklärte: „Nichts für ungut: heilige Einfalt! Wer damals dabei war, wer damals als Nationaler gelitten hat und misshandelt wurde, wer die Verhöre über sich ergehen lassen musste, wer verurteilt wurde, wer ins Zuchthaus oder KZ kam, der erfuhr am eigenen Körper sehr deutlich, dass man hauptsächlich Straßers Schwarze-Front-Leute suchte. Das ist nun einmal so. Nichts gegen Sebastian Haffner, den wir anerkennen; nichts gegen Ernst Niekisch, den wir schätzen und ehren. Wenn man philosophische Spekulation beiseitelässt, im Kampfe damals Mann gegen Mann oder genauer Mann gegen Männer in der Übermacht, war der akute Gegner des ‚großen Hitler‘ der ‚kleine Otto Straßer‘ und die Leute der Schwarzen Front; das hat man uns praktisch beigebracht und mancher von uns ist dabei auf der Strecke geblieben.“ Wir fügen hinzu, dass Niekischs „Widerstand“ bis Ende 1934 unbehelligt erscheinen konnte, während die Schwarzfrontler bereits reihenweise in Knästen und Konzentrationslagern des NSD-Regimes einsaßen.

Ab Ende 1935 rollte die Gestapo schrittweise die Kölner Gruppe auf, nachdem die SS einen Spitzel einschleusen konnte. Da es im örtlichen Polizeipräsidium in SA und SS zahlreiche Sympathisanten der Schwarzen Front gab, verbrachte man die Verhafteten gleich nach Düsseldorf. Naske saß hier in Zelle 4/29 ein – schräg gegenüber lag 4/5, die ehemalige Zelle Albert Leo Schlageters. Der Prozess fand dann 19. Januar 1937 vor dem Volksgerichtshof statt und endete mit teilweise harten Urteilen: Wilhelm Kayser 15 Jahre Zuchthaus, Wilhelm Zander (ehemaliger SA-Führer und nun Verleger) 12 Jahre Zuchthaus, Wilhelm Pertz von der SAP 10 Jahre Zuchthaus. Insgesamt wurden 18 Aktivisten von Schwarzer Front und SAP abgeurteilt, teilweise erlitten sie anschließend noch KZ-Haft oder landeten in einem Strafbataillon. Die meisten Inhaftierten wurden indessen erst 1945 durch die Alliierten befreit. Karl-Ernst Naske erhielt als der jüngste der Angeklagten 2 Jahre Gefängnis. In der Haft arbeitete er in der Baukolonne mit anderen Schwarzfrontlern, Kommunisten und sonstigen Marxisten zusammen. Man wahrte über politische Differenzen hinweg die Kameradschaftlichkeit untereinander, wie er noch Jahrzehnte später betonte. Die erwähnten Verurteilungen sind beileibe keine Einzelfälle, alleine Naske kannte 30 zu Haftstrafen verurteilte Revolutionäre Nationalsozialisten persönlich.

KEN wurde 1938 wieder entlassen und setzte sich auf Anraten eines wohlmeinenden Gestapo-Beamten als Bauingenieur nach Ostpreußen und später an die Ostfront ab, wo er auch den Krieg überstand. Dabei hielt er, wie nicht zuletzt sein autobiographischer Roman „Der halbe Partisan“ zeigt, weiter Kontakt zu Widerstandskreisen in Köln: Schwarzfrontler, Marxisten, Bündische. Dabei stand Naske dem nationalkonservativen Widerstand des 20. Juli skeptisch gegenüber: „Was beim Marxismus zu viel war, das war bei diesen Leuten zu wenig. Die konnten sich doch gar nicht in die Lage eines Arbeiters hineindenken, der eine Frau und zwei Kinder durchzubringen hatte. Wir dagegen meinten schon damals, dass eine neue Sozialordnung geschaffen werden müsste.“

