Arbeitertum

Für eine klassenlose Gesellschaft | Gegen die imperiale Weltordnung | Für Volkstümlichkeit und Tradition

Vom Proletariat zum Arbeitertum (Ausblick)

Von August Winnig, 1930.

Was kann und was wird aus diesem Zustande werden? Kann die zunächst misslungene Standwerdung der Masse nicht doch noch gelingen? Ist dieses Scheitern unwiderruflich und muss es unwiderruflich sein? Ist es nicht doch möglich, dass sich noch einmal ein neuer Ansatz bildet, der nicht misslingt, sondern glückt und der Nation den neuen Lebensgrund gibt?

Auf diese Fragen lässt sich weder mit einem Nein noch mit einem Ja antworten. Man kann nur die Zustände und die Möglichkeiten, die man zu sehen glaubt, schildern und prüfen, man kann die Forderungen, die sie nahe legen, aussprechen. Damit aber sind wir an unserer Grenze angelangt. Man würde der sozialistischen Bewegung Unrecht tun, wollte man sie allein nach ihrem Vordergrunde beurteilen. Dieser Vordergrund ist allerdings hoffnungslos. Er bietet uns den Anblick einer politischen und menschlichen Entartung, einen Anblick von solch herabdrückender Trostlosigkeit, dass man sich ihm entzieht, sobald man kann. Diese Entartung ist kein Zustand, sondern ein Vorgang. Das Schlechte breitet sich aus. Die Geistesverfassung, aus der er sich nährt, dringt tiefer und tiefer in die Masse und ihre Bewegung ein. Der Fall Barmat, der eine Reihe einflussreichster Personen bloßstellte, hat nicht zur Besinnung geführt und hat nicht das luftreinigende Gewitter gebracht. Auf Barmat folgte der noch schlimmere Fall Sklarek, folgte die Aufdeckung des Berliner Gemeindesumpfes; und zwischen Barmat und Böß liegt eine ungezählte Menge artgleicher Fälle. Barmat verursachte immerhin noch eine merkbare Erschütterung; die späteren Fälle taten das nicht mehr. Jetzt ist die Bewegung daran gewöhnt. Die Entartung hat einen Grad erreicht, der unempfindlich macht. Sie wird noch weitergehen; denn wenn man die menschliche Verantwortlichkeit vor übermenschlichen Mächten leugnet, so muss man zuletzt auch das eigene Gewissen leugnen und es in die Ecke des Schweigens verbannen.

Es kann nicht anders sein, als dass menschliche Entartung auch politisch verhängnisvoll wirken muss. Aus ihr folgt unausweichlich auch eine politische Gewissenslosigkeit: sie macht fähig, die eigene unbequeme Einsicht zu verleugnen und gegen sie zu handeln. Dadurch wird auch das politische Leben von der Unwahrhaftigkeit durchzogen und auf abschüssige Bahnen geführt. Der Zusammenhang der menschlichen Entartung mit der gegenwärtigen drangvollen wirtschaftlichen und finanzpolitischen Lage Deutschlands liegt ganz klar zutage. Hätten die Führer der sozialistischen Bewegung einen solchen Mut zur ungeschminkten Wahrheit, wie sie ihn zur frisierten Lüge haben, so würden wir gerade unter einer sozialistischen Regierung der großen Schwierigkeiten wohl am ehesten Herr werden. Dass es umgekehrt ist, ist unser Verhängnis.

Aber ich glaube, dass dieses Schaubild der sozialistischen Bewegung eben nur ihr Vordergrund ist. Er beherrscht sie allerdings. Aber hinter ihm gibt es auch gesunde, tüchtige und achtenswerte Kräfte. Wird dieser bessere Hintergrund einmal wieder tätig werden und das Wesen der Bewegung bestimmen können? Wenn ich mit einem von der alten Garde spreche, mit einem der Männer, die vor zwanzig und fünfzehn Jahren das arbeitertümliche Wesen kämpferisch verkörperten, wenn von dieser entsetzlichen Entartung die Rede ist, so sagen sie: Wir müssen durch diesen Sumpf hindurch; es wird einmal wieder anders kommen, und dann werden wir abrechnen und ausräumen.

Ich glaube, dass hinter dem übeln Vordergrunde die Hoffnung und auch der Wille lebt, aus dem Sumpf herauszukommen, und dass jenes arbeitertümliche Wesen nicht vernichtet ist. Es ist entmutigt von seiner großen Niederlage, es fühlt sich schwach vor dem radikalen Intellektuellen, der den Vordergrund und die leicht zu verführende Waffe beherrscht.

Aber ich glaube nicht, dass diese gesunden Kräfte von sich aus den Kampf gegen die herrschenden Intellektuellen und ihren Massenanhang wagen werden. Sie tragen ihr Wesen, aber es ist bei ihnen noch nicht zur Idee geworden. Sie fühlen die Notwendigkeit des Kampfes und sehen die Fronten, aber sie fühlen sich schwach und wissen nicht, wofür sie eigentlich kämpfen müssen: ihr Gegensatzbewusstsein ist dumpfe Spannung, es ist von keiner Idee gerichtet. Nur ein kräftiger Anstoß von außen und ein werbendes Vorbild könnte sie in Bewegung bringen.

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Eine Antwort zu “Vom Proletariat zum Arbeitertum (Ausblick)

  1. Friedrich Wilhelm März 10, 2010 um 4:40 am

    Guter Text, August Winnig wäre heute genau wieder der Mann ,der diese Brd -Proleten zu echten deutschen Arbeitern mit Zunftstolz, Vaterlandliebe und Ehre führen könnte.

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