Arbeitertum

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Die „soziale Hängematte“ als Hirngespinst

Von Bakterius.

Seit Jahr und Tag kehrt es immer wieder aufs Neue wieder: Hetzkampagnen in der bürgerlichen Systempresse, Profilierungsversuche der manchesterkapitalistischen Reaktion, Präsentierung möglichst asozialer Kunstfiguren im Privatfernsehen. Richtig, die Rede ist vom bei Sozialreaktionären und Erzkapitalisten so beliebten Schlagwort von der „sozialen Hängematte“. Diese Parole soll suggerieren, dass es sich bei Deutschlands Arbeitslosen um einen Haufen arbeitsscheuer und moralisch defekter Parasiten handelt, der auf Staats- und Steuerzahlerkosten ein Leben in Saus und Braus führt. Mit der Lebenswelt beispielsweise alleinerziehender Mütter oder den Zivilisationsmüll unserer degenerierten Gesellschaft nach Pfandgut durchwühlender Senioren hat das jedoch wenig zu tun.

Eine Untersuchung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untermauerte die Realitäten. Die OECD verglich die Arbeitslosenversicherungssysteme von 29 Staaten miteinander, und dieser Vergleich fiel für das angebliche Hängemattenland Deutschland reichlich schlecht aus: Die Leistungen für Arbeitslose sind im westeuropäischen Vergleich dürftig. Ein alleinstehender Durchschnittsverdiener erhält nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit über Hartz IV nur noch 36 Prozent seines früheren Nettolohns. Zum Vergleich: Die Niederlande zahlen 61 Prozent, die Dänen 58 Prozent. Schon die Einstiegsleistungen sind im Vergleich andernorts höher als in Deutschland: Luxemburg und Portugal beispielsweise zahlen 85 Prozent des letzten Nettolohns aus, die BRD nur 60 Prozent. Deutschland  steht damit auf Platz 14 unter den 29 OECD-Ländern und nur knapp über dem OECD-Schnitt.
Angesichts der gezahlten lausigen Löhne kommen Erwerbslose mit minderjährigen Kindern, ob in einer Partnerschaft lebend oder nicht, auch durch Arbeitsaufnahme nur selten aus der Misere heraus. In Schweden beispielsweise verlässt man den Sozialhilfebereich bereits dann, wenn man nur 20 Prozent des Durchschnittslohnes verdient. Nicht so im Niedriglohnland Deutschland, wo man 75 Prozent des Durchschnittseinkommens mit nicht selten mehreren Billigjobs zusammenkratzen muss, um seinen Nachwuchs einigermaßen menschenwürdig aufwachsen zu lassen.

„Das liegt nicht an zu großzügigen Hartz-IV-Sätzen, sondern an den vergleichsweise niedrigen Erwerbseinkommen und der hohen Steuer- und Abgabenbelastung für Niedrigverdiener“, so der OCED-Experte Herwig Immervoll. Mit anderen Worten: Wer in Deutschland eine gering bezahlt Arbeit annimmt, darf nur einen kleinen Teil des zusätzlichen Einkommens behalten. „In anderen Ländern ist der kritische Punkt, ab dem sich Arbeit auszahlt, wesentlich früher erreicht.“ (…) „In Deutschland versucht man zwar, gezielte Anreize für eine Beschäftigungsaufnahme zu setzen, diese bezieht sich aber fast ausschließlich auf Mini- oder Midijobs. Das verändert aber nichts an der prekären Situation der Hartz-IV-Bezieher, die einer Art Armutsfalle ausgesetzt sind. Versuchen sie ihre Einkommen zu erhöhen, haben sie wenig davon. Mit Ausnahme von 100 Euro wird alles angerechnet. Nur wer einen großen Sprung mit seinem Verdienst nach oben macht, schafft es, sich vom Sozialsystem unabhängig zu machen. In anderen Ländern wird hingegen die Arbeitsaufnahme unterstützt, um es Familien langfristig zu ermöglichen, der Armut zu entkommen. In Irland beispielsweise fördert die Regierung im Gegensatz zu Deutschland eher existenzsichernde Beschäftigungen, während man hierzulande Jobs in die Förderung einbezieht, die letztlich dafür sorgen, dass Menschen es nicht schaffen, sich aus ihrer marginalen Situation zu befreien.“ Gesamtfazit der OECD: Nirgends in Europa ist es so schwierig, aus der Sozialhilfe herauszukommen wie in Deutschland.
Zu den Opfern von Hartz IV gehören ohnehin nicht Westerwelles Fans aus dem Lager der „Besserverdienenden“. Das Institut zur Zukunft der Arbeit ermittelte, dass im Jahr 2007 nur 1 Promille aller Hartz IV-Empfänger vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes mehr als 3500 Euro brutto im Monat verdienten. Nur weitere 10 Prozent verdienten vor ihrem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit mehr als 1500 Euro. Laut IZA kamen 80 Prozent aller Betroffenen vor ihrem Arbeitsplatzverlust nicht einmal auf ein Einkommen von 1000 Euro monatlich – DAS ist die Realität im kapitalistischen Klassenstaat Deutschland.

Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) lebten Zahlen aus dem Jahr 2008 zufolge (neueres Material vermag Deutschlands rückständiger Statistikapparat nicht zu liefern) 14 Prozent der BRD-Bevölkerung (Ostdeutschland 20 Prozent!) in Armut – 11,5 Millionen Menschen verfügen also nur über ein Einkommen, das bei weniger als 60 Prozent des Durchschnitts liegt. Rund 25 Prozent aller Jungarbeitnehmer (oder besser: Jungarbeitslosen) vegetieren in Armut dahin. Familien mit mehr als vier Kindern haben bereits ein Armutsrisiko von 36 Prozent. Besonders stark betroffen sind Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, die zu 40 Prozent in Armut leben. Seit 1998 hat sich insgesamt die Zahl der Armen um ein Drittel erhöht – eine Zunahmequote, die wie aus einem Drittweltstaat stammend anmutet.

Ich bin stärker als sämtliche Armeen der Welt.
Ich habe mehr Menschenleben zerstört als alle Kriege der Welt.
Ich bin tödlicher als Bomben und ich habe mehr Heime verwüstet als die mächtigste Belagerungskanone.
Ich vernichte jedes Jahr Tausende von Lohnarbeitern.
Ich erscheine an ungesehenen Stellen und tue dort am meisten Arbeit, wo ich am wenigsten vermutet werde.
Ich bin unstet und überall – in der Fabrik, im Hause, auf der Straße und auf der See.
Ich bringe Krankheit, Hilflosigkeit und Tod, und dennoch suchen nur wenige mich zu meiden.
Ich bin euer ärgster Feind.
Ich bin der Kapitalismus.

Aus: „Der Syndikalist“ Nr.49, 1925

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