Ein linker Straßerismus

Bereits in den frühen 30er Jahren wurden die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ und die Schwarze Front immer wieder von heftigen Richtungskämpfen heimgesucht, die mit dem Wechsel nicht weniger Aktivisten zu anderen nationalrevolutionären Gruppen oder zu den Kommunisten endeten. Auch in der entstehenden Bundesrepublik kam es zu einer solchen Auseinandersetzung, und hierbei spielte die Kölner Gruppe diesmal eine gewichtige Rolle. Die sich um Persönlichkeiten wie Hans Bauer (3 Jahre Zuchthaus unter den Nazis), Karl-Ernst Naske oder Peter Thoma (kam laut Naske von der KPD-Jugend zur Schwarzen Front) scharenden Kölner attackierten mit Vehemenz den rechten Flügel des Straßerismus. Dieser wurde damals von Kurt Sprengel aus Wildeshausen bei Oldenburg und dem ehemaligen NS-Bühnenregisseur Joachim von Ostau geleitet – Otto Straßer selbst wurde vom Adenauer-Regime die Wiedereinreise in die Heimat verweigert.

Sprengel wurde als „Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen hockt mit der Anmaßung früheren Amtswaltertums“ und als „echter, rechter Dünkelbold mit nazistisch-brauner Rederitis“ tituliert. Die Links-Straßerianer lehnten die Anerkennung des eher rechtsgewirkten „Bundes für Deutschlands Erneuerung“ als einzige straßeristische Organisation in Deutschland strikt ab. Sprengel konterte mit Ausgrenzungsversuchen gegen die Kölner. Diese merkten dazu an: „Wer sich dieser typischen Nazimittel gegen alte SF-Kameraden bedient, die als Straßerleute vieljährige KZ- und Zuchthausstrafen erduldet haben, sollte aus unseren Reihen in einen Ringverein überwechseln. Wer Maulhalten und Gehorchen als Voraussetzung für die Mitgliedschaft zum BDE fordert, beweist, dass er denkende Menschen nicht führen kann.“ Die Kritik richtete sich auch direkt gegen Otto Straßers Pläne: „Bedenklicher jedoch scheint uns die Wahl eines Präsidenten auf Lebensdauer und insbesondere dessen Befugnisse, verdienstvolle Männer in den Reichsrat berufen zu können. Präsident, Reichsrat und Reichsständekammer sollen gesetzgeberische Macht erhalten und ihre Gesetze sollen rechtswirksam sein, wenn zwei von den drei gesetzgebenden Körperschaften sie beschließen. Der auf Lebenszeit gewählte Präsident könnte also gemeinsam mit den Männern, die er in den Reichsrat beruft, jedes Gesetz beschließen. Ein wirksames Recht des Einspruchs steht dem nicht gegenüber. Nur die Beschränkung der Staatsgewalt bietet aber eine Sicherheit gegen die Diktatur. Der von Ihnen entworfene Aufbau des Ständestaats setzt gleichsam auf ein demokratisches Fundament ein autoritäres Stockwerk. Wir fürchten als Auswirkung solcher Machtbefugnis den Machtmissbrauch, die persönliche Prestigepolitik, einen Mangel an politischer Initiative, Elastizität und schließlich unter der Last der autoritären Staatsführung den Zusammenbruch des demokratischen Fundaments.“

Scharfe Attacken erfolgten gegen Otto Straßers Überbetonung des christlichen Bekenntnisses als Grundvoraussetzung für das Wahlrecht, gegen seine Geschichtsverdrehungen und seine politische Instinktlosigkeit. Gegeißelt wurden ferner die „Preisgabe der Geistesfreiheit“, „Höllenmaschinen gegen Freiheit und Demokratie“ in Straßers Konzepten, und man distanzierte sich scharf Distanzierung vom Neofaschismus: „Wir haben nicht unser Leben gegen eine braune Diktatur eingesetzt, um eine ähnliche heute zu bejahen.“ Otto Straßer selbst hatte schon 1949 in Rundschreiben vor den Kölnern gewarnt: Diese dürften nicht die Führung innerhalb seiner Anhängerschaft an sich reißen.

Die Kölner Gruppe arbeitete um 1949-1950 herum zeitweilig mit dem nationalbolschewistischen Flügel der zerfallenden „Sammlung zur Tat“ zusammen und schien, sehr zum Unwillen des überzeugten Antikommunisten Otto Straßer, Kontakte zu kommunistischen Organisationen in Ost- und Westdeutschland unterhalten zu haben. Verbindungen bestanden auch zur Neutralistengruppe um Wolf Schenke und zu Walther Stennes, der Veteranentreffen der Schwarzen Front organisierte. Karl- Ernst Naske stand auch mit dem nach Amerika emigrierten Nationalbolschewisten Karl O. Paetel in Kontakt; man traf sich auf jeder von Paetels Deutschlandreisen. Zusammen mit Thoma unterzeichnete KEN ferner einen Solidaritätsaufruf für den von den BRD-Behörden wegen seines Eintretens für die deutsche Wiedervereinigung eingesperrten Richard Scheringer.

Zu dieser Zeit schrieb Naske Anfang 1948 in Paetels Rundbrief „Deutsche Gegenwart“ bemerkenswerte Zeilen zur „Entnazifizierung“: „Vorgestern traf ich einen ehemaligen Hausbewohner. Bevor die Bomben uns auseinanderjagten, wohnten wir friedlich zusammen. Er ging schon früh zur NSDAP und zur SA und macht auch gar keinen Hehl daraus. Er ist einer von jenen wirklich Anständigen, die es auch gegeben hat. Leider waren sie nicht zahlreich genug. Heute wollen natürlich alle dazu gehört haben. (…) Die Entnazifizierung stufte ihn in Gruppe 3 ein. Das besagt „Aktivist“ und bedingt eine Art Polizeiaufsicht, Verbot einer führenden Stellung und Verlust der augenblicklichen. Da er tatsächlich nur Handarbeiter ist, hat man auf das letztere verzichtet. Wehmütig betrachtet er den Bescheid, er gibt zu, dass vieles falsch gemacht worden und viel Schuld aufgehäuft worden ist. Er meint nur, dass er unter den gegenwärtigen Umständen nirgendwo etwas Besseres sehe, auch hätte man ihn damit verschonen können. Er sei ausgebombt und habe für seine Familie kaum das nötigste Fressen. Sein Chef war nicht ganz so früh Parteimitglied geworden, von wegen des ‚Abwartens‘. Man hat das berücksichtigt. Niemand tritt ihm zu nahe. Er sei ja sowieso nur ‚Mitläufer‘ gewesen. So kompensiert er vor wie nach und lebt wie die Made im Speck.“ Naske zeigte sich frustriert von einer Entnazifizierung, die bürgerliche NS-Funktionäre schonte und proletarische Aktivisten von der Basis zu jahrelangen Haftstrafen verurteilte.

Aussöhnung mit Otto Straßer

1955 konnte Otto Straßer nach jahrelangem Rechtsstreit in die Bundesrepublik Deutschland zurückkehren, und erst jetzt lernte Naske ihn persönlich kennen. Aus den anfänglichen Spannungen entwickelten sich eine Duzfreundschaft und gegenseitige Achtung. KEN erkannte Straßers Antikapitalismus an, attestierte diesem aber einen unzeitgemäßen Charakter: „Die Formierungen der Gewerkschaften sind moderner als Du mit Deinem ewigen Ständestaat.“ Daher arbeitete Naske auch nicht im „Bund für Deutschlands Erneuerung“ und in der Straßer-Partei „Deutsch-Soziale Union“ mit,  leistete aber finanzielle Unterstützung.

1971 verfasste Karl-Ernst Naske das Vorwort für Peter Thomas Dokumentation „Der Fall Otto Straßer“ über die skandalöse Behandlung Straßers durch die BRD-Behörden (jahrelange Einreiseverweigerung, Verweigerung der Anerkennung als NS-Verfolgter usw.), die auch in Naskes Oppo-Verlag (siehe unten) erschien: „Die konservativen Meinungsmacher beschränken den Widerstand gegen den Hitlerfaschismus auf den 20. Juli 1944 und den Tatkreis auf eine Offiziersgruppe. Jene Arbeiter und Intellektuellen, die ebenfalls kämpften, erwähnen sie nicht. Besonders Otto Straßer, der Zeuge interner Zusammenarbeit Hitlers mit den Wirtschaftsführern, von denen heute mancher das „große Verdienstkreuz mit Stern“ trägt, passt nicht in ihr Aufklärungskonzept, wagt er doch den Widerstand wesens- und zielmäßig als antikapitalistisch zu interpretieren…Auch die Ständedemokratie und der deutsche Sozialismus, den die Schwarze Front erstrebte, hatte mit dem Rätegedanken und der sozialistischen Gesellschaft, für die ursprünglich die linken Arbeiterparteien und freien Gewerkschaften eintraten, viele Gemeinsamkeiten. Man hat in dem Bemühen der Schwarzen Front um eine Ausweitung der antifaschistischen Aktionseinheit den ersten Versuch zur Bildung einer Art Volksfront gesehen. Der Versuch, der unter dem Aspekt der damals akuten Faschismusgefahr und unter Ausschaltung der späteren Volksfront-Erfahrungen verständlich wird, ist an sich schon bemerkenswert. Da er an Parteidogmen, Organisationsegoismen und nicht zuletzt an der Fehleinschätzung des Hitlerfaschismus scheiterte, hinterließ er die bleibende Mahnung, dass die Sozialisten aller Richtungen bei ihren Auseinandersetzungen weder die Wiederholungsgefahr einer reaktionären Diktatur noch die Möglichkeit ihrer abwehrenden Aktionseinheit zerstören dürfen.“

„Opposition und Ziel“ – Querfront in den 60ern

Ab Oktober 1960 bis ca. 1962 gaben Naske und Thoma im eigenen Oppo-Verlag die Zeitschrift „Opposition und Ziel“ heraus, die man wohl als Querfrontprojekt im besten Sinne bezeichnen kann. Politisch kam in „Opposition und Ziel“ ein breites Spektrum von Ideen zum Ausdruck, das von neutralistischen, nationalrevolutionären und unabhängig-sozialistischen Tendenzen bis hin zu anarchistischen Positionen reichte. Zu den Mitarbeitern gehörte unter dem Pseudonym Stefan Stralsund beispielsweise der Anarcho-Syndikalist Helmut Rüdiger, ebenso waren Sepp Frey und Fritz Linow, Arno Klönne, Alfred Kantorowicz usw. vertreten. KEN engagierte sich dabei nicht nur für ein national-neutralistisches Deutschland auf sozialrevolutionärer Grundlage, sondern ebenso für die arabische Sache, die antikolonialen Befreiungsbewegungen und die Blockfreien-Bewegung und traf sogar mit dem jugoslawischen Staatschef Tito persönlich zusammen. Die Auflage lag zwar teilweise bei bis zu 10.000 Exemplaren, aber das Blatt ging schlussendlich ein.

Naske hierzu: „Als Organ freiheitlicher Sozialisten erschien im Oktober 1960 erstmalig die Monatszeitschrift ‚Opposition und Ziel‘. Sie setzte sich für die Beendigung des Kalten Krieges ein, da die innerdeutschen Probleme nur durch eine Entspannung lösbar werden, und wies auf die sozial-ökonomischen Zusammenhänge des Wettrüstens hin. Dabei konnte sie auf eine Analyse des östlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems nicht verzichten. Das Ergebnis verneinte den ursächlichen Zusammenhang der Ost-Westspannung mit dem Gegensatz sozialistischer und kapitalistischer Systeme. ‚In Osteuropa und besonders in Mitteldeutschland besteht eine Wirtschaftsordnung‘, schrieb unsere Zeitschrift, ‚in der die Produktionsmittel von einer kleinen Minderheit nach eigenem Gutdünken verwendet werden. Da diese Minderheit souverän die Verteilung der Güter bestimmt, und zwar nicht weniger ungleich als der Privatkapitalismus, verachtet sie die wirtschaftlichen und sozialen Grundrechte der werktätigen Bevölkerung. Die sowjetische Staatswirtschaft, die in den vier Jahrzehnten ihres Bestehens die Ausbeutung nicht beseitigte und somit einen kapitalistischen Charakter hat, ließ eine neue Herrenschicht, eine Neobourgeoisie entstehen, deren Herrschaftsmethoden autoritär, also antisozialistisch sind. Die Klassengesellschaft, deren Überwindung das Ziel aller sozialistischen Politik ist, hat im sowjetischen Machtbereich lediglich ihr Gesicht verändert, aber nicht ihr Wesen. (…) Die sozialistische Idee von der belastenden Praxis staatswirtschaftlicher Systeme zu distanzieren, gehörte zu den Aufgaben unserer Zeitschrift, die sich zudem um eine klare Interpretation des Sozialismus bemühte.“ (…) ‚Opposition und Ziel‘ hat die Denkergebnisse sozialistischer Theoretiker nicht als starre Formeln übernommen, um sie, den gewandelten Verhältnissen zum Trotz, zu verteidigen. Im Gegensatz zu den marxistischen Dogmatikern, die man als die utopischen Sozialisten unserer Zeit bezeichnen muss, bezog sie ihre Meinung über die Welt von heute nicht aus den sozialistischen Schriften des vorigen Jahrhunderts. Den Geist dieser Schriften hat sie allerdings nie verleugnet.“

Zu den weiteren publizistischen Aktivitäten gehörte die Herausgabe der „Straßer-Vorschau“ von 1958 bis zum Tode Otto Straßers im Jahre 1974. Naske veröffentlichte dort allerdings nie eigenes Material. Ab 1975 folgte dann das „Straßer-Archiv“. KEN hielt in den 70er und 80er Jahren engen Kontakt zu den aus dem Verwesungsprozess der von-Thadden-NPD entstehenden neuen nationalrevolutionären Gruppierungen (Solidaristen, Sache des Volkes/Nationalrevolutionäre Aufbau-Organisation und schlussendlich Nationalrevolutionärer Koordinationsausschuss), dabei mit Ratschlägen und finanzieller Unterstützung zur Seite stehend.

Michael Kühnen als Straßer-Sympathisant

Im Frühjahr und Sommer 1981 gab es einen interessanten Briefwechsel Naskes mit Michael Kühnen, der damals in der JVA Celle einsaß. Dieser bat ihn um Übersendung von Informationsmaterial und zeigte sich am „Straßer-Archiv“ interessiert. Kühnen: „Zwar besteht sicherlich keine Übereinstimmung in politischen Fragen, aber ich achte Otto Straßer als aufrechten Menschen, Patrioten und Revolutionär. Außerdem betrachte ich mich als ‚revolutionären Nationalsozialisten‘ und bin auch deshalb an den Gedanken Otto Straßers und seiner politischen Erben interessiert. Bereits Anfang der 70er Jahre war ich vorübergehend Bezieher der Straßer-Rundschau.“ (Brief vom 1. Juni 1981 an Naske).

Das Infomaterial bekam Kühnen damals noch von Otto Straßer direkt, wobei er die ehemals radikale Ausrichtung der Schwarzen Front vermisste: „Trotzdem vermisse ich im ‚Straßer-Archiv‘ eben das, was man damals im Unterschied zur NSDAP den ‚revolutionären Nationalsozialismus‘ nannte, der ja nun kein verwässerter, sondern ein konsequenterer NS sein wollte (die „Jakobiner“ gegen die „Girondisten“ der NS-Weltanschauung). Heute, wo sich in meiner Generation seit 10 Jahren ein radikaler, aber geistig noch wenig geklärter NS entwickelt, könnte aber gerade dieser vom Scheitern des Dritten Reiches unbelastete revolutionäre NS geistig einwirken, damit nicht alte Fehler wieder gemacht werden. (…) Wir bekennen uns also wie gesagt dazu (zum NS, der Verfasser), aber inhaltlich stehen wir in vielem dem nahe, was die Brüder Straßer ursprünglich vertraten! (…) Die Spaltung von 1930 ist in meinen Augen überholt – und meine jungen Kameraden denken überwiegend genauso. Sie war politisch verständlich, organisatorisch aber ja wohl ein Irrweg. Prof. Schüddekopf nennt Otto Straßer und seine Anhänger ja die ‚Trotzkisten‘ des NS – das sollte eine Warnung sein, wenn man das Schicksal dieser Abspaltung vom Weltkommunismus verfolgt, die nie wieder irgendwo politische Bedeutung gewann. Aber unabhängig von diesem organisatorischen Um- oder Irrweg, der bei der heutigen weltanschaulichen Einstellung der NS-Gruppen unnötig ist, hat die Idee eines revolutionären NS seine (sic!) berechtigte Anziehungskraft!“ (Brief vom 4. September 1981 an Naske).

Nationalpolitische Sicht – die letzten Jahre

1986 fasste Naske seine Publikationen mit anderen Organen zur „Nationalpolitischen Sicht“ zusammen. „Man mag unseren Eifer und unsere relative Winzigkeit gegenüber den vorhandenen bürgerlichen (auch nationalen) Parteien und Institutionen verlachen und sich übermächtig fühlen; wir wollen unsere Stimme dennoch erheben, in der Hoffnung, dass es nicht zu spät ist und weil wir wissen, dass im gegenwärtigen Umbruch auch rechts Bedürfnis und Verständnis dafür erwacht sind und wachsen.“ In Ausgabe II/1986 erfolgte die Klarstellung über den politischen Weg: „Wie meinen wir es denn? Aus nationaler, patriotischer Sicht, um rechte, gerechte Aussage bemüht, wollen wir uns äußern. Ob das alles ‚richtig‘ ist, im Nachhinein, liegt zur Zeit der Aussage nicht in unserer Erkenntnis, das müssen wir abwarten. Ganz klar sind wir für eine neue Sozial-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, ohne die es für Deutschland (und Europa) keine echte (rechte, richtige, gerechte) Zukunft gibt.  Wir bekennen uns zu der Auffassung, dass mit irgendeiner (neuen) ‚Hitlerei‘ keine Zukunft für Deutschland und Europa besteht: Das nächste, dritte Ende würde das letzte für uns sein. Wir scheuen aber auch das Wort ‚national‘ nicht und halten uns für national. Und da das Wort ‚rechts‘ im, Wandel ist und dennoch etwas ausdrückt, für das es noch kein Neues gibt, könnte man doch auch von dort sich rundherum umsehen.“

In I/1987 fügte Naske anlässlich des erneuten Sieges der Regierung Kohl bei den Bundestagswahlen hinzu: „Wir prüfen uns immer wieder, ob wir Kritikaster und Meckerer sind. Wahrhaftig, bei Gott, wir sind es nicht. Eine wirkliche Abkehr vom Alten, vorwärts ins Neue, geht nicht im Schneckentempo. Dazu sind schon Schritte notwendig, die dem veralteten spätkapitalistischen System an die Knochen gehen und Veränderungen einleiten. Aber jetzt geht die Murksflickerei weiter – und das nicht zuletzt, weil den Verantwortlichen, außer der Erkenntnis, die schöpferische Vorstellung fehlt. In unserem jetzigen Gesellschaftssystem ist dies zudem nicht möglich…Es herrscht eine merkwürdige Stille und man weiß, dass man noch einmal vier Jahre warten muss, ehe sich möglicherweise etwas verändert, so oder so. Wir haben es immer gesagt: Wir brauchen eine neue Gesellschaftsordnung, sonst wird unser Schicksal und unser deutsches Rest-Vaterland vertan. Aber in Bonn zeigt man sich geschäftig; der alte Trott wird neu moderiert. Schmerz und Trotz erfüllen das Herz eines jeden deutschen Patrioten und es bleibt nur die Pflicht, dass jeder an seinem Platz ausharrt, um zu tun, was möglich ist.“ Die NPS trug sich lange Zeit selbst, wurde jedoch nach der Wiedervereinigung 1991 eingestellt.

Mitte der 90er Jahre war KEN stark von Skepsis gekennzeichnet: „Ganz recht, die meisten der heutigen Rechtsradikalen liegen mir nicht, es fehlt der Tiefenwert. Lothar Penz und Eichberg sind anders, echter. Die 70er und 80er habe ich auch gekannt, sie sind heruntergebrannt.“ „War das alles, was hinter mir (uns) liegt, vielleicht doch nur etwas Kleines, Sekundäres, und kommt nicht doch noch Größeres, Schrecklich-Grandioses hinterher? Die Erdgeschichte, Weltgeschichte, macht, primitiv ausgedrückt, immer weiter. Sollte man nicht vergessen, dass Europa trotz aller Entwicklung, aller Zivilisation und Kultur nur eine Ausbuchtung oder der Versuchsarm einer viel größeren Landmasse ist, die sich langsam (anders) durchsetzen will – und wird?! Man denke auch an Oswald Spengler und Arnold Toynbee. Waren sie Propheten?“

Karl-Ernst Naske starb nach langer und schwerer Krankheit am 8. Januar 2003 in Euskirchen.

Dokumentiert:

Karl E. Naske: Nationalbolschewismus (Nachwort zu Erich Müller, Nationalbolschewismus, 1986)

Nationalbolschewismus – Was für ein Wort, welch ein Begriff! Ein Reizwort, ein Schimpfwort, ein Drohwort? Ein Unwort von nichtssagender Bedeutung (wohl nicht so ganz), über dessen Fragwürdigkeit sich schon Lenin mokiert haben soll? Meines Wissens wurde es auch immer in einem Wort geschrieben, obwohl um 1919 auch, gerade im bürgerlichen Lager, die Benennung „Deutscher Bolschewismus“ kurz aufgetaucht war. Das aber wäre noch schlimmer, noch „unlogischer“ gewesen. Nationalbolschewismus ging da schon glatter herunter. Es gab also nicht den Streit wie zwischen den Straßerbrüdern und Hitler, ob Bindestrich im Namen oder nicht, obwohl der damals für die schon etwas bedeutete. Aber ob Nationalbolschewismus nun mehr oder weniger „anrüchig“ war oder nicht, das ist unwesentlich gegenüber der politischen Grundhaltung, die schließlich doch vorhanden war und die der Bürger instinktiv fühlte, wenn auch deutsche Bürger schon frühzeitig nach Ende des Ersten Weltkrieges zu dieser Bezeichnung beitrugen. Denn das kann mit Entschiedenheit gesagt werden, die Männer, die damals nach 1918 sich unter der schwarzen Fahne suchend und tastend, aber doch mehr und mehr entschlossen in dieser Richtung sich zusammenfanden, waren nicht gemeinhin russo-prusso oder prusso-russo gestimmt. So war das nicht.

Der Erste Weltkrieg war verloren, das Vaterland gedemütigt und rundherum waren von ihm Stücke und Glieder abgetrennt worden. Ein schwerer, so genannter „Friedensvertrag“ war den Deutschen auferlegt worden, der in keine gute Zukunft führen konnte. Die Schöpfer des Superversailles von 1945 sollten darüber nachdenken. Die Männer, die 1918 heimkamen, sahen sich um und erblickten im Osten einen Staat, dem es ähnlich erging und dem die Welt keine Besserung gönnte.

Sie wollten nicht das fremde System, aber ihnen imponierte der Neubeginn für eine neue Gesellschaft. Dass es dabei robust zuzugehen schien, störte sie weniger, hielten sie doch selber noch das Gewehr im Arm. So einfach, so primitiv war das in der Hauptsache. Sie konnten es (noch) nicht ausdrücken, sie wollten ein echtes Volks-Vaterland und fühlten sich vom Westen enttäuscht und getäuscht.

Die schwarze Fahne hat in der deutschen Geschichte eine gewisse Tradition, besonders in Notzeiten, und so fanden sich Kämpfer unter ihr zusammen; obwohl das schwarze Tuch nur ein Aufruf und Übergang sein soll zu einer helleren Fahne, wenn es aus dem Dunkel der Nacht in den aufbrechenden Tag geht. Die Schriften, die damals aus der Gegenwartsnot geschrieben wurden, entsprachen dem Schrei des Aufbruchs. Damals, von 1919 bis 1932, brodelte der Topf noch, siedete noch das Blut. Was geschrieben wurde, geschah aus der unruhigen Lage heraus und es waren sozusagen Kriegsberichte mit versuchter Zielangabe.

Nach 1945 hörte man lange Zeit nichts mehr von diesem Thema, Deutschland war zerstört und leer, nur langsam kamen Flüchtlinge, Zerstreute und Kriegsteilnehmer in die besetzte Heimat zurück. Es war nicht wie 1918, wo Gruppen, oft wehrhafter Art, versuchten gestaltend einzugreifen und vielleicht daran dachten „ein Stück Wegs“ mit linken Leuten zusammengehen zu können. Das wurde von denen sogar angedeutet und hatte hüben und drüben nichts mit Nationalbolschewismus zu tun, misslang aber aus verschiedenen Gründen, die einer eigenen Betrachtung wert sein dürften.

1933 wurden auch diese echt-nationalen Gruppen zerschlagen, und nach 1945 ging es erst einmal ums nackte Weiterleben. Dann wurde es langsam besser und man kannte das Wort Nationalbolschewismus kaum noch. Aber siehe da, der Begriff erwies sich als zäh lebensfähig. Seine alten Vertreter sterben zwar aus und werden weniger an Zahl, aber junge Leute nahmen dieses neu-mystische Wort wieder auf, ohne damit eine Drohung zu beabsichtigen. Ein 40 Jahre ertragenes Regierungssystem der Nachfolger von Weimar ehemals lässt auch sie wiederum nach Neuem, Zukunftsträchtigem suchen. Und noch etwas kommt erstaunlicher Weise hinzu: Konservative Philosophen und Deuter drücken sich zunehmend so aus, als ob sie den  Nationalbolschewismus als Teil der konservativen Rückbesinnung anerkennen. Nun ja, ohne Ironie, das ist schon etwas und wir stimmen zu, wenn auch manche von ihnen geistige Hochformulierungen gebrauchen, die damals von den einfachen Kriegsveteranen wohl kaum so gedacht worden waren, abgesehen von einigen ihrer Exponenten, die anfingen den Sinn zu suchen. Wer zwischen 1919 und 1932 zum Nationalbolschewismus stand oder über ihn schrieb, tat es mit heißem Herzen und auch der Kopf konnte nicht kühl bleiben.

So ist es auch mit diesem Büchlein, es ist Historie. Der Verfasser, der eine Übersicht gab, und einige andere, brauchen sich ihre Aussage nicht zu schämen, denn es steckt auch heute noch, oder wieder, Sinn in der Materie.

Auch Historiker des Auslandes beschäftigen sich zunehmend mit dem Nationalbolschewismus, darunter fachlich hochwertige Leute, und wir wundern uns doch ein wenig, dass gerade die westlichen Nachbarn ihren kühlen lateinischen Intellekt an diesem noch immer (oder wieder) heißen Objekt erproben. Hatten wie von dieser Art „furor teutonicus“ mehr erwartet? Hätte er Einfluss gewonnen, wäre das nicht passiert, was später geschah, davon sind wir überzeugt.

Für uns aber hat sich, abgesehen von einem gewissen (noch) hohen Lebensstandard, seit damals nichts geändert. Kein Problem ist für den Eintritt in ein neues Jahrhundert gelöst, was auch zunehmend so empfunden wird.

Nach dem vollen Magen merkt man jetzt die Leere des Herzens. Man lasse sich nicht verwirren, der so genannte Nationalbolschewismus war die Suche nach einer eigenen nationalen Existenz ohne fremde Unterdrückung und ohne eigene Unterdrückung anderer mit einer neuen Ordnung für Körper, Geist und Seele, ohne die es keine Zukunft für Europas Mitte gibt.“

Literaturhinweise:

Günther Bartsch: Zwischen drei Stühlen. Otto Straßer: Eine Biographie, Koblenz: Bublies 1990
Olaf Ken (Karl E. Naske): Der halbe Partisan, Kreuzweingarten: Zeitbiographischer Verlag 1964
Erich Müller: Nationalbolschewismus. Aktuelles Nachwort Karl-Ernst Naske, Koblenz: Fölbach (3. Auflage) 1990
Peter Thoma: Der Fall Otto Straßer, Köln: Oppo 1971
Claus M. Wolfschlag: Augenzeugen der Opposition. Gespräche mit Hitlers rechten Gegnern, Dresden: Zeitenwende 2002
wir selbst 3/1984 (Gespräch mit Karl E. Naske)

